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Kultur Medien
07/26/2021

Schauspieler Bjarne Mädel im Interview: "Schrullige Typen sind viel spannender“

Der deutsche Schauspieler und Regisseur über seinen ROMY-gekrönten Film „Sörensen hat Angst“, über Sorgen beim Dreh und die heikle Aufgabe, Krankheiten im Film zu zeigen.

von Nina Oberbucher

Bekannt wurde er u. a. durch die Comedy-Serie „Stromberg“ und als „Tatortreiniger“, nun ist Bjarne Mädel unter die Regisseure gegangen. Der Film „Sörensen hat Angst“, in dem der 53-Jährige auch die Hauptrolle des Kommissars mit Angststörung übernahm, feierte Anfang des Jahres TV-Premiere und ist mittlerweile bei Netflix abrufbar. Der lakonische Krimi wurde mit mehreren Preisen auszeichnet – unter anderem mit zwei Branchen-ROMYs.

„Pädagogisch unklug“, scherzte Mädel bei der Preisverleihung in der Wiener Hofburg Anfang Juli, ihn gleich für sein erstes Regieprojekt zu prämieren: Er sei nun völlig unmotiviert und überlege nun, sich zur Ruhe zu setzen. Im KURIER-Interview spricht er über die nicht ganz ernst gemeinte Pensionierung, die Angst, nicht im Moment zu leben, und Bananenschalen.

KURIER: Sie haben ja bei der ROMY-Verleihung Ihren Ruhestand bekannt gegeben ...

Bjarne Mädel: Ja, ich denke, ich bin jetzt am Zenit. Was soll denn nach einem Film mit Doppel-Romy noch kommen? (grinst)

Die Platin-ROMY?

Ja, stimmt! Aber die kriegt man ja erst, wenn man dann noch ein paar Jahre weiter gearbeitet hat. Wenn ich jetzt aufhöre, dann werde ich die nicht schaffen (schmunzelt). Nein, es ist das erste Mal, dass ich Regie geführt habe und mich das getraut habe. Dann gleich Preise dafür zu bekommen, ist für mich ein Ansporn zu sagen: Wenn ich das noch mal mache, dann muss ich etwas ähnlich Gutes abliefern.

Und wird es einen zweiten Teil geben?

Es gibt bald den dritten Sörensen-Roman von Sven Stricker und natürlich ist die Idee da, diese uns lieb gewonnenen Figuren weiterzuerzählen. Und da sind wir gerade am Überlegen, wie wir das angehen. Sörensen ist ja jetzt nicht plötzlich angstfrei, aber das Ganze noch mal über die Angststörung zu erzählen, wäre, glaube ich, langweilig. Das heißt, wir versuchen gerade einen anderen Anker zu finden, mit dem wir das dann zu Wasser lassen können.

Sie haben die Vorschläge für Regisseure gelesen und bei einem Namen gesagt: Bevor der das macht, mache ich das lieber selber. Das klingt sehr cool und spontan. Aber wie oft denkt man sich danach: Hätte ich vielleicht lieber den Mund gehalten?

Ja, solche Momente gab es schon. Es dauert sehr lange, so einen Film zu realisieren: die ganze Vorarbeit am Buch, dann die Nachbearbeitung mit dem Schnitt und der Vertonung ... Wenn ich als Schauspieler einen Film mache, bin ich nach 22 Drehtagen wieder weg und als Regisseur bin ich anderthalb Jahre täglich mit diesem Stoff beschäftigt. Insofern bin ich wahnsinnig froh, dass mir das Ergebnis gefällt. Wenn man so viel Zeit investiert und dann einen Film hat, den man selber blöd findet – das muss das Allerschlimmste sein.

Was waren die größten Herausforderungen?

Die Verantwortung zu tragen für das künstlerische Produkt ebenso wie für das Budget und alle Beteiligten vor und hinter der Kamera. Es gab ein paar schlimme Wettertage, wo es echt stundenlang gestürmt und geregnet hat. Klar denkt man dann drüber nach: Was machen wir, wenn wir die Szene heute Nacht nicht mehr hinkriegen? Dann hab’ ich die einfach nicht. Aber da war ich immer relativ entspannt, weil ich dachte: Dafür kann ich ja nix, das hätte ich nicht besser vorbereiten können. Ich habe mir vorher fest vorgenommen, dass ich locker bleibe – auch in solchen Stresssituationen. Und das habe ich, glaube ich, ganz gut hingekriegt.

