Erste Produktion der WHee Film (gemeinsam mit Meta Film): Adrian Goigingers „Märzengrund“ mit Johannes Krisch als Einsiedler

© Meta Film

Interview
10/25/2020

"Man muss kein Arschloch sein"

Der „Tatort: Krank“ ist Rupert Hennings jüngste Arbeit als Regisseur und Drehbuch-Autor. Mit Isabelle Welter und als WHee Film produziert er künftig fürs Fernsehen - und startet mit Kino.

von Christoph Silber

Schauspieler, Drehbuch-Autor und Regisseur Rupert Henning schätzt die "Tatort"-Reihe, weil dort komplexe Themen Platz finden. So wie im „Tatort: Krank“ (20.15 Uhr, ORF2), wo es um das Geschäft mit der Gesundheit geht. Künftig wird die inhaltliche Arbeit noch um eine Facette reicher sein: Henning ist gemeinsam mit Isabelle Welter unter die Produzenten gegangen. Ihre WHee Film plant viel fürs Fernsehen – und macht doch als allererstes Kino. Ein Gespräch über "Märzengrund", hohe Ansprüche, Brüllaffen am Set, „Vier Frauen und ein Todesfall 2.0“ und Serien-Projekte.

KURIER: „Märzengrund“ nach Felix Mitterer ist die erste Produktion der WHee?

Isabelle Welter: Dieses Kino-Projekt hat uns gefunden  –  angetreten sind wir als WHee Film ja eigentlich, um ganz viel Fernsehen zu machen (lacht).  „Märzengrund“ ist aber inhaltlich und in der Konstellation mit Adrian Goiginger als Regisseur ein ganz tolles Projekt, um einen ersten Kino-Film als – fast - neue Produktionsfirma umzusetzen. Es steht nicht nur dafür, wie wir mit Kreativen arbeiten wollen, sondern auch für unseren produzentischen Ansatz; die Partnerschaft hier mit der Meta Film und Michael Cencig ist so positiv.

Rupert Henning: Es ist das Musterprojekt schlechthin. Wir arbeiten seit eineinhalb Jahre sehr intensiv, um Projekte so weit zu entwickeln, wie wir sie entwickelt haben wollen. Erst dann gehen wir damit raus. Für uns war von vornherein klar, wir werden zum Start nicht ad hoc irgendetwas produzieren - und auch nicht eines der Angebote, die es auch gab, annehmen, nur um etwas zu machen.

Wie kam dieses Kino-Projekt zustande?

Henning: Wir sprechen schon längere Zeit mit Michael Cencig über eine Kooperation - und das hatte zunächst mit mir als Autor zu tun. Es ist das dann aber aus einem anderen Projekt entstanden, das interessanterweise wie „Märzengrund“ von Felix Mitterer stammt: „Das Ungeheuer“ hatte ich 1999 als Hörspiel kennengelernt und mir gedacht, dass wäre ein toller Filmstoff. 2005 bin ich deshalb zu Mitterer nach Irland gereist und der hat gemeint: „Macht‘s“. Irgendwann sind wir darüber mit Michael Cencig ins Gespräch gekommen. Der hatte sich aber wiederum „Märzengrund“ angeschaut und gemeint, dass das ein großartiger Filmstoff wäre - und er hat dann tatsächlich Adrian Goiginger an Bord holen können, der nach „Die beste aller Welten“ sozusagen eine ganz heiße Aktie am Regie-Markt ist. Als Michael Cencig uns vorschlug, die Produktion gemeinsam zu machen, war klar, eine bessere Gelegenheit, als Produzenten einzusteigen, gibt es nicht. Aber Film ist in Wahrheit, ich bin fast versucht zu sagen, ein Danaer-Geschenk. Ist es natürlich nicht, aber Film ist zunächst immer große Euphorie und dann kommen die Mühen der Tiefebene ….

… oder wie bei „Märzengrund“ jene der Hochebene.

Henning: Durch Corona ist eine solche Produktion eine ziemliche Herausforderung. Der Sommer-Dreh ist gut gegangen, auch wenn es zum Teil wirklich schwierig war mit Schutzmaßnahmen und zusätzlichen Kosten für Testungen und Logistikaufwand. Da muss ja alles geplant sein, wann z. B. wer wohin fährt oder wie man mit 70 Komparsen korrekt umgeht. Vor uns liegt jetzt noch ein Winter-Dreh von knapp zwei Wochen.

