"Tatort"-Kommissare über letzten Fall: "Das ist kein Wunschkonzert"

Nach 100 Folgen und 35 Dienstjahren gehen die Münchner „Tatort“-Kommissare in den Ruhestand. Die Schauspieler Miroslav Nemec und Udo Wachtveitl im KURIER-Interview.
Tatort: Unvergänglich Teil 2

Niemand hat im „Tatort“ so viele Fälle gelöst wie sie: Nach 100 Einsätzen ist nun Schluss für die Münchner Kommissare Ivo Batic und Udo Wachtveitl, mit der Doppelfolge „Unvergänglich“ (Sonntag und Montag, ORF2 und ARD, siehe Sendeinfo am Ende des Artikels) verabschiedet sich das Duo. Der KURIER hat die beiden Schauspieler Miroslav Nemec und Udo Wachtveitl in München zum Interview getroffen.

KURIER: Sie geben den ganzen Tag schon Interviews für Ihren Abschiedsfall. Wie geht es Ihnen damit?

Miroslav Nemec: Das macht einen schon ein bisschen nachdenklich und man erkennt, dass das eben das letzte Mal war – zumindest, was den „Tatort“ angeht. Vielleicht ist man ja in einer anderen Produktion wieder gemeinsam dabei.

Udo Wachtveitl: Es ist nicht der eine schlagartige Abschied. Seit zwei Jahren ist raus, dass wir aufhören, insofern ist es kein großer Schock. Wir sind jetzt auch im richtigen Alter für so einen Schritt. Und wir haben so viele „Tatort“-Folgen gemacht, wie niemand vorher. Das passt.

An welche Momente aus 35 Jahren „Tatort“ denken Sie gerne zurück?

Nemec: An unsere Spielfreude bei der Umsetzung vieler Szenen.

Wachtveitl: Ans Frieren. 

Nemec: Das auch. Die eher unbequemen Erinnerungen sind dann eher Nachtdrehs bei minus 15 Grad. 

Nach den negativen Momenten hätte ich erst als nächstes gefragt …

Wachtveitl: Das Schöne war die Verschiedenartigkeit der Herausforderungen. Wir haben „Tatorte“ mit unterschiedlichen Temperaturen und Stimmungen gemacht. Jeder Fall hat ein bisschen ein anderes Licht aufs Leben geworfen. Mal gab es Szenen zu bewältigen, die sehr ernst waren und stark am Nervenkostüm gerüttelt haben. Dann gab es wieder heitere.

Welche haben denn am Nervenkostüm gerüttelt?

Wachtveitl: Zum Beispiel „Ein mörderisches Märchen“, wo ein kleines Kind entführt wurde. Da lässt man sich schon auf die Stimmung ein.

Nemec: Wir haben uns als Figuren eben nicht nur in Befragungssituationen begeben, sondern sind auch in persönliche emotionale Verstrickungen geraten. Zum Beispiel in „Die Wahrheit“ oder „Der Tod ist unser ganzes Leben“.

Wachtveitl: Da gab es ein richtiges Zerwürfnis zwischen den beiden Figuren. Aber auch Humor ist Arbeit: Wenn wir uns vorgenommen haben, dass eine Passage oder Szene lustig werden sollte und wir danach gemerkt haben, es hat funktioniert – dann hat sich diese Arbeit für uns gelohnt.

Nemec: Ganz am Anfang haben wir das vielleicht öfter mal übertrieben, aber daraus haben wir gelernt. 

Wachtveitl: Am Anfang ist es ein Stück Papier und am Schluss wird, wenn man will und es gelingt, ein Stück Leben draus. Das, was dazwischen liegt, ist unsere Arbeit, und die war sehr befriedigend.

Tatort: Unvergänglich  Teil 1

Packen ihre Sachen: Batic und Leitmayr.

Sie haben die Konflikte zwischen den Figuren angesprochen – gab es auch welche zwischen Ihnen beiden?

Nemec: Gab’s auch.

Wachtveitl: Und damit ist das Thema erledigt.

Nemec: Daran erinnern wir uns nicht gerne.

Wie hat sich denn der „Tatort“ verändert in den 35 Jahren?

Nemec: Er ist schneller geworden, präziser und oft auch qualitativ hochwertiger. Im Wesentlichen hat auch das Aufkommen und das Schnitttempo der Musikvideos, damals bei MTV und VIVA, dazu beigetragen, die Sehweise der Zuschauer zu verändern – nicht mehr nur Schuss-Gegenschuss. Zunehmende technische Möglichkeiten wie Digital-Kameras, Drohnen – all das hat den Blick, den Wahrnehmungshorizont des Zuschauers enorm erweitert.

