Moretti als Journalist in der Krise, der sich ins Ferienhaus zurückzieht, das sich als intelligent und mächtig erweist (Mittwoch, 20.15 Uhr)

© NDR/Andreas Schlieter

Interview
12/12/2021

Tobias Moretti und die Zukunft: "Ein Totalitarismus der Maschine"

Die ARD beschäftigt sich mit der nahen Zukunft und zeigt Tobias Moretti in Problemen mit einem Smart Home. Der Film „Das Haus“ bringt ein Wiedersehen mit Ex-Buhlschaft Valery Tscheplanowa

von Peter Temel

Wir schreiben das Jahr 2029. Ein voll digitalisiertes Haus auf einer kleinen Ostsee-Insel. Seine Bewohner reisen per selbstfahrendem Taxiboot an. Es sind Starjournalist Johann Hellström und dessen Frau, die Anwältin Lucia. Hellström wurde mit einem Berufsverbot belegt, weil er mit der deutschen Sicherheitspolitik scharf ins Gericht ging. Als ein schrecklicher Anschlag auf Polizisten mit vielen Toten geschieht, wird Hellström als Sündenbock ausgemacht.

Das Haus

Das klingt wie von einem Journalisten ausgedacht? Ist es auch. Spiegel-Reporter Dirk Kurbjuweit schrieb jene Kurzgeschichte, die als Vorlage für „Das Haus“ dient. Die ARD hatte Autoren dazu aufgerufen, abseits von Drehbuchmustern Geschichten über die Zukunft zu schreiben. Seit den 1970ern ortet man diesbezüglich im deutschen Fernsehspiel einen Mangel.

Christian Granderath vom NDR nennt im Begleittext zum „Near Future“-Schwerpunkt budgetäre Gründe, weswegen man es in puncto Sci-Fi nicht mit Hollywood aufnehmen könne. Zudem spiele „die große Sehnsucht nach einer Sintflut von Krimis und Polizisten als ordnender Instanz für Schuld und Sühne“ eine Rolle, während bedrohliche Szenarien als Quotengift empfunden würden.

Wissender Kühlschrank

Nun hilft also Tobias Moretti mit, die Zukunft fürs öffentlich-rechtliche Fernsehen zu retten. Sein Hellström, dem das Smart Home zusehends entgleitet, staunt nicht schlecht, als der intelligente Kühlschrank plötzlich eine Menge ungewohnter Lebensmittel ordert. Wenig später steht ein autonomes Aktivistenpärchen, dem seine Frau Unterschlupf gewährt, vor der automatischen Tür. Wusste das Haus vorher Bescheid?

„Der digitale ,Hausfreund‘, der an meiner Stelle vermeintlich in meinem Sinne entscheidet, hebelt meine Freiheit aus und installiert eine Art Totalitarismus der Maschine“, sagt Tobias Moretti im KURIER-Interview (in voller Länge unten). „Den Konsumenten wird das umgekehrt aber als Freiheit verkauft.“

Moretti betrachtet die im Film beschriebenen Technologien bereits als Gegenwart: „Natürlich ist die Idee verführerisch, und mittlerweile ist es für viele schon Alltag. Es ist wie immer: Der unreflektierte Umgang ist das Problem. Er führt dazu, dass man 24 Stunden mit einer Maschine lebt, die einen besser kennt als man sich selber. Angeblich halten manche Alexa schon für ein Familienmitglied.“

Das Haus

Zensur

Das Problem einer drohenden Zensur sieht der Schauspieler weniger nah. Moretti: „Im westlichen Europa braucht man sich, glaube ich, um die Pressefreiheit keine Sorgen zu machen. Manchmal scheint die Presse hier freier zu sein als die, über die sie berichtet. Eine freie Gesellschaft ist aber nicht ohne mediales Korrektiv denkbar.“

Wiedersehen

Die Dreharbeiten brachten auch ein „schönes Wiedersehen“ mit Valery Tscheplanowa, mit der Moretti 2019 als Jedermann auf dem Salzburger Domplatz stand.