Welter: Wir hatten im Grunde großes Glück bisher – ein Einsiedlerdrama auf 2000 Meter Seehöhe dreht sich leichter als vieles andere. Wir konnten z. B. aufgrund der Umstände in den Hotels auch eine Art Isolationssituation schaffen, in der das Team unter sich blieb.

Die eigentliche Ansage der WHee Film ist aber, ganz viel Fernsehen zu machen? Wie kommt es zu diesem Fokus?

Henning: Das hat ganz viel mit unseren Erfahrungen zu tun, die wir von unserem letzten gemeinsamen Kino-Projekt bei der DOR Film, „Wie ich lernte bei mir selbst Kind zu sein“ mitgenommen haben: Eine wunderbare Geschichte, ein super Team und wir haben sehr gern daran jahrelang gearbeitet. Aber unterm Strich haben wir im Kino „nur“ jene Menschen erreicht, von denen wir es annehmen durften; das ist schön – aber es ist keiner mehr gewesen.

Welter: Die TV-Ausstrahlung hat uns dann eines Besseren belehrt. Am Ende haben den Film dann doch mehr als eine halbe Million Menschen gesehen.

Henning: Dass der ORF sich getraut hat, diesen Film in den Hauptabend zu rücken und ihn damit als Premium-Produkt in die Auslage zu stellen, war mutig und wurde belohnt.

Nun gibt es mit Streamern und die wiederum in der Kombination mit Fernsehsendern oder der Kino-Auswertung neue Möglichkeiten, ans Publikum zu kommen.

Welter: Highclass-Fernsehen interessiert uns tatsächlich sehr, es ist vor allem inhaltlich sehr spannend. Da hat sich der Markt in den vergangenen Jahren enorm geöffnet und das hat inzwischen dazu geführt, dass sich auch das öffentlich-rechtliche Fernsehen geöffnet hat: die ARD und Sky, ZDF und Netflix. ORF und Netflix usw. Das sind Konstellationen, von denen wir bereits profitieren können, weil wir nischigere Stoffe haben und näher am Limit erzählen - oder auch Projekte für ein breiteres Publikum, die aber teurer sind, mit mehr Partnern so finanziert bekommen können.

Henning: Diese inhaltliche Ebene ist ja mit ein Grund, warum ich z. B.  „Tatort“ mache – hier kann man mit sperrigen, anspruchsvollen Themen, die man außerhalb solcher Reihen nicht ohne weiteres unterbringt, ganz viele Menschen erreichen. Wenn sich an einem Abend zehn Millionen vor dem Fernseher versammeln – und da geht es nicht um einen sportlichen Ehrgeiz, sondern um den des Geschichtenerzählers -,  dann hat ein Thema eine ganz große Arena.

Wieso ziehen Sie sich beim neuen „Tatort: Krank“ diesen thematischen Schuh, Schulmedizin versus alternative Medizin, an?

Henning: Ich lebe mit Notizbüchern, darin sammeln sich Ideen und Themen oft über Jahre hinweg. Irgendwann ist es dann soweit, dass es gemacht gehört. Was ich hier, heute mehr denn je, extrem spannend finde, ist die Frage: „Was glauben wir und warum glauben wir das?“. Neben der Nahrung -  dazu haben wir bei der WHee Film ebenfalls ein Projekt – gehört die Gesundheit zu den für uns wichtigsten Themen. Und weil das so ist, wird damit natürlich Geschäft gemacht. Die Pharma-Branche ist die profitabelste aller legalen Wirtschaftsbranchen. Die Art und Weise wie Geschäft gemacht wird –  sowohl bei der sogenannten Schul-Medizin wie bei der sogenannten Alternativ-Medizin - hat mich fasziniert. Außerdem treibt mich um, warum Leute Dinge tun, die ich so selbst nicht tun würde. Das ist für mich ein Hauptmotivationsgrund dafür, andere Menschen zu beobachten und dann darüber zu erzählen, davon zu berichten, es darzustellen und teilweise, natürlich, auch zu überhöhen. Das ist für mich etwas absolut Essentielles.

