Martin Thür, der Mann, der so gut war, dass ATV ihn immer noch plakatiert.

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Kultur | Medien
01/14/2019

TV-Tagebuch: Der größte Quotenerfolg von ATV war die "ZiB2"

Die neue "ZiB2 am Sonntag"mit Martin Thür: Die Sendung saß viel besser als der Anzug.

*Disclaimer: Das TV-Tagebuch ist eine streng subjektive Zusammenfassung des TV-Abends.*

Dass ATV noch einmal so gute Quoten haben würde, war eigentlich auch nicht abzusehen. Am Sonntag sahen fast 900.000 Menschen jenen Mann, der immer noch auf der ehemaligen Senderzentrale in Wien-Leopoldstadt plakatiert ist: Martin Thür. So erschallte es Schlag 21.50 Uhr durch fast ein Drittel aller TV-Haushalte: "Guten Abend, Herzlich Willkommen zur ersten ´ZiB2´ am Sonntag. Mein Name ist Martin Thür und wir beginnen heute wieder einmal mit der angespannten Schneesituation im ganzen Land." Super Quoten, falscher Sender.

Martin Thür. Romy-Preisträger, Privatfernsehjournalist, ORF-Herausforderer. Er ist nun Präsentator der "ZiB2", die er selbst in Interviews wahlweise als "Champions League" (ohne Pokal?) oder "Hochamt" (wegen Weihrauchs?) bezeichnet hat.

Wie soll man sagen: Die Sendung saß deutlich besser als der Anzug. Offenbar verfügt die ORF-Ausstattung nur über jede zweite Kleidergröße. Dafür spannte aber auch wirklich nichts, als der frischgebackene Sonntagabend-Moderator seinen ersten Stargast ansagte: "Und im Studio begrüße ich jetzt den Regierungskoordinator Norbert Hofer."
 

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Auch dem schien die Show zu gefallen, denn er setzte das freundlichste aller freundlichen Norbert-Hofer-Lächeln auf. Er war schließlich gekommen, um zu erklären, dass die nächste Regierung dank dieser Regierung die Kalte Progression abgeschafft haben wird. Doch der Reihe nach:

Thür will wissen: Warum wird die Kalte Progression erst in der nächsten Legislaturperiode abgeschafft?

Hofer, dessen logische Antwort auf ein "Warum?" ein "Aber" ist, lächelte mit dem zweitfreundlichsten Gesicht weiter: „Aber sie kommt."

Was dem Passagierjet die Schubumkehr, das ist dem Verkehrsminister die Schuldumkehr. Folgerichtig: "Das hat ja bisher keine Regierung getan. Was jetzt auch umgesetzt wird, nämlich, dass die kalte Progression auch abgeschafft wird.“

Die nächste Regierung könnte die fiskalpolitischen Meisterleistungen der aktuellen aber einfach abschaffen. Thür tastet sich an diesen Umstand heran.

Hofer unverdrossen, weil er offenbar in die Zukunft schauen kann: „Nun, davon gehe ich nicht aus. Zunächst einmal, die Maßnahmen, wir jetzt setzen werden, diese große Steuerentlastung, diese Netto-Offensive, wird weite Bereiche der Bevölkerung im positivsten Sinne betreffen“. Ein politischer Imperativ für Generationen von künftigen Ministern also. Und dass diese weiterhin so rechtschaffen und grundvernünftig agieren werden wie die aktuelle Truppe, zeichnet sich in Hofers Glaskugel ebenso ab: „Man wird sehen wie sich die nächste Regierung zusammensetzt, aber ich glaube, dass es nicht ganz unwahrscheinlich ist, dass möglicherweise diese Regierung ähnlich aussehen könnte wie die jetzige.“ Fazit: Die Kalte Progression kann sich wohl warm anziehen. Nach der nächsten Wahl.

"Wie kostet die kalte Progression bis 2023?" will Thür wissen. Der Beitrag im Vorfeld des Interviews hatte mehrere Rechenvarianten dargelegt. Sie reichen von 3,1 Milliarden bis 7 Milliarden bis 2020. Es gibt also durchaus unterschiedliche Betrachungsweisen mit erheblichen Abweichungen.

 

Hofer (hat offenbar nur mit einem Auge zugeschaut): "Sie haben die Zahlen gesehen. Man wird in etwa dort liegen."

Laut Bundesregierung wird die Steuerentlastung bei etwa sechs Milliarden Euro (inklusive Familienbonus) beziehungsweise 4,5 Millarden Euro (ohne Familienbonus) betragen. Bis 2021. Danach wird die Kalte Progression abgeschafft.

Im Freiheitlichen Wirtschaftsprogramm steht aber: Bis 2021 wird die Kalte Progression die Österreicher 6,2 Milliarden gekostet haben. "Das nimmt ihnen ja ein großen Teil der Entlastung wieder weg."

Hofer, argumentiert schnell mit erstens, zweitens, drittens und macht aus einem Punkt gleich zwei: „Aber trotzdem: Die Steuer- und Abgabenquote sinkt. Erstens. Zweitens machen wir keine neuen Schulden. Und zum ersten Mal seit 60 Jahren gibt es keine Neuverschuldung." Erstens, zweitens, erstens...Reden wir doch über etwas anderes.

Die Eingangsfrage zu so einem Gespräch ließ Thür übrigens unter den Tisch fallen. Was bitteschön ist das, die Kalte Progression?

Wikipedia sagt: "Die kalte Progression im engeren Sinne ist die Steuermehrbelastung, die im Zeitablauf dann eintritt, wenn bei einem progressiven Einkommensteuertarif der Grundfreibetrag und die Tarifkennlinie nicht an die Preissteigerungsrate angepasst werden. In der nebenstehenden Grafik wird die relative Belastung durch die kalte Progression in Abhängigkeit von dem zu versteuernden Einkommen und der Inflation dargestellt. Die kalte Progression führt vor allem bei unteren und mittleren Einkommen zu einer relativ höheren Belastung durch die Einkommensteuer, wobei die Auswirkung am Endpunkt einer Progressionszone am höchsten ist." Puh.

Als der FPÖ-Mann dann noch die Caritas lobt, ist schlussendlich auch Thür so verwirrt, dass er in die falsche Kamera schaut.

Dennoch: Gelungener Einstand. Kein Weihrauch, aber auch kein Pokal.