Wählen Sie KURIER als bevorzugte Google-Quelle

ORF-Wahl: Ich bin ein Medienmanager – holt mich hier rein

Fast 100 Bewerbungen sollen für die Leitung des Öffentlich-Rechtlichen ab 2027 eingegangen sein. Und jetzt? Wie man ORF-Chef wird, mit wem man dafür reden muss, was man können muss.
ORF-Zentrum an Küniglberg.

Gesucht: Austrias Next Top-ORF-Chef. Am 11. Juni kürt der Stiftungsrat jene Person, die den Öffentlich-Rechtlichen ab 2027 leiten wird. Dem Vernehmen nach haben sich fast 100 Personen beworben. 

Durch die Vorverlegung der Wahl, die ursprünglich am 11. August geplant war, muss also in wenigen Tagen ein immenses Teilnehmerfeld gescannt und auf die wichtigsten Kandidatinnen und Kandidaten reduziert werden, diese müssen bei Hearings gegrillt und dann muss entschieden werden, wer den ORF übernehmen soll.

Das ist sportlich – und durch die vielen Interessen, die auf dieser Wahl liegen, heikel. Was also sind die Kriterien in dieser Küniglberg-Castingshow? Die Prüfungen:

Muss der ORF-Chef überhaupt kompetent sein?

Ja, die Frage ist nur, worin. Man muss sogar sagen: Diesmal muss die ORF-Leitung besonders kompetent sein – und die Wahl muss argumentierbar sein. Denn bei dieser Kür verlangt erstmals ein neues rechtliches Umfeld explizit ein transparentes, offenes und nichtdiskriminierendes Bestellungsverfahren. Bei Postenschacherei drohen Klagen. Diese können etwa unterlegene Bewerberinnen und Bewerber einbringen, wenn sie sich als kompetenter wahrnehmen als der- oder diejenige, die den Posten bekommt. Oder wenn sie vermuten, dass es politische Absprachen gegeben hat.

Also doch: Die Politik bestimmt den ORF-Chef.

Rechtlich: Nein. Die 35 Stiftungsräte im ORF sind unabhängig und müssen ihre Wahl begründen. Aber ja, zuletzt wurden viele der favorisierten Kandidaten bei politiknahen Veranstaltungen oder im Bundeskanzleramt gesehen. Daran ist noch nichts verwerflich: Es ist per se nicht falsch, dass der künftige Chef eines öffentlichen Milliardenunternehmens mit den Stakeholdern spricht. Die Politikfalle lauert dort, wo Forderungen gestellt werden – etwa personelle oder inhaltliche –, die nach der Wahl zu erfüllen sind. Das ist heuer noch heikler als bisher. Wer dabei ertappt wird, hat ein Riesenproblem. Nicht alle im Apparat scheinen in dieser Realität aber angekommen: Das Tauziehen hinter den Kulissen dürfte in den nächsten Tagen heftig werden.

Und vor den Kulissen, wer ist da zentral?

Da die Wahl durch den Stiftungsrat erfolgt, natürlich dessen Vorsitzender, Heinz Lederer. Dem SPÖ-nahen Stiftungsrat kommt die Aufgabe zu, im nach politischen Freundeskreisen organisierten Stiftungsrat eine Wahl durchzuführen, die nicht den Anschein politischer Absprachen aufwirft. Die Kritik an Lederers Umgang mit der Causa Roland Weißmann ist zwar abgeebbt, der Druck dieser Tage aber enorm.

Pressegespräch des ORF-Stiftungsratsvorsitzenden Heinz Lederer und des stellvertretenden Vorsitzenden Gregor Schütze

Aber was muss der ORF-Chef nun können?

Das ist schwieriger zu beantworten, als man meinen sollte. Braucht es einen erfahrenen Programmmacher an der Spitze? (Eher nein, das machen im ORF andere.) Was ist wichtiger – TV-Erfahrung oder Wissen darum, wie man ein Unternehmen auf eine radikal neue Marktsituation einstellt? Ist es ein Vorteil, wenn man das Unternehmen kennt – oder doch ein Hemmnis bei schmerzhaften Reformen? Die Kompetenzen der meistgenannten Kandidaten sind durchaus unterschiedlich. Wenn diese nicht zur Ausschreibung passen, wird es jedenfalls heikel.

Was muss man liefern, um infrage zu kommen?

Jedenfalls ein Konzept. Die werden sich jedoch, das ist klar, in weiten Zügen ähneln. Der ORF steht, das wissen alle Kandidatinnen und Kandidaten, vor großem Reformbedarf. In der Führungskultur (die Skandale nicht nur um Roland Weißmann haben das Haus erschüttert). In der Effizienz: Die Regierung hat zuletzt den Spardruck auf den ORF noch einmal empfindlich erhöht; hier muss gehandelt werden. Und in der Beziehung zum Publikum. In dieser hat weder die Einführung der Haushaltsabgabe geholfen noch die stete Kritik am ORF aus der Politik da, wo es opportun ist. Die Quoten aber stimmen übrigens. Und dann gibt es abseits dieser innerösterreichischen Nabelschau noch echte Probleme: Künstliche Intelligenz wird die Medienwelt auch finanziell erneut völlig auf den Kopf stellen; und der gebührenfinanzierte ORF muss Überlebensraum für die privaten Medien schaffen. Das alles muss ein neuer ORF-General bzw. eine -in überzeugend durchargumentieren können.

Steht der Küniglberg-König nicht eh schon fest?

Clemens Pig ist dem Vernehmen nach Favorit für den Posten. Der APA-CEO hat seine Kompetenz bewiesen und auch, dass er konträre Interessen auszugleichen vermag. Diese Favoritenrolle ist aber alles andere als ein Vorteil. Frühes öffentliches Lob aus der ÖVP könnte noch zu einem Problem werden, vor allem, wenn in der Partei selbst Fronten aufbrechen. Bisherige ORF-Wahlen lehrten, dass es dabei oft mindestens genauso sehr darum geht, kompetente Kandidaten zu beschädigen, wie darum, die besten auszuwählen. Und das Teilnehmerfeld ist nicht nur zahlenmäßig stark: Die Bewerbung von Ex-Puls4-Chef Markus Breitenecker soll so manchen ins Grübeln gebracht haben, auch Medienmanager Johannes Larcher hat überreichlich Erfahrung.

Was passiert nun bis zur Wahl?

Abseits des zeitlichen Ablaufs wird es viel Theaterdonner geben. ORF-Wahlen sind Phasen, in denen sich die Politik und auch die Medienbranche gewöhnlich nicht von ihrer besten Seite zeigen. Politische Rempeleien und viel Hitze in der Gerüchteküche sind demnach verlässlich zu erwarten. Und nach der Wahl fängt die schwierige Zeit für die neue ORF-Leitung erst an.

Kommentare