Das Haus

Sie sei „eine wunderbare Buhlschaft“ gewesen, sagt er. Nach fünf Drehtagen stoppte die erste Coronawelle allerdings die erneut enge Zusammenarbeit. „Dass wir überhaupt zu Ende drehen konnten, hat niemand zu hoffen gewagt. Dann plötzlich war’s soweit, unter strengsten Auflagen konnten wir in Schweden diesen Film realisieren.“

„Das Haus“ läuft am Mittwoch, 20.15 Uhr, in der ARD, bereits jetzt in der ARD Mediathek. Am 22. 12. folgt „Ich bin dein Mensch“ mit u. a. Sandra Hüller. Die "Near Future"-Reihe soll 2023 fortgesetzt werden.

Bereits veröffentlicht wurde eine Anthologie mit Texten von Leif Randt, Olga Grjasnowa, Clemens J. Setz und Vea Kaiser. "2029 – Geschichten von morgen" erschien 2019 bei Suhrkamp. Eine Pandemie war übrigens in keiner Geschichte ein Thema.

 
KURIER: Ein Haus, das alles über seine Bewohner weiß. Erleichtern diese Dinge das Leben tatsächlich oder überwiegen für Sie die Gefahren?
 
Tobias Moretti: Natürlich ist die Idee verführerisch, und mittlerweile ist es für viele schon Alltag. Nur ist es wie immer: Der unreflektierte Umgang ist das Problem. Er führt dazu, dass man 24 Stunden mit einer Maschine lebt, die einen besser kennt als man sich selber. Angeblich halten manche Leute Alexa schon für ein Familienmitglied oder mindestens für eine kostenlose Angestellte. Erstens ist das ein Trugschluss. Zweitens: Möchten Sie so leben?
 
Zurzeit ist viel von einem Misstrauen gegenüber der Wissenschaft die Rede, vor allem in Bezug auf die Impfung. Wo ziehen Sie hier die Trennlinie zwischen Vertrauen in die Forschung und Misstrauen in gewisse technische Möglichkeiten wie Automatisierung und Digitalisierung?
 
Die Impfung ist eine medizinische und gesellschaftliche Notwendigkeit, und wenn Vakzinologen und Virologen unisono dazu raten und sie milliardenfach verabreicht wird, ist es unumgänglich, dem zu vertrauen, will man noch in irgendeiner Form die Zukunft gestalten. Andererseits hat die Wissenschaft in ihrer Fortschrittsorientierung uns mit in diese Situation gebracht. Denn wenn Gesellschaften die Forschung über ethische Grundsätze stellen, kommt es zwangsläufig zu Komplikationen und Phänomenen, die uns entgleiten. Zurück zum Thema oder zum Film, was im Grunde der gleiche Ansatz ist: Der digitale „Hausfreund“, der an meiner Stelle vermeintlich in meinem Sinne entscheidet, hebelt meine Freiheit aus und installiert stattdessen eine Art Totalitarismus der Maschine. Dem Konsumenten wird das umgekehrt aber als Freiheit verkauft.
 
Wie fern oder nah ist die gezeigte Zukunft im Jahr 2029? Wie stark wird uns künstliche Intelligenz dann schon prägen?
 
Was heißt „dann“? Das ist in acht Jahren. Technologisch überrollen wir uns ja gegenseitig. Aber auch hier, wie in der vorigen Frage, wird es an uns liegen, zwischen uns dienender Technik und einem konsumorientierten Kurzschluss zu unterscheiden. Ich brauche mir nur die Doofheit der Weihnachtswerbung im Fernsehen anzuschauen, in der Dinge obsessiv aufgedrängt werden, die niemand braucht. „Warum sind nicht alle bei Bob und Rob?“ Wenn es um Konsum geht, wird damit gerechnet, dass der Mensch nicht mehr über die elementarsten Dinge nachdenkt. – Cui bono? Für wen ist es gut?
 
