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TV-Tagebuch
01/11/2021

ORF-Talk zu Lockdown: "Sie rollen jetzt schon mit den Augen"

Bei "Im Zentrum" stellte sich FPÖ-Klubchef Herbert Kickl fast brachial an die Seite von Corona-Skeptikern. Vertreter der Regierungsparteien vermieden um jeden Preis, Zahlen zu nennen.

von Peter Temel

*Disclaimer: Das TV-Tagebuch ist eine streng subjektive Zusammenfassung des TV-Abends.*

Die Österreicher ziehen derzeit nicht von Disco zu Disco, sondern „von Lockdown zu Lockdown“, so auch der Titel der neuen Ausgabe von „Im Zentrum“. Mit der Frage: „Wo ist das Licht am Ende des Tunnels?"

Moderatorin Claudia Reiterer muss zu Beginn vier Absagen verkünden. Jene von Vizekanzler Kogler, Gesundheitsminister Anschober (beide Grüne), Bildungsminister Faßmann und Innenminister Nehammer (beide ÖVP). Daher haben wir es nun mit einer reinen Klubleute-Runde ohne Regierungsmitgliedern zu tun. Und mit einer ausnehmend weiblichen. Neben Reiterer nehmen es gleich vier Frauen mit einem Mann auf.

Gaby Schwarz, stv.Klubchefin und Gesundheitssprecherin der ÖVP, wird von Reiterer mit einer kühnen Einstiegsfrage bedacht. „Von welchen Zahlen hängt es ab, wann der Lockdown wirklich aufhört?“

Kühn deshalb, weil die erste Runde hauptsächlich darauf hinausläuft, keine Zahlen zu nennen.

Es hänge „nicht zuletzt von uns selbst ab“, sagt Schwarz. „Wir haben momentan eine leicht stabile Situation, aber die Zahlen sinken nicht in dem Ausmaß, das wir uns gewünscht haben.“ Jedenfalls solle an den Schulen so bald wie möglich wieder Präsenzunterricht herrschen.

Reiterer fordert im Namen einer Zuseherin, die sich gemeldet hatte, Ehrlichkeit ein. Also_ „An welcher Zahl macht man es fest?“

Schwarz erklärt noch einmal, warum sie es nicht sagen kann und endet irgendwann beim Gesundheitsminister, der gesagt habe, er wünsche sich eine 7-Tage-Inzidenz von 100.

Dieses Ziel sei aber „doppelt so hoch wie in Deutschland“, wendet Reiterer ein.

Schwarz: „Richtig.“

"Sie werden mich nicht festlegen"

Bei der grünen Klubobfrau Sigrid Maurer beißt Reiterer ebenfalls auf Granit. Sie erläutert wortreich die künftige Strategie, die kurz gefasst so lautet: „Testen, testen, testen und Impfen.“

„Es ist ja nicht so, dass wir am 24. Jänner alles so aufmachen, als gäbe es kein Corona, das kann sicher nicht der Fall sein", meint Maurer, "aber wir wollen mehr gesellschaftliches Leben ermöglichen.“

Und: „Welche konkreten Schritte wir alle machen können, wird natürlich auch von der Entwicklung abhängen“, sagt Maurer.

Hier fehlt nur noch der Anschober-Klassiker: „Die nächsten zwei Wochen sind entscheidend.“

Auf Anschober bezieht sich aber nur Schwarz, die sich noch einmal eigens meldet, um klarzustellen, dass die 7-Tages-Inzidenz von 100 lediglich eine Formulierung des Gesundheitsministers sei.

Jetzt zeigt sich Reiterer enttäuscht, dass Schwarz sogar diese Zahl zurücknimmt: „Sie wollen wirklich keine konkrete Zahl nennen?“

„Sie werden mich hier nicht auf eine konkrete Zahl festlegen“, sagt Schwarz.

Muss ja nicht sein. Es hätte gereicht, wenn sich Schwarz selbst festgelegt hätte.

Rendi-Wagnersche Rechnung

Der nächste Versuch, belastbare Zahlen zu bekommen, geht an die Opposition, die SPÖ-Chefin und ausgewiesene Gesundheitsexpertin Pamela Rendi-Wagner soll es richten.

Sie geht weg von den 7-Tage-Inzidenzen, und veranschaulicht das Ziel so: „Die Maßzahl, die das Ziel sein sollte, … ist jene Zahl an Infektionen, von der wir wissen, dass wir sie kontrollieren können.“

Sie habe immer eine Tagesneuinfektionszahl von 1000 genannt. „Es reicht nicht ein einzelner Tag, sondern im Minimum sieben Tage lang eine Fallzahl von 1000 im Schnitt“, erläutert Rendi-Wagner.

