Kultur | Medien
04.01.2019

Serien werden handyfreundlich

Hollywood-Größen wie Guillermo del Toro arbeiten an passenden Angeboten fürs Smartphone – mit sehr kurzen Episoden.

Die junge Summer vergnügt sich mit ihren Freundinnen an einem kalifornischen Strand, man plaudert über das Teenagerleben und gibt Schminktipps. Doch die Idylle trügt: Denn zwischen Summer und ihrem Freund Dylan beginnt es zu kriseln.

Das ist der Plot von „Endless Summer“, einer der ersten Serien, die man seit Herbst im sozialen Netzwerk von Snapchat sehen kann. Wer keinen Snapchat-Account hat, kann sich auch auf YouTube einen Eindruck verschaffen:

Spannend an "Endless Summer" ist freilich weniger die Handlung als die Aufmachung: Die einzelnen Folgen dauern nur wenige Minuten und sind im smartphonefreundlichen Hochformat gehalten, sprich: Man muss das Handy nicht drehen, um sich eine Episode anzusehen. Und die Auswahl an Serien, die speziell fürs mobile Schauen konzipiert sind, wächst.

Der Fernseher in der Hosentasche

In den USA entstehen etwa gerade zwei neue Streamingdienste, die ausschließlich Content für unterwegs anbieten wollen. Eine der beiden Plattformen ist Quibi, kurz für „quick bite“ – also einen kleinen Happen. Hinter dem Projekt stehen Hollywood-Mogul Jeffrey Katzenberg und die frühere Geschäftsführerin von HP, Meg Whitman. Eine Milliarde US-Dollar wollen die beiden in Quibi investieren.

„Jeden Morgen geht man mit einem kleinen Fernseher in der Tasche außer Haus – dem Smartphone“, erklärte Whitman dem US-Branchenmagazin Variety. „Und während des Tages hat man immer wieder kleine Pausen: Zehn Minuten hier, 15 Minuten dort, in denen man etwas gut Gemachtes sehen möchte.“

Große Namen, kurze Filme

Die Geschichten werden bei Quibi daher auch in maximal zehn Minuten langen Episoden erzählt. Ende 2019 oder Anfang 2020 soll die App an den Start gehen. 5000 Videos will man dann anbieten können, die exklusiv für Quibi produziert werden. Dafür konnten Katzenberg und Whitman einige Hollywood-Größen gewinnen: Regisseure wie Oscar-Preisträger Guillermo der Toro („Shape of Water“) und Sam Raimi („Spider-Man“) arbeiten an entsprechenden Projekten.

Ähnlich wie Quibi soll auch die Streaming-App Ficto konzipiert sein: Diese soll in den USA bereits Anfang des Jahres auf den Markt kommen. Geleitet wird Ficto von Mike Esola, einem ehemaligen Hollywood-Agenten. Rund 20 Serien sind für die neue Plattform derzeit in Produktion.

Jackie Chan und John Cena wurden für ein Action-Projekt von Ficto verpflichtet, auch ein Roman der britischen Schriftstellerin Sophie Kinsella soll verfilmt werden. Zu sehen sein wird neben Original-Inhalten aber auch Lizenzware. Jede Serie soll rund 30 Minuten lang sein, die Folgen werden bei Ficto sogar nur drei bis fünf Minuten zählen.

Serienschauen trotz knapper Freizeit

Dass dieses Konzept funktionieren kann, davon ist auch der deutsche Produzent Oliver Berben überzeugt, wie er im Vorjahr in einem KURIER-Interview erzählte: Der Trend der „Shortform-Series“, also der kurzen Serie, sei zwar in Kontinentaleuropa noch nicht angekommen. Seine Produktionsfirma Constantin Film beginne aber bereits, in diesen Bereich zu investieren.

„Wie viel Zeit hat ein Mensch dafür, wenn er arbeitet, eine Familie hat, soziale Kontakte pflegt?“, meint Berben. „Es wollen immer mehr in einem überschaubaren Zeitraum den Content konsumieren können.“

Kurzvideos erfolgreich in China

In China boomen kurze Videoinhalte und haben den Trend um Live-Streaming abgelöst. Aus China kommt auch eine der erfolgreichsten Apps des Vorjahres: Tik Tok. Hier gibt es zwar keine Serien zu sehen, sondern von den Usern selbstgedrehte Clips. Aber die sind ebenfalls kurz und vertikal.

Auch der Streamingdienst iQiyi, der häufig als chinesisches Netflix bezeichnet wird, setzt auf Bewegtbildunterhaltung für unterwegs und hat 2018 seine erste Hochformat-Serie „Ugh Life!“ veröffentlicht. In 48 Folgen zu je drei bis fünf Minuten wird die Geschichte einer jungen Frau mit ihren Alltagsproblemen erzählt.

2019 will iQiyi weitere vertikale Inhalte anbieten: Denn weit mehr als die Hälfte der Zugriffe erfolgen mobil. Zudem setzt man auf künstliche Intelligenz, um die bereits verfügbaren Inhalte automatisiert in kleine Häppchen unterteilen zu können.

Und wie reagiert etwa Netflix auf diese Entwicklung? Vorschauvideos gibt es für iPhone-Nutzer bereits jetzt in vertikaler Form. Ganze Serien will man aber derzeit nicht in dem Format erzählen.