Die WHee Film hat sich ein Manifest, mit dem Ihr Euch die Latte inhaltlich wie im Umgang mit anderen ziemlich hochgelegt habt. Denn diese Branche geht nicht nur pfleglich mit Mitarbeitern um – von den Arbeitszeiten bis hin zu Brüllaffen in Gestalt von Regisseuren …

Welter: Film ist Lebenszeit und deshalb geht es inhaltlich, aber auch in der konkreten Umsetzung für uns immer auch um Haltung. Jetzt ist das Filmemachen kein Wunschkonzert und wir sind strukturellen Rahmenbedingungen unterworfen. Film ist ohne Zweifel schön, aber kein Spaziergang, wenn am Set ein Rad ins andere greifen soll. Abe es ist immer Teamarbeit und die hat dann mit ganz viel gegenseitigem Respekt zu tun. Ob einem das vollends gelingt, zumal wenn äußere Einflüsse wie Corona, die Witterung und anderes die Arbeit erschweren, ist dann eine andere Frage. Wir sind beide schon lange in der Branche, wollen aber immer noch etwas und deshalb haben wir diese Firma gegründet: Wir wollen nur Dinge machen, von denen wir inhaltlich überzeugt sind. Und nur, wenn sie auch tatsächlich gut gemacht werden können – sonst passiert es eben nicht. Reich werden wir mit diesem Ansatz allerdings nicht werden (lacht).

Henning: Man kann das alles natürlich auch anders betrachten und ein Werk – und damit meine ich nicht nur ein Kunstwerk - komplett getrennt von seinem Entstehungsprozess sehen. Mein nächstes Projekt beschäftigt sich ganz stark damit. Man kann ja sagen: „Das ist ein fantastischer Regisseur oder Tischler oder Bauer - aber leider ein ziemliches Arschloch. Aber was soll’s, Hauptsache, seine Sachen sind gut.“ Diesen Zugang wollen wir bei der WHee Film allerdings nicht. Wenn große Kunstwerke auf Kosten anderer entstehen sollen, dann sind wir halt nicht dabei, dann machen wir eben etwas Anderes. Man muss kein Arschloch sein.

Ein sehr hehrer Zugang.

Henning: Das ist ganz einfach Haltung. Das heißt nicht, dass ich deshalb ständig jemanden wegen eines anderen Zugangs verurteilen würde – aber es ist nicht meiner, nicht unserer. Ich glaube, ich habe als Regisseur am Set noch nie gebrüllt. Ich möchte auch nicht nach unten treten, weil ich von oben oder von sonst wo Druck bekomme. Klar, das passiert häufig, ich habe das als Schauspieler und als Autor selber erlebt. Aber nur, weil es passiert, muss man es nicht selbst auch machen. Und gar nicht halte ich in dem Zusammenhang aus, wenn es heißt: „Naja, ist halt so“. Schon als Jugendlicher – ich bin in einem noch ganz anderen Kärnten aufgewachsen – ging mir das so und deshalb haben wir uns damals engagiert - für die mehrsprachige Kultur, für die Diversität, für ein slownisch-deutschsprachiges Miteinander. Aber viele haben gemeint: „Klar sind diese Diskriminierungsgeschichten vom KHD Blödsinn, aber…naja, ist halt so.“ Dieses Achselzucken ist für mich bis heute inakzeptabel. Das kann mich, wie man merkt, wahnsinnig ärgern. Wir könnten natürlich auch achselzuckend sagen: „Der ist halt ein Arschloch oder der macht halt frauenfeindliche Sprüche usw., aber wir brauchen seinen Namen, sein Geld und deshalb Augen zu und durch!“ Nein, genau das muss man nicht.

Ist es Zufall, dass wir jetzt von „der“ und nicht von „die“ gesprochen haben?

Henning: Es gibt vereinzelt auch weibliche Pendants, nur habe ich diesbezüglich mehr schlechte Erfahrungen in der Branche mit Männern als mit Frauen gemacht. Ich arbeite tatsächlich wahnsinnig gern mit Frauen. Man muss nur auch aufpassen mit Klischees, die Gender-Debatte ist da mitunter auf ungesunde Art geführt worden. Grundsätzlich ist es völlig richtig zu hinterfragen, ob bestimmte Strukturen, noch richtig sind - oder jemals richtig waren. Das gönnerhafte Gehabe mancher Produzenten hat sich jedenfalls wirklich überlebt.

Frau Welter, Sie sind intensiv engagiert, überkommene Strukturen in der Branche aufzubrechen.

Welter: Es gibt gute Gründe, warum wir mit „Film fatal“ ein Frauen-Netzwerk für den Nachwuchs gegründet haben. Es ging uns nicht um einen weiteren Verein, sondern darum, junge Kolleginnen zu bestärken und Erfahrungen und Informationen weiterzugeben. Ich halte das für das allerwichtigste in dieser Branche - und da gehört noch viel mehr gemacht. Und Rupert hat recht, wir haben in Österreich wie auch in Deutschland diesbezüglich weiterhin strukturelle Probleme in der Filmbranche.