Wir rechnen nun 7 x 1000, dividiert durch 8,9 Millionen Österreicher, multiplizieren mit 100.000 und kommen nun auf eine 7-Tage-Inzidenz von 78.

Das liegt ziemlich genau zwischen der Merkel-Zahl und der Anschober-Zahl.

Die oben genannte Formel können Sie sich aufschreiben, für den Fall, dass wieder einmal die Rendi-Wagnersche Rechnung aufgestellt wird.

Jedenfalls sei das „international unter Expertinnen und Experten das Ziel, das man anstrebt, um über Lockerungen eines Lockdowns überhaupt nur zu reden“, sagt die SPÖ-Chefin.

Neos-Chefin Beate Meinl-Reisinger wird nicht nach einer konkreten Zahl gefragt.

Sie kritisiert aber, dass von den Regierungsparteien keine genannt wird. „Es kann nicht sein, dass die Ziele eines Lockdowns formuliert werden in Form von Meinungen“ sagt Meinl-Reisinger mit Blick auf Schwarz und Maurer. „Das ist ja kein Plan, das ist ja keine Strategie. Die Menschen haben schon lange aufgehört, zu verstehen, was genau gemacht wird.“

Beim "ZiB2"-Auftritt des Bildungsministers am Sonntagabend hätten sich die Eltern von schulpflichtigen Kindern ebenso Antworten erwartet, aber keine bekommen, meint sie. Die Schulen sollten jedenfalls, begleitet von einer entsprechenden Teststrategie, wieder aufsperren. Auch die Pflege- und Altersheime sollten nun endlich geschützt werden, sagt Meinl-Reisinger.

 

"Sagen wir 'Unwahrheiten', damit es vornehmer ist“

Reiterer wendet sich nun dem FPÖ-Klubobmann Herbert Kickl zu: „Herr Kickl, Sie sagen: ‚Lockdown ist keine Lösung‘. Was ist denn die Lösung?“

Merken Sie sich bitte diese Frage.

Kickl kritisiert, dass sich die Regierung auf bestimmte Experten berufe: „Es wird so getan, als kennt man sich aus, und in Wahrheit ist es ein Blindflug durch diese Krise, der dieses Land in den Abgrund führt.“

Er möchte „die Gelegenheit benutzen, ein paar grundlegende Dinge ... Sie schütteln jetzt schon mit dem Kopf“, sagt er in Richtung von Maurer, die aber unbewegt da sitzt.

Er bessert aus auf: „Sie rollen jetzt schon mit den Augen, tun Sie das nur.“

Wir können es nicht überprüfen, da wir Maurer nur von schräg hinten sehen.

Kickl: „Die Regierung turnt sich seit vielen Monaten durch diese Krise, eigentlich mit vier zentralen Lügen.“

Jetzt erfüllt Maurer Kickls Prophezeiung, schüttelt den Kopf und rollt mit den Augen.

Und jetzt kommt die Aufdeckung des Jahres: „Wir wissen, dass der PCR-Test - der steht im Zusammenhang mit dem, was Sie als Infektionen bezeichnen - nicht dafür geeignet ist, wofür er zum Einsatz gebracht wird.“

Kickl will offenbar darauf hinaus, dass nicht jeder, der positiv getestet ist, auch an Covid-19 erkrankt ist. Aber was daran eine „Lüge“ sein soll, wird nicht klar.

Rendi-Wagner nimmt die Suada Kickls regungslos zur Kenntnis, will offenbar nicht der Kopfschüttelei bezichtigt werden.

Jetzt nennt Kickl die Lügen „Unwahrheiten“, „damit es ein bisschen vornehmer ist“.

Der Verfasser dieser Zeilen sagt aber wenig vornehm: Was Kickl in Folge auftischt, verdient sich höchstens eine Einladung ins hochinfektiöse „Corona-Quartett“ auf Servus TV, wo Virologe Sucharit Bhakdi regelmäßig jene Alternativwissenschaft auftischt, die Kickl offenbar auch im öffentlichen Diskurs berücksichtigt sehen möchte.

„Es gibt nicht DIE Wissenschaft im Zusammenhang mit Corona“, sagt Kickl.

Ja, wir wissen, dass es auch Bhakdis gibt.

Kickl kritisiert auch noch die Zählweise der Corona-Toten, stellt den Mund-Nasen-Schutz in Frage, reißt Zitate von WHO bis Robert-Koch-Institut aus dem Zusammenhang („alle keine Aluhutträger“). Am Ende will er sogar wissen, wie die 7-Tages-Inzidenzen bei der Influenza aussehen würden. Es antwortet niemand.

Was Kickl, wie alle Bhakdis, nicht benennt, ist die Belastungsgrenze für das Gesundheitssystem.

