Wählen Sie KURIER als bevorzugte Google-Quelle

"Frechheit", "Stimmvieh": Harte Bandagen im Rennen um den ORF-Chefsesssel

Bei einer Puls4-Diskussion der Favoriten für die ORF-Generaldirektion kochten schon mal die Emotionen hoch. Die Reform des ORF war allen ein Anliegen.
46-225809695

"Ich finde es eine bodenlose Frechheit, dass Sie über jemanden, der 30 Jahre lang im Dienste des Journalismus steht, von außen dieses Urteil abgeben", sagte APA-CEO Clemens Pig in Richtung des Mitbewerbers um die ORF-Generaldirektion, US-Manager Johannes Larcher

Larcher hatte ihn in der Puls-4-Sendung "Breaking Media Spezial" zum "Systemkandidaten" gemacht. Als Grund nannte er, dass von ÖVP-Seite vor Wochen erklärt worden war, man freue sich über eine Kandidatur Pigs. Dessen Replik: "Man wird derzeit teils von der Politik, teils von Medien vereinnahmt, das ist offenbar Teil des Spiels, der sehr, sehr unangenehm ist. Ich denke, ein so breites Kandidatinnen- und Kandidatenfeld ist die beste Immunisierung gegen eine Art Geschmäckle." Er persönlich habe "mittlerweile viel eher den Eindruck, dass man mit mir einen hoch qualifizierten Bewerber auf diese Art und Weise eliminieren will." Er sei sein ganzes Leben politisch unabhängig gewesen, so Pig.

Plaudern beim Kanzer

Larcher räumte wie auch Pig und Ex-ProSiebenSat.1-Vorstand Markus Breitenecker ein, dass er zu einem Gespräch mit Bundeskanzler Christian Stocker (ÖVP) eingeladen war. Der Streaming-Experte bezeichnete das Treffen als "freundlich und gut". Er stellte klar: Bei politischen Spielchen "mache ich nicht mit." Ihm sei vom Kanzler versichert worden, dass die Wahl frei, unabhängig und nachvollziehbar erfolge. Die ORF-Stiftungsräte ließen sich nicht als "Stimmvieh" behandeln und von parteipolitischen Interessen leiten, meinte Larcher.

Den Vorwurf, er habe zu wenig Einblick in den österreichischen Medienmarkt, wies Larcher zurück. Er sei die vergangenen Jahrzehnte zwar im Ausland tätig gewesen, habe Österreich aber immer sehr aufmerksam verfolgt. Zudem habe er sich wiederholt in neue Märkte eingearbeitet. "Man umgibt sich mit den besten Köpfen aus der Region und dann schafft man das", so Larcher.

Der Blick von außen und der Vorteil mittendrin zu sein

ORF-TV-Magazinchefin Lisa Totzauer wurde damit konfrontiert, dass ihr nach 30 Jahren im ORF der Blick von außen fehle. Sie sieht das nicht als Nachteil. Für eine Transformation und die Bereitschaft der Belegschaft mache es einen erheblichen Unterschied, ob diese von innen angestoßen oder von außen "drüber gestülpt" werde.

Ob Breitenecker nach Jahrzehnten als "Mr. Privat-TV" innerhalb des ORF genügend vertraut wird, beantwortete er so: "Ja, weil ich beim Privatfernsehen immer auf Qualität geachtet habe", sagte er. Früher habe es ein Konkurrenzverhältnis gegeben, räumte er ein. Er sei aber vor rund zehn Jahren einer der Ersten gewesen, die aufgrund des massiven Drohpotenzials durch internationale Giganten auf Kooperation statt Konkurrenz gepocht hätten.

ORFIII-Doku-Finanzierung als ORF-interner Streit

ORF-III-Geschäftsführerin Kathrin Zierhut-Kunz sieht sich trotz der Vorwürfe rund um die fragliche Finanzierung mehrerer Dokus auf ORF III als die Richtige an der Spitze des ORF. Sie betonte, dass alles mit rechten Dingen zugegangen sei. Zugleich sagte sie, man könne überlegen, bei Sendungskäufen künftig genauer hinzuschauen und besser offenzulegen, wie die Sendungen zustande kamen. 

Totzauer reagierte darauf mit einer Attacke: "Das wichtigste Gut des ORF ist Glaubwürdigkeit." Wenn auch nur der Anschein bestehe, dass Information im ORF gekauft werden könne, sei das ein Schaden für die Glaubwürdigkeit.

