Kultur
03.04.2018

Metallica-Gitarrist Kirk: „Das Kapitel Rock schließt sich!“

Der 55-Jährige spricht im KURIER-Interview über seine Liebe zur Klassik und die Spannungen in der Metal-Band.

Mit „Hardwired . . . To Self-Destruct“ veröffentlichten Metallica 2016 eine Platte, die auf Platz eins der US-Charts einstieg – wie jedes ihrer Studioalben mit eigenen Songs seit 1991. Backstage vor dem Wien-Konzert darauf angesprochen strahlt Gitarrist Kirk Hammett. Und plaudert dann im KURIER-Interview fröhlich über die Gründe für den andauernden Mega-Erfolg und ehrlich über seine Rolle bei den Machtspielen zwischen Drummer und Bandgründer Lars Ulrich und Sänger James Hetfield.

KURIER: Ihre Fans mussten acht Jahre auf das neue Album warten . . .

Kirk Hammett: Ja, das ist eine lange Zeit. Wir hatten schon im Herbst 2014 innerhalb von ein paar Wochen die Songs geschrieben. Das ist bei uns nie das Problem. Aber das Aufnehmen dauert bei uns immer sehr lange. Denn wir wollen dabei nicht nur alles perfekt spielen, sondern auch eine gewisse Atmosphäre einfangen. Und das ist halt nicht so leicht wie perfekt spielen. Das geht nicht mit dem ersten oder dem fünften Take. Und manchmal auch nicht im 15., sondern eben erst im 28. Take.

Sie haben während der Aufnahmen Ihr Telefon verloren, auf dem all Ihre Riffs und Songideen gespeichert waren. Hatte die Verzögerung auch damit zu tun?

Oh, das war echt schlimm für mich. Denn es hatte zur Folge, dass ich keinen einzigen Song auf diesem Album habe. Aber jetzt sichere ich alles, was ich dort aufnehme. Und ich habe überkompensiert: Ich hab jetzt schon eine Tonne von Ideen für unser nächstes Album.

Der Film „Some Kind Of Monster“ dokumentierte die Spannungen zwischen Lars und James zur Zeit der Entstehung des Albums „St. Anger“. Man sah, wie Sie zwischen den beiden standen, zu vermitteln versuchten, und wie die beiden ihre Konflikte mit Hilfe eines Psychologen lösten. Ist es dabei geblieben, dass Sie nicht mehr vermitteln müssen und – wie Sie danach sagten – die Band „wieder funktioniert“?

Na ja, ich weiß es nicht. In dieser Band ändert sich immer wieder alles. Aber was soll’s? Diese Typen sind meine Brüder. Ich bin für den Rest meines Lebens an sie gebunden. Da muss ich das Schlechte mit dem Guten nehmen. Und wenn es schlecht läuft, muss ich vertrauen, dass es gut ausgeht, weil wir genau das tun, wofür wir auf die Erde geworfen wurden. Es ist doch offensichtlich, dass wir bestimmt dafür waren, einander zu treffen, gemeinsam diese Musik zu machen und den Leuten Freude und Spaß zu geben. Wer sind wir, dem Universum das zu nehmen? Es wird mit Metallica nie perfekt laufen. Aber ich würde dieses Schicksal nie in Frage stellen.

Was im Film auch deutlich rauskommt, ist die große Leidenschaft, die Sie . . .

Oh ja, wir lieben was wir tun, und es gibt sehr viel Liebe für einander. Bis zu dem Punkt, wo es uns verrückt macht. Das ist wie in Familien: Eine starke Liebe kann sehr, sehr gestört sein.

Sie sagten vorhin, dass Sie sehr lange an der Atmosphäre eines Songs arbeiten. Warum ist Ihnen das so wichtig?

Weil das unseren Erfolg ausmacht. Mir war immer schon wichtig, nicht nur viele, schnelle Noten zu spielen, nur weil ich das kann, sondern damit ein Gefühl zu transportieren. Denn am Ende des Tages werden die Leute immer mehr zu Musik hingezogen sein, die sich gut und vertraut anfühlt, als zu Musik, die höchst anspruchsvoll ist, aber eine Herausforderung beim Zuhören. Für all meine Gitarren-Idole – für Jimmy Page, Jeff Beck, Eric Clapton und Jimi Hendrix – war Feeling wichtiger als die Technik. Denn sie waren von den großen Blues-Gitarristen beeinflusst. Und Blues ist nichts als Feeling. Ich bin aber übrigens auch von vielen österreichischen und deutschen Musikern beeinflusst.

Ah ja? Von welchen denn?

Strauss, Mozart, Beethoven, Wagner. Ich liebe klassische Musik, habe das gerade wieder entdeckt und viel gehört. Aber auch Jazz – John Coltrane, Thelonious Monk und Miles Davis. Manchmal fließt das direkt in Riffs und Soli ein.

Der Verkauf von E-Gitarren ist drastisch gesunken, weil die großen Idole dieser Zunft langsam wegsterben und es für die Jugend keinen Anreiz mehr gibt, dieses Instrument zu lernen . . .

Ich weiß, und ich fühle mich definitiv wie einer der Letzten einer aussterbenden Rasse. Aber das ist der natürliche Lauf der Dinge. Das Kapitel der Rockmusik schließt sich. Sie ist für die jüngere Generation das, was Jazz damals für uns war: Die Musik der Eltern, der man deshalb argwöhnisch begegnet und vielleicht hin und wieder etwas Tolles dabei findet. Und so wie sich damals das Kapitel Jazz geschlossen und dem Rock Platz gemacht hat, wird jetzt etwas Neues kommen, das vielleicht gerade irgendwo in einem Keller in Belgrad oder Aberdeen entsteht. Rock ist nicht tot, er wird auch nie sterben. Aber die Zeit von aktivem Enthusiasmus, davon, dass diese Musik ein Spiegel des Zeitgeistes war, ist auf jeden Fall vorbei.