Wer um die hohen ORF-Jobs rittert: Settele, Groiss-Horowitz - und wer noch folgt
Am Küniglberg weiß man nie, welches Problem im nächsten Moment um die Ecke biegt: ORF-Quereinsteiger Clemens Pig
Die Direktorensuche des nächsten ORF-Generaldirektors Clemens Pig für seine am 1. Jänner beginnende Amtszeit läuft noch bis 14. Juli. Ausgeschrieben wurden vier Direktionen: „Programm und Brands“, „Audience und Plattformen“, „Finanzen und Verwaltung“ sowie „Technologie und Innovation“. Darüber hinaus werden, wie gesetzlich vorgegeben, die Landesdirektorinnen und Landesdirektoren für alle neun Bundesländer neu bestellt.
Am Freitag wurde die erste Bewerbung bekannt, die nicht unmittelbar aus dem ORF kommt. Sie stammt vom internationalen Fernsehmanager Matthias Settele. Sie umfasst nicht nur die Direktionen für Programm bzw. Plattformen, sondern auch die Finanzen.
„Zeit für einen Aufbruch“
„Mir ist der ORF ebenso vertraut wie das internationale Fernsehgeschäft, in dem ich viele Jahre schon tätig bin. Ich habe den Eindruck, dass am Küniglberg die Zeit für einen Aufbruch gekommen ist. Es wäre mir eine Ehre, meine Erfahrungen hier einzubringen“, erklärte Settele gegenüber dem KURIER.
Der Niederösterreicher war Büroleiter von Gerhard Zeiler im ORF. Ihm folgte er zu RTL, wo er unter anderem Produktionschef war. Er arbeitete als Troubleshooter für viele europäische Sender. Ab 2013 sanierte er als Geschäftsführer den slowakischen Senderverbund Markíza, machte ihn zum Marktführer und leitete den Aufbau einer erfolgreichen Streamingplattform ein. Zuletzt war er wieder Berater, unter anderem auch den ORF.
Bisher hatte nur die amtierende Programmdirektorin Stefanie Groiss-Horowitz – wie erwartet – ihr Antreten bekanntgegeben. „Bewerbung für die nächste ORF-Direktionsperiode on the way“, schrieb sie auf Instagram, begleitet von Roland Kaisers „Ich glaub’, es geht schon wieder los“. Sie bewirbt sich für Programm sowie Plattformen. Groiss-Horowitz kann auf steigende Quoten in ihrer Amtszeit und das Comeback von ORF 1 verweisen. Außerdem löste sie das Sportchef-Problem mit Härte.
Aus dem aktuellen Direktorium wird auch die Bewerbung von Technikchef Harald Kräuter erwartet. Offen ist hingegen, ob Finanzchefin Eva Schindlauer diesen Schritt setzt. Sie war zuvor ORF III-Finanzchefin und hätte ein Rückkehrrecht in einen adäquaten Job. Ihre Nachfolgerin beim Spartensender, dem ungewisse Zeiten bevorstehen, die vormalige ORF-Personalchefin Kathrin Zierhut-Kunz, gilt als fixe Bewerberin für den Bereich Finanzen und Verwaltung.
Früher stand mit der Bestellung der Generaldirektion auch das Team meist fest. Diesmal ist das, allen kolportierten Nebenabsprachen zum Trotz, anders. „Man beginnt tatsächlich zu überlegen, ob es nicht doch Sinn hat, sich zu bewerben“, und „da ist etwas in Bewegung gekommen“, sagen mögliche weitere Bewerbende.
Unter diesen erwarten Branchenkenner auch ORF-Unterhaltungschef Martin Gastinger. Er war wegen der Vorbereitungen für die „Starnacht am Wörthersee“ nicht für eine Stellungnahme erreichbar. Der langjährige ATV-Geschäftsführer kam von ServusTV zum ORF, wo er seine Karriere begonnen hatte. Dort stampfte er unter anderem in kürzester Zeit und mit knappen Mitteln den Onlinekinderkanal aus dem Boden. Er war auch mehrere Jahre beim deutschen Pay-TV. Sendungen, die er erfunden hat, wurden und werden international vermarktet.
Interesse, in der nächsten ORF-Führung mitzuwirken, wird TV-Magazinchefin Lisa Totzauer nachgesagt. Neben dem Programmbereich kursieren auch Spekulationen über das Landesstudio Niederösterreich. Auf Anfrage erklärte Totzauer, sie treffe nächste Woche eine persönliche Entscheidung; öffentlich sei diese nicht.
Von FM4-Chefin Doroteja Gradištanac (geb. Roščić) blieb vorerst eine Reaktion aus. Sie wird schon länger für die Plattform-Direktion gehandelt.
Informationen zu den Bewerbungen, die direkt an Pig gehen, fließen bislang nur spärlich. Vertraulichkeit wird nicht nur zugesichert, sondern auch eingehalten. Bekannt ist nur: Es sind sehr viele. Nach dem Informationsfreiheitsgesetz wird man später die Begründungen Pigs für seine Auswahl wohl bekanntgeben. Die wird von zwei Profis aus dem Personalbereich aus der Schweiz bzw. Deutschland begleitet. Mit diesem Schachzug Pigs hatte zuvor niemand gerechnet.
Der bisherige APA-CEO muss dabei das neue Europäische Medienfreiheitsgesetzes (EMFG) beachten. Es verlangt eine nachvollziehbare Auswahl nach transparenten, objektiven und nicht diskriminierenden Kriterien. Weil das EMFG neu ist, ist mit juristischen Schritten von nicht Berücksichtigten. Das kennt der neue ORF-Chef bereits von seiner eigenen Bestellung.
Spannend wird, ob Pig unter diesen Voraussetzungen die anvisierte Geschlechterparität in den zentralen Direktionen umsetzen kann. Erwartet wird auch, dass er die Gehälter kürzt. Ob diese dann noch marktkonform sind oder zu Absagen führen, wird sich weisen. Die Attraktivität eines ORF-Spitzenjobs hat gelitten, seit Beschimpfungen und politische Attacken zum Tagesgeschäft gehören.
Heikel wird für Pig, wie er mit Erwartungen der Politik umgeht. Der neuen Geschäftsführung steht eine ORF-Gesetzesnovelle ins Haus. Darin geht es auch um den öffentlich-rechtlichen Auftrag: Was der ORF künftig darf oder nicht, betrifft nicht bloß das Programm, sondern etwa auch die Werbung – dort knirscht es ohnehin.
Gekürt wurde Pig, dem man medial zuvor die ÖVP-Punze verpasst hatte, interessanterweise geschlossen von SPÖ-nahen Stiftungsräten. In seine erste Amtszeit startet er mit schweren Hypotheken: der vom Finanzministerium gestrichenen Vorsteuerkompensation von 90 Millionen Euro und einem ORF-Beitrag, der bis 2029 eingefroren bleiben soll. Ob die aktuelle Geschäftsführung unter Ingrid Thurnher deswegen den Weg zum Verfassungsgerichtshof antritt, scheint noch offen zu sein.
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