In einem anderen Interview haben Sie aber auch von grauen Haaren und Herzrasen gesprochen.

Ich bin in dem Moment ruhig geblieben, aber ich habe dann tatsächlich in einer Nacht eine Panikattacke bekommen, weil mir klar wurde, was an dem Tag alles hätte passieren können.

Also war das bei Ihnen genau umgekehrt wie bei Sörensen, der ja im Vorhinein Angst hat, das etwas passieren könnte. 

Genau. Sörensen hat im Vorhinein und permanent Angst, dass was Schlimmes passiert. Es war mir auch in der Anfangsszene wichtig – wo er von hinten von einem Hund oder Werwolf oder was auch immer angegriffen wird – den Zuschauern zu zeigen: So fühlt sich das ganze Leben für den an. Der denkt die ganze Zeit, irgendwo lauert eine ganz fürchterliche Gefahr und gleich wird er überfallen. Da ist aber gar nix. Das ist eben das, was dieses Krankheitsbild ausmacht. Es ist der Grundzustand. Man ist immer in Alarmbereitschaft, das Herz schlägt schneller, man hat schwitzige Hände. Und es stimmt, bei mir privat kommen die Sachen meistens mit Verspätung an und ich denke dann hinterher: Ach Gott, das hätte ja auch alles schief gehen können!

Beim Film oder prinzipiell?

Ich glaube, prinzipiell verarbeite ich Sachen manchmal erst später. In Extremsituationen ist das wahrscheinlich sogar ganz gesund, aber grundsätzlich versuche ich schon immer, im Moment zu sein, und nicht hinterher zurückzuschauen und zu denken: „Ach das war eigentlich total schön“. Das ist ja immer die Gefahr, finde ich, dass man das Jetzt nicht empfindet, sondern das Leben so abhakt, dass man denkt: Das muss ich noch, das muss ich noch und das muss ich auch noch. Dann ist am Ende überall ein Haken dran und hinterher steht auf dem Grabstein: Er hat Alles gut erledigt, aber nix davon mitbekommen. Man war gar nicht dabei. Das ist meine große Angst, den Moment nicht mitzukriegen.

Was hilft da?

Da hilft mir bei der Arbeit eine gute Vorbereitung – im Leben vielleicht auch, aber beim Film auf jeden Fall. Es ist für mich als Schauspieler zum Beispiel wichtig, meinen Text perfekt zu können, weil ich dann nicht darüber nachdenken muss. Ich habe keine Lust, wenn ich spiele, zu überlegen: Was sage ich denn als nächstes? Sondern ich möchte die Freiheit haben, den Moment mit der Kollegin oder dem Kollegen zu genießen. Und deshalb weiß ich vorher schon genau, was ich sage.

Der Regisseur

Bjarne Mädel wurde 1968 in Hamburg geboren, verbrachte in seiner Jugend mehrere Jahre in Afrika, später in den USA. Nach dem Schauspielstudium war er an verschiedenen Theatern tätig. Er spielte in Serien wie „Stromberg“, „Tatortreiniger“ und „Mord mit Aussicht“ sowie in Filmen wie „24 Wochen“ mit Julia Jentsch oder in „25 km/h“ an der Seite von Lars Eidinger

Der Film

„Sörensen hat Angst“ war Anfang des Jahres in der ARD zu sehen und ist aktuell über Netflix abrufbar. 2014 erschien die Geschichte von Sven Stricker zunächst als Hörspiel, ein Jahr später kam der Roman und heuer der Film. Stricker verarbeitete darin seine eigenen Erfahrungen mit Angststörungen. Im Mittelpunkt der Handlung steht Kriminalhauptkommissar Sörensen, der im vermeintlich beschaulichen Örtchen Katenbüll endlich zur Ruhe kommen will. Stattdessen erwartet ihn dort ein düsterer Fall

Der Preis

Mit zwei Branchen-ROMYs wurde „Sörensen hat Angst“ prämiert: Eine Statuette gab es für Bester Film TV/Stream, eine ging an Sven Stricker für Bestes Buch TV/Stream

Sven Stricker hat seine eigenen Erfahrungen mit Angststörungen bei „Sörensen“ einfließen lassen. Konnten Sie das auch fürs Spiel nutzen oder haben Sie zusätzlich recherchiert?