Spiegelt sich dieser Euer Anspruch auch in den Projekten wieder?

Welter: Diese Geschichten finden uns. Wir verfolgen sie nur weiter, wenn sie für uns Relevanz haben. Sie müssen uns beide berühren oder betreffen, Rupert und ich müssen aber deshalb nicht immer einer Meinung sein – wir sind es trotzdem relativ häufig und wahrscheinlich arbeiten wir deshalb schon so lange zusammen und haben diese Firma gegründet.

Gibt es ein Beispiel für so ein Projekt?

Welter: Ich nenne es „die globale Tomate“ und es hinterfragt globale Prozesse der Nahrungsmittelproduktion, Zusammenhänge und Abhängigkeiten. Ein Projekt, dass Rupert schon lange mit sich herumträgt, und das weit gediehen ist. Wir wollen aber keine Doku machen. Es ist ein Thema, das man fiktionalisieren muss, damit es den Zuseher berührt, wenn er abends auf der Couch seinen Sender oder Streamer schaut. Im besten Fall denkt er noch daran, wenn er auf seinen Teller blickt.

Henning: Bei „Food“, so der Titel des Projekts, dreht sich alles um eine salzwasser-resistente Reissorte und darum, wem das Patent – der Welt oder einem Konzern – gehört und ob es so etwas wie Patente auf Leben/Lebensmittel überhaupt geben soll oder darf. Und am Ende steht die eine Frage: Wer macht Kohle damit?

Welter: Man könnte es als „Bad Banks“ zum Thema Ernährung bezeichnen. Hinter uns liegen eineinhalb Jahre an Recherchearbeit und nun ist es soweit, dass wir es als Event-Serie umsetzen wollen. Wir machen das zusammen mit der Münchner Roxy Film und mit Beatrice Meier aus Straßburg und Florian Hanig aus Hamburg, mit denen Rupert im Writer’s Room arbeitet.  Es ist das auch ein Beispiel dafür, wie die WHee Film funktioniert: Erst kommt die Stoff-Entwicklung und erst dann überlegen wir, mit wem wir was umsetzen wollen. Wir sind derzeit in der Finanzierungsphase, die Partner-Suche läuft international.

Denkt ihr schon bei der Entwicklung nach, wo   eine Produktion zu sehen sein soll, ob das nun Kino, Streaming oder TV ist?

Welter: Ja, das machen wir. Aber das Wichtigste ist da wie dort, dass man von dem, was man tut, überzeugt ist. Es wird stets relativ schnell klar, wo wir ein Projekt sehen. Es sind das ja nicht ausschließlich Ruperts Sachen, die wir umsetzen, auch wenn es Teil des Portfolios ist, was Rupert schreibt, inszeniert oder auch nicht inszeniert. 

Henning: Die WHee Film ist keine Rupert-Henning-Selbstverwirklichungsanstalt. Die mir liebsten Projekte sind im Augenblick sogar die, bei denen ich nicht als Autor und nicht als Regisseur involviert bin.

Gibt es auch dafür ein Beispiel?

Welter: Wir haben mit „Sieben Sekunden“ von Maria Hilbert ein wunderschönes, auf einer wahren Geschichte fußendes Projekt über einen Musiker, der aufgrund einer schweren Erkrankung sein Gedächtnis verliert. Es geht um ihn und um seine Frau und wie sie nun miteinander umgehen. Wir haben zunächst überlegt, wie man das mit Sendern finanziert bekommt. Aber dann war plötzlich klar: Das ist ein Stoff, der ins Kino gehört – wobei wir ja eigentlich gar nicht Kino machen wollten (lacht). Jetzt müssen wir noch die Finanzierung hinbringen. Aber das muss man immer.

Henning:  Ein ganz tolles Projekt, das wir gemeinsam mit der Ester.Reglin.Film Köln machen - und ich liebe es, das zu begleiten, weil ich dieses Buch zauberhaft, schön, toll finde. Ich habe aber damit ausschließlich als Produzent zu tun, weder als Autor noch als Regisseur. „Märzengrund“ ist ja ebenfalls so ein Fall. Aber natürlich gibt es auch Projekte – einige sind da in Entwicklung -, bei denen ich als Autor tätig bin, mitunter eben auch als Teil von einem Writer‘s Room.

