kurier_20200904163100_02.jpg

© ORF/Günther Pichlkostner

TV-Tagebuch
09/04/2020

Ungewöhnliches bei "Stöckl": Lisa Eckhart erklärt Lisa Eckhart

Eine illustre Runde beendet die Sommerpause der spätabendlichen ORF-Talksendung. Und die im Zentrum einer Antisemitismus-Debatte stehende Satirikerin Lisa Eckhart zeigt sich überraschend auskunftsfreudig.

von Peter Temel

*Disclaimer: Das TV-Tagebuch ist eine streng subjektive Zusammenfassung des Fernsehabends*

Bei „Stöckl" ist wieder die neue Normalität eingekehrt. Wenn man in den vergangenen Sommerwochen einmal zufälllig bei einer der Wiederholungssendungen aus der Zeit vor Corona gelandet war, hatte man das Gefühl, einer fröhlich turtelnden Runde in einem Swinger-Club beizuwohnen.

Jetzt aber ist die Sommerpause beendet und wir sehen Barbara Stöckl und ihre Gäste wieder mit angemessenem Abstand nebeneinander sitzen. Am Donnerstagabend waren dies: Kabarettist und Theater-im-Park-Macher Michael Niavarani, die Satirikerin Lisa Eckhart, der Simulationsforscher Niki Popper und Brigitte Annerl, Präsidentin des überraschend erfolgreichen Fußballklubs TSV Hartberg und Chefin eines Pharmaunternehmens.

"Zwei dicke Glatzerte"

Stöckl ortet zu Beginn „eine gewisse Ähnlichkeit“ bei den Herren Niavarani und Popper und fragt den Wissenschafter, ob er öfter darauf angesprochen werde.

Popper stellt wenig überraschend fest, dass ihm das noch nie passiert sei, aber: "Zwei dicke Glatzerte sind vielleicht ein bisschen zu viel für eine Sendung.“ 

Der Einstiegs-Gag gehört also dem Simulationsexperten. Niavarani findet dessen Berufsbezeichnung "so lustig" und fragt Popper: "Ich würde gern bei meiner Frau eine Nierenkolik vortäuschen, wie macht man das?"

Es steht also 1:1 und die beiden "heimlichen Zwillinge" (so die Sendungsankündigung) schicken sich offenbar an, die Sendung als Best Buddies und Komiker-Duo zu bestreiten.

kurier_20200904163100_03.jpg

Schwierig

Popper, der den Österreichern mit seinen Covid-Analysen immer wieder die Wirksamkeit der Regierungsmaßnahmen erklärte, merkt noch an, dass das Wort „Simulationsforscher“ mehr oder weniger für die Medien erfunden worden sei, weil seine Tätigkeit, welche die Schönheit der Mathematik, die maschinelle intelligenz und Big Data zusammenbringe, ansonsten so schwierig zu erklären sei.

Schwierig zu erklären ist auch die Tätigkeit von Lisa Eckhart. Sagen wir es so: Irgendetwas zwischen der Schönheit der Satire, menschlicher Intelligenz und Big Hater. Dass ihre vor zwei Jahren im WDR ausgestrahlten Scherze über die #MeToo-Debatte, jüdische Klischees und Penislängen in Afrika irgendwann irgendwo zu einer Aufregung führen müssen, das hätte ihr Niki Popper wohl nicht extra ausrechnen oder simulieren müssen. Schließlich geschah das Erwartbare und die Veranstalter eines Hamburger Literaturfestivals luden die Steirerin (offiziell aus Sicherheitsgründen) aus – eine große Diskussion in Deutschland und Österreich setzte ein.