Ja, das war eine Mischung. Sven und ich sind schon lange befreundet und dadurch habe ich auch die schlimmen Phasen, die er – Gottseidank – überwunden hat, mitbekommen. Dazu habe ich noch sehr viel gelesen. Zum Beispiel, dass sich die Angst bei vielen Betroffenen auf die Stimme schlägt und sie oft das Gefühl haben, da sitzt was im Hals. Es war uns wichtig, dass man die Angst nicht benutzt und einen Kommissar mit einer Macke ermitteln lässt. Sondern dass man diese Zustände ernst nimmt und spürbar macht, was es heißt, so eine Erkrankung zu haben.

Haben Sie Rückmeldungen von Menschen mit Angststörung bekommen?

Es ist uns anscheinend gelungen, das darzustellen, weil uns viele Betroffene schreiben, dass sich das tatsächlich für sie genauso so anfühlt. Einige Wenige sagen, sie konnten sich den Film leider nicht zu Ende ansehen, weil er sie so triggert. Viele haben auch berichtet, dass sie mit unserem Film jetzt endlich etwas haben, das sie ihren Freunden zeigen können, um zu vermitteln, wie sich das in etwa für sie anfühlt. Wir kennen ja alle Angst – davor, zu versagen oder einer Situation nicht gerecht zu werden. Und das ist meistens ja auch ein guter Motor, sich z. B. gut auf einen Film vorzubereiten. Aber wenn die Angst einen so sehr einnimmt, dass man nicht mehr funktioniert, dann ist es eben eine Krankheit und keine Motivation.
 

Sie sind bekannt für kauzige, schrullige Charaktere – wie geht’s Ihnen selbst mit dem Label?

Ich habe damit kein Problem, solange ich nicht darauf festgenagelt werde. Kauzige, schrullige Typen sind für mich als Spieler viel spannender als irgendwelche stromlinienförmigen, erfolgreichen Menschen, wo ich nicht wüsste, wo der innere Widerstand ist. Es gibt einen tollen Satz von Charlie Chaplin: „Stolpern ist die einzige Möglichkeit, der Welt einen Tritt zu verpassen.“ Ich habe nichts gegen Slapstick, wenn man damit mehr erzählt als nur Bananenschale. Aber ich versuche auch, mich immer wieder neuen Herausforderungen zu stellen, etwa Regie zu führen oder auch Rollen anzunehmen, mit denen ich mich selber überrasche und wo ich nicht weiß, wie ich sie oder bestimmte Szenen spielen soll.

Zum Beispiel?

Zum Beispiel der Film „24 Wochen“. Ich wusste nicht, wie man das spielt, wenn man ein Kind verliert. Dem kann man ja nie gerecht werden. Wir Schauspieler sind damit vier Wochen beschäftigt und danach haben wir ja Gott sei Dank nicht wirklich jemanden verloren. Aber man muss es irgendwie glaubhaft spielen und empfinden. Solche Angebote zu bekommen, ist einfach ganz toll, weil sie einem erlauben an Grenzen zu gehen. Ich bin im Moment mehr dran interessiert, so etwas auszuprobieren, als die nächste Trottelrolle anzunehmen und auf Nummer sicher zu spielen.

Ihr neuer Film „Geliefert“, der auf dem Filmfest München Premiere gefeiert hat und voraussichtlich im Herbst in der ARD zu sehen ist, ist auch eher ernst.

Der Film hat schon auch humorvolle Stellen, aber ist eher ein Sozialdrama. Ich finde ja gerade die Mischung spannend, auch als Zuschauer. Da gibt es zum Beispiel die tolle Serie „After Life“ auf Netflix von Ricky Gervais, dem Erfinder von „The Office“. Die finde ich grandios, weil ich da davor sitze und in einem Moment wahnsinnig lachen muss und im nächsten Moment laufen mir die Tränen runter. Dann muss ich aber wieder lachen. Wenn einen das so beutelt und hin und her wirft, das finde ich die größte Kunst.

Was steht als nächstes für Sie am Programm?

Ich drehe ab Mitte August einen Film für Netflix. Ein Projekt, auf das ich mich schon das ganze Jahr freue. Mehr darf ich leider noch nicht verraten. 

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