Dass kein Zusammenbruch des Gesundheitssystems drohe, will er so nachweisen: „Sonst könnten Sie nicht aus dem Ausland Patienten einfliegen.“

Das Wort "Ausland" findet also auch seinen Weg in eine Corona-Diskussion. Ein Kickl lässt nichts anbrennen.

Schwarz bezeichnet Kickls Art, von Lügen zu sprechen, als „verwegen“. „Sie wurden gefragt, welche konstruktiven Beiträge sie leisten können. Ich habe von Ihnen noch keinen vernommen“, sagt sie.

Kickl unterbricht rüde und sagt: „Ich glaub‘, Sie haben jetzt geschlafen. Denn Sie wissen nicht, was ich gefragt wurde.“

Gut, dass wir es uns vorher gemerkt haben.

„Herr Kickl, Sie sagen: ‚Lockdown ist keine Lösung‘. Was ist denn die Lösung?“

Das war die Frage.

"Wir sind es gewohnt"

Maurer zeigt sich nicht überrascht von Kickls Rundumschlag, „aber es macht mich trotzdem traurig, dass Sie sich in die zentrale Diskussionssendung des ORF setzen und hier dermaßen Unwahrheiten verbreiten. Wir sind es gewohnt", sagt sie. "Es sterben Menschen auf Intensivstationen. Wir sind alle besorgt um die Gesundheit der Österreicher. Wir versuchen, einen gemeinsamen Weg gegen diese Pandemie zu finden. Sie wollen sich nicht daran beteiligen, ich respektiere das. Die anderen, die hier sitzen, tun das. Natürlich ist es legtitim, Kritik zu üben, aber Sie haben sich hier außerhalb des Konsens der Wissenschaft angesiedelt.“ Das sei „unverantwortlich“.

Jetzt bestreitet Kickl natürlich umgehend, dass es einen Konsens in der Wissenschaft gibt. Dass er Corona leugne, wie Maurer sagt, weist er zurück.

Rendi-Wagner gibt zwar zu bedenken, dass sie über solch grundlegende Dinge nicht mehr diskutieren wolle, nimmt aber trotzdem kurz Stellung: „Seit einem Jahr ist der Stand der Wissenschaft, dass PCR-Tests der Goldstandard zum Nachweis sind, unumstritten. Auch der Schutz durch Mund-Nasen-Schutz ist nachgewiesen. Auch der Schutz durch die Impfung von 95 Prozent ist nachgewiesen.“

Kickl: „Wissenschaft besteht darin, die Dinge zu hinterfragen.“

„Aber auch zur Kenntnis zu nehmen, dass Tausende Publikationen das beweisen, was wir hier sagen“, sagt Rendi-Wagner.

Kickl will von ihr zu den PCR-Tests wissen: „Was genau wird da nachgewiesen? Sagen Sie es einmal. Bitte beantworten Sie meine Frage.“

Rendi-Wagner: „Ich beantworte die Fragen der Moderatorin.“

Aluhut oder nicht Aluhut

Meinl-Reisinger „will den Herrn Kickl ja nicht die Sendung kapern lassen“. Aber sie möchte noch über die „zunehmende Polarisierung in der Gesellschaft“ reden. „Schwarz oder Weiß, Aluhut oder nicht Aluhut, außerhalb der Wissenschaft oder nicht außerhalb der Wissenschaft.“

Sie halte das für gefährlich. „Das entsteht in einem Klima, das durchaus von der Regierung befeuert wird“, meint die Neos-Chefin. „Du bist für mich oder gegen mich. Du bist für meine großartige Idee des Freitestens oder du bist dagegen.“

Gerade jetzt würde es aber den Diskurs brauchen, sagt sie, „gerade dann, wenn es fundamentale Einschnitte in die Grund- und Freiheitsrechte gibt.“

„Die Regierung hat den Boden bereitet, mit dieser Verweigerung von Transparenz, auf dem Aluhüte offensichtlich wachsen können.“

Dass er zur Aluhut-Fraktion zähle, weist Kickl übrigens nicht explizit zurück.

"Impfen, was das Zeug hält"

Die restliche Diskussion dreht sich um die Impfungen und enthält einen flammenden Appell von Rendi-Wagner: "Es heißt jetzt nur mehr: Impfen, was das Zeug hält" Es gelte, "keinen einzigen Tag nicht zu impfen, wenn wir Impfstoff haben. Es ist die einzige Chance, den Spieß endlich umzudrehen und zu sagen, nach elf Monaten hat uns das Virus nicht mehr im Würgegriff, und die Wirtschaft und die Arbeitsplätze und die Gesundheit.“

Ebenfalls noch erwähnenswert ist der Programmtipp am Ende: „Nach unserer Sendung sehen Sie ‚Weapon of Choice – die Geschichte der Glock‘.“

Eine ausgesprochen empfehlenswerte Doku.

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