Eckhart, die in ihren Programmen so überkandidelt und verschroben auftritt, dass man sie gemeinhin für eine Kunstfigur hält, versucht diesen exaltierten Retro-Glamour auch bei ihren Talkauftritten herüberzuretten. Was ihr zweifellos, mit guter Vorbereitung und Improvisationstalent, gelingt. In Anspielung auf die von Niavarani bemühten, schon etwas abgegriffenen "acht Millionen Virologen" in Österreich, erklärt sie, dass im Zuge der Debatte um ihre Auftritte auch "acht Millionen Menschen, die ihre Definition von Satire präsentiert haben“, aufgetreten seien. Sie höre aber lieber auf qualifizierte Experten als auf "die Stimme des Volkes".

Kein Mitarbeits-Plus

Publikumsliebling Niavarani doziert dann über seine größte Erkenntnis aus der Covid-Krise. Er betrachte es als historischen Moment, dass Regierungen zum ersten Mal die Grundrechte der Bürger beschnitten, um etwas Gutes zu tun. Und jeder Einzelne könne Teil dieses Ganzen sein und "auf Befehl Leben retten".

Eckhart ist bei dem Begriff "Leben retten" vorsichtig, weil sie sehe, "wie das viele mit einer Selbstverliebtheit vor sich hertragen". Sie sage dann immer: "Ihr tötet niemanden. Das habt ihr vorher schon nicht gemacht, das ist das Minimum, was ich von einem gesellschaftlich akzeptablem Menschen erwarte. Also dafür gibt’s noch kein Mitarbeits-Plus.“

Sie beobachte, dass sich zwei Seiten gegenseitig hochschaukeln. Jene, "die aus infantilem Trotz die Maske verweigern" und jene, "die mit einem narzisstischen Stolz daherkommen und sagen: ‚Ich rette Leben, indem ich zu Hause bleibe‘.“ Das sei ihr "ein bisschen zuwider", denn diese Leute "haben jetzt keine Geflüchteten oder Whistleblower versteckt, sondern nur sich selbst. Und sie hat niemand gesucht, insofern war das jetzt auch nicht so gefährlich.“

Sich also etwas darauf einzubilden, dass man zu Hause bleibe, halte sie "für gefährlich", das züchte auf der Gegenseite nur "die Trotzköpfe".

"Demokratisierung des Helden"

Niavarani bleibt noch hartnäckig: "Ist es nicht das Schöne an dieser ganzen Krise, dass wir eben nicht Mutter Teresa oder Mahatma Gandhi sein müssen. Wir können fett, blad, ausg’fress’n auf der Couch liegen, weiterfressen, Netflix schauen ... tut mir leid, das darf man im ORF nicht sagen ... also ORF schauen und … na, des kann man nicht … also Netflix schauen und Leben retten. Das ist die Demokratisierung des Helden.“

"Das ist ja das Schlimme!", wirft Eckhart ein, "das ist ja um jeden Preis zu vermeiden“. Sie hänge schon sehr dem Heroismus an. Vor ein paar Monaten sei jedes Heldentum noch zur "toxischen Männlichkeit" erklärt worden, und jetzt sehe man lauter Helden, aber "nicht so, wie die Antike sie sich vorgestellt hat."

Niavarani gibt jetzt Eckhart einfach recht und macht einen schlechten Gag über Aspirin.

Im Schnelldurchgang

Was man sonst noch bei "Stöckl" vernimmt (keine Gewähr für Richtigkeit aller Angaben):

Niavarani wurde "aus künstlerischen Gründen" verboten, während des Lockdowns aufzutreten. Der Bundeskanzler hätte gesagt: "Sie san so schlecht, bitte spielen Sie nicht.“

Niki Popper hatte "auch fast" so ein Gespräch mit dem Kanzler.

Brigitte Annerl, Präsidentin des Bundesliga-Klubs TSV Hartberg, hat ein Unternehmen gegründet, das die Qualität und Schnelligkeit von Spermien erhöhen will.

Man soll nicht rauchen, nicht trinken, keinen Laptop am Schoß haben und die Hände nicht in die Hosentasche stecken, wenn man als Mann schnelle Spermien haben möchte.

In nordafrikanischen oder arabischen Ländern sind Männer einem sogenannten "Spermiogramm" gegenüber aufgeschlossener als in Europa.