Weitgehend faire ORF-Berichterstattung

Exxpress-Herausgeberin Eva Schütz war als Einzige der Meinung, dass der ORF nicht fair und ausgewogen berichte. Zierhut-Kunz merkte an, dass der ORF verschiedene Haltungen in der Bevölkerung zu kontroversiellen Themen wie der "Flüchtlingskrise oder Corona" besser abbilden hätte sollen. Pig ergänzte, man könne Themen aus der Bevölkerung verstärkt aufgreifen. Dabei dürfe man aber nicht populistisch werden.

Breitenecker und Pig waren der Ansicht, dass die ORF-Redaktionen unabhängig arbeiten könnten. Pig trat dafür ein, auf Basis von Daten klarer und transparenter zu machen, mit welchen Werkzeugen man arbeitet. Das gelte auch dafür, welche Experten zu Wort kommen und welche Quellen verwendet werden.

Machtmissbrauch im ORF

Larcher will mit Blick auf die Unabhängigkeit ein öffentliches Transparenzregister im ORF führen. Jede Intervention solle dokumentiert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Er räumte aber ein, dass es auch legitimes Feedback gebe, auf das man reagiere. Alle außer Zierhut-Kunz meinten, dass die Idee Larchers gut sei.

Ein strukturelles Problem mit Machtmissbrauch und Sexismus im ORF orten alle anwesenden Kandidatinnen und Kandidaten. Zierhut-Kunz sprach jedoch von einzelnen "schwarzen Schafen". Der Großteil funktioniere gut, sagte sie. Die Compliance-Ordnung im ORF sei aber "mehr als renovierungsbedürftig". Breitenecker sagte, dass Richtlinien allein zu wenig seien. Entscheidend sei, dass eine gute Unternehmenskultur auch vorgelebt werde.

Totzauer betonte, dass bei Fehlverhalten gehandelt werden müsse. Wenn jemand der Glaubwürdigkeit des Unternehmens schade, habe er "ausgedient". Unter ihrer Führung wären schon mehrere Köpfe gerollt, sagte sie, ohne Namen nennen zu wollen.

Zierhut-Kunz gegen zwei ORF-III-Geschäftsführer

Mit Blick auf die Gehaltsstruktur im ORF sprach sich Zierhut-Kunz, die zu den Top-Verdienern gehört, für mehr Leistungsanreiz und damit mehr variable Gehaltsbestandteile aus. Ob es zwei hoch bezahlte Geschäftsführer bei ORF III brauche, wie es gegenwärtig der Fall ist, wollte Geiginger von ihr wissen. "Nein", so Zierhut-Kunz. Schütz will Stringenz in die Gehaltspyramide bringen. Es könne nicht sein, dass jemand mehr verdiene als der Generaldirektor. Gegenwärtig steht Manager Pius Strobl gehaltstechnisch ganz oben.

Zum harten Sparkurs für den ORF sagte Larcher, dass man 100 Millionen Euro ohne substanziellen Qualitätsverlust im Programm einsparen könne. Breitenecker sagte, er sei den Umgang mit knappen Ressourcen aus der Privatwirtschaft gewohnt. Er warnte aber davor, immer nur vom Sparen zu reden. Er will mit "unternehmerischer Vision" mehr Geld reinholen. Zudem wolle er durch Kooperation – national und international – neue Erlösquellen erschließen. Totzauer merkte an, dass ein viel zu großer Teil des Budgets in Technik und Verwaltung fließe. "Wir müssen ins Programm umschichten", so die ORF-Magazinchefin. Auch Pig ortete im Verwaltungsbereich "deutliches Sparpotenzial". Doppelt oder dreifach geführte Organisationseinheiten müssten nicht sein.

Vier von sechs für Haushaltsabgabe

Dass der ORF weiter über eine Haushaltsabgabe finanziert werden solle und nicht aus dem Bundesbudget, befürworten alle Teilnehmenden außer die frühere FPÖ-Bezirksrätin Zierhut-Kunz und Schütz.

Insgesamt hat die Findungskommission des ORF-Stiftungsrats am Montag 13 Bewerbern attestiert, die Ausschreibungskriterien zu erfüllen. Darunter finden sich laut übereinstimmenden Medienberichten der Ex-ServusTV-Chefredakteur Robert Altenburger, die ehemalige ORF-Managerin Petra Höfer, der deutsche Medienmanager Torsten Prenter, Unternehmensberater Ernst Primosch, die beim Schweizer SRF in der Unternehmensentwicklung tätige Kathrin Ruther, Ex-ORF-Journalistin Sonja Sagmeister und der ehemalige "Universum"-Chef Andrew Solomon. Um am 11. Juni überhaupt zum ORF-Chef oder zur ORF-Chefin gekürt werden zu können, müssen sie aber von einem Stiftungsrat oder einer Stiftungsrätin nominiert werden.

Kommentare