Von der Regierung angeordnetes Schreibverbot für einen Journalisten: Sehen Sie bereits solche Ansätze in Europa?
 
Im westlichen Europa braucht man sich, glaube ich, um die Pressefreiheit keine Sorgen zu machen. Manchmal scheint die Presse hier freier zu sein als die, über die sie berichtet oder die sie an den Pranger stellt. Eine freie Gesellschaft ist nicht ohne ihr mediales Korrektiv, also die Presse, denkbar. Nur buhlen unsere, also die analogen Medien im Moment so um die Gunst der virtuellen, um ja nicht informativ der zweite zu sein, dass sie sich in eine ebenso problematische Abhängigkeit begeben. Bisher galt im Journalismus der Grundsatz „Be first, but first be right“. So wirst du mit dem Tempo der virtuellen Medien natürlich nicht mehr mithalten können. Da wird man hinkünftig um eine Entscheidung nicht herumkommen.
 
Wie war es, nach dem „Jedermann“ mit Valery Tscheplanowa diesen kammerspielartigen Film zu drehen?
 
Das war ein schönes Wiedersehen, wir haben ja eng zusammen gearbeitet, und sie war eine wunderbare Buhlschaft. Im Film gab’s gleich ein Break, da wir nach fünf Drehtagen wegen der ersten Coronawelle stoppen mussten. Dass wir ihn überhaupt zu Ende drehen konnten, hat niemand zu hoffen gewagt, am wenigsten wir. Dann plötzlich war’s soweit, unter strengsten Auflagen konnten wir in Schweden diesen Film realisieren.
 
Sie leben in Tirol, bewirtschaften dort einen Bergbauernhof. Wie viel moderne Technik ist für Sie in der Landwirtschaft vorstellbar und wieviel Smart Home im Haus?
 
Klarerweise ist ein landwirtschaftlicher Betrieb heute nicht ohne Technik denkbar, wenn er effizient sein will, Nostalgie wäre da fehl am Platz. Aber wenn man wie wir teilweise Steilflächen in Zone 4 bearbeiten muss, sind der Technik da auch natürliche Grenzen gesetzt, da muss doch noch eine Menge von Hand gemacht werden. Vor allem schließen sich Ökologie und Technik überhaupt nicht aus. Gerade Biobetriebe müssen am neuesten Stand sein, z.B. Heubelüftungen über Solarenergie, Futterökonomie und dergleichen. Im Haus haben wir natürlich all das an Technik, was man im Büro etc. so braucht, - wir sitzen abends nicht in der Stube am Spinnrad. 

Nach Weihnachten hat Tobias Moretti einen kleinen, aber umso interessanteren Auftritt. Am 27. 12., 20.15 Uhr, bringt ServusTV in der Reihe „Bergwelten“ die Doku „Schwabenkinder“. Darin  wird die Geschichte jener  Kinder erzählt, die bis ins 20.  Jahrhundert aus den bitterarmen Bergregionen  Tirols, Vorarlbergs und der Schweiz  nach Oberschwaben geschickt wurden, um ihren Familien  ein karges Zubrot zu  erarbeiten.
Moretti spielte 2003 in Jo Baiers  gleichnamigem Spielfilm einen Geistlichen, der die Kinder durch Schnee und Eis begleitet. „Vielen hat der Film dieses Thema überhaupt erst eröffnet“, sagt Moretti. In der neuen Doku, in der er als  Präsentator wirkt, schildert er „Gesachichten, Fakten und Eindrücke“.

Ein weiteres alpines Projekt, an dem Moretti beteiligt war,  wartet hingegen auf Fortsetzung. Felix Mitterer habe zwar ein Drehbuch für  Teil 5 der „Piefke-Saga“  vorgelegt, heißt es im ORF, „konkrete Pläne für eine Umsetzung gibt es derzeit keine.“ 

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