Michael Niavarani glaubt, er sei aus einem faulen aber schlauen persischen Spermium entstanden, das dem schnellsten Spermium Geld angeboten habe, um das Rennen um die Gebärmutter zu gewinnen.

Brigitte Annerl findet das gar nicht so lustig. Ansonsten scheint sie viel Humor zu haben und gerne zu tanzen, vorwiegend in Fußballstadien.

Wenn es Hartberg mit vier Millionen Euro Budget in die Europa League schafft, ist das so, wie wenn jemand mit einem Dreiradler die Formel 1 gewinnt.

Die Hartberg-Spieler konnten die Qualifikation für die Europa-League-Qualifikation wie üblich feiern, weil sie ja alle auf Corona getestet werden. Sie mussten nur unter sich bleiben.

kurier_20200904163100_01.jpg

Niavarani kommt "eigentlich aus Horn, Umgebung von Gars am Kamp".

Niavarani hat unrecht: Hartberg liegt nicht in Tschechien. (Der Autor dieser Zeilen stammt aus Hartberg, er darf das also sagen.)

Niki Popper ist nicht verwandt mit Sir Karl Popper.

Die Omama von Lisa Eckhart würde ihrer Enkelin nur Eines nicht verzeihen: Dass deren Romanerstling "Omama" auf den Büchertischen liegen bleibt.

Man soll zum Buch "Omama" das heiter-morbide Lied "Omama" von Ludwig Hirsch in Dauerschleife hören.

Lisa Eckhart hat noch keinen Artikel über die von ihr ausgelöste Aufregung gelesen. Sie sei also "noch nicht vollends eingelesen in die Thematik“.

Seltsam

So viel kann Eckhart aber bereits sagen: Die Gesellschaft, die ihre Witze kritisiert, habe "wenig Freude mit Satire, mit kathartischem Schmerz", habe wenig übrig für "Ambivalenzen und Uneindeutigkeiten" und habe "sich die Postmoderne nicht so zu Herzen genommen wie sie es sich auf die Fahnen geschrieben hat".

Seltsam eindeutig dann folgende von Eckhart gedrechselten Sätze: "Eigentlich werfe ich in dieser Nummer Antisemitismus vor. Ich wollte denen (Kritiker von Woody Allen, Harvey Weinstein und Roman Polanski, Anm.) ja ein bisschen den Spaß vergällen mitten in diesem #MeToo-Furor und ihnen zeigen: Ihr habt da eigentlich Schutzbefohlene, die ihr euch da ausgewählt habt. Das war eigentlich mein Vorwurf an diese Menschen. Was dann völlig verkehrt wurde. Und das als antisemitisch zu sehen, und zu sagen, alle Mitglieder der jüdischen Gemeinde würden sich davon angegriffen fühlen, das unterstellt den Juden eine Humorlosigkeit, die fast an Antisemitismus grenzt.“ Sie beruft sich auf Mitglieder der jüdischen Gemeinde, die dies so wie sie sehen würden. 

Weiters kritisiert Eckhart, dass nur einzelne Passagen einer zwei Jahre alten Nummer herausgegriffen worden seien. "Da sind sehr viele, wie ich aber auch unterstelle, mutwillige Missverständnisse passiert", erklärt sie, "das hat die Leute recht in Rage versetzt. Aber zumeist Leute, die auch gerne in Rage versetzt werden.“

Sie resümiert: "Letztlich sind sich wieder zwei Lager unversöhnlich gegenüber gestanden und ich sehe am Horizont noch keine dialektische Lösung, die zufriedenstellend wäre."

Auf so eine Lösung sollte man auch nicht hoffen. Und das weiß Eckhart. Denn Satire ist, wie sie ja auch selbst immer wieder betont, nicht unbedingt eine Kunst, die sich erklären sollte. Umso seltsamer, dass Eckhart es bei "Stöckl" versucht hat.

LINK: Zum Nachschauen - "Stöckl" vom 3. September 2020 (sieben Tage lang verfügbar)

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.