Wachtveitl: Ich würde eine kleine Einschränkung machen: Die inhaltliche Auseinandersetzung ist nicht immer besser geworden. Auch nicht schlechter. Aber da sehe ich nicht den großen Qualitätssprung. Dadurch, dass viele Leute jetzt Englisch sprechen und es Streaming gibt, ist man in einer ganz anderen Konkurrenzsituation. Die Leute können ihr gewohntes deutsches Fernsehen auf einmal mit dem Weltmaßstab vergleichen. Dabei schneiden wir nicht immer gut ab.

Tatort: Animals

Erster Einsatz für die Ermittler: der Fall „Animals“ (1991).

Haben Sie zwischendurch auch schon mal ans Aufhören gedacht?

Wachtveitl: Ja. Und haben es dann ganz offensichtlich doch nicht gemacht (lacht). Manchmal hat man sich geärgert oder gedacht: Also wirklich, das war jetzt schon zum zweiten Mal ein nicht ganz so tolles Buch.

Nemec: Es hing meist mit den Drehbüchern zusammen, wenn wir gehadert haben. Aber es kamen dann wieder Bessere. Das hat es, wenn man nach ein, zwei geschwankt hat, wieder rausgerissen. Es waren auch wirklich Hervorragende dabei.

Und wie zufrieden sind Sie mit den Drehbüchern zum Abschiedsfall?

Nemec: Mit den letzten zwei waren wir sehr zufrieden, schon beim ersten Lesen. Wir haben dann noch dran gearbeitet und etwas miteingebracht, aber das haben die beiden Autoren sehr gut gemacht. Das ist ja eine verantwortungsvolle Aufgabe, uns zwei zu verabschieden. Vor allem wussten sie, dass wir immer noch Ideen einbringen und uns einmischen (schmunzelt).

Sie haben gesagt, Sie wollen nicht dramatisch erschossen werden – im Trailer hat man gesehen, dass zumindest auf Sie geschossen wird. Wurde Ihr Wunsch nicht erfüllt?

Wachtveitl: Wie das Leben auch ist der „Tatort“ kein Wunschkonzert. Wir haben unser Votum dafür abgegeben, dass wir nicht so pseudo-dramatisch aus dem „Tatort“ scheiden wollen, wie es jetzt manchmal die Mode geworden ist. Aber ob dieser Wunsch erfüllt wurde, können wir Ihnen jetzt nicht verraten.

Warum ist das denn überhaupt so beim „Tatort“, dass viele nicht einfach in Pension gehen können?

Wachtveitl: Ich glaube, da steckt ein Stück Eitelkeit dahinter. Die Leute wollen nicht einfach nur verglimmen, sie wollen explodieren. Sie wollen, dass die Zuschauer geschockt sind und sagen: Oh Gott, ich habe ihn so geliebt und jetzt ist er tot. Oder sie. Dabei glaube ich, dass die meisten Polizeibeamten ganz einfach in den Ruhestand gehen. Kommt aber im Fernsehen selten vor.

Nemec: Oder der Sender wünscht sich das, damit die auf keinen Fall wieder zurückkommen können (lacht).

Batic und Leitmayr - Die Zwei vom Tatort sagen Servus

Rückblick auf die "Tatort"-Karriere in der Doku "Batic und Leitmayr – Die Zwei vom Tatort sagen Servus“. 

Herr Wachtveitl, Sie schauen sich Ihre eigenen Tatorte nicht gerne an. Werden Sie für den letzten eine Ausnahme machen?

Nemec: Ich schau mir seine Tatorte auch nicht gerne an (schmunzelt).

Wachtveitl: Das versteh’ ich, dass du das nicht erträgst. Nein, im Ernst: Ich kann mich nicht gut anschauen. Das glauben die meisten Leute nicht und halten das für eine komische Kokettiererei. Aber es ist tatsächlich so. Wenn ich sie dann daran erinnere, wie es war, als sie sich das erste Mal am Anrufbeantworter gehört haben, verstehen sie es meistens.

Sie haben durch den „Tatort“-Dreh jedes Jahr viel Zeit miteinander verbracht. Haben Sie einen Stammtisch vereinbart oder sich zum Sportkurs angemeldet, damit Sie sich weiterhin regelmäßig sehen?

Nemec: Ich glaube, wir brauchen keine Initiatoren, um uns zu sehen. Es gibt für uns beide Anfragen, dadurch sprechen und sehen wir uns sowieso. Wir haben aber auch privat ausgemacht, dass wir mal wieder eine Woche in Kroatien zusammen verbringen. Und hier in München werden wir sicher auch mal irgendwo eine Kaltschale zu uns nehmen.

Das heißt, es gibt gemeinsame Projekte?

Wachtveitl: Ja, die sind alle nicht unterschrieben und wasserdicht, aber es gibt tatsächlich Anfragen. Die Leute wären schön blöd, wenn sie diesen Rahm nicht abschöpfen wollten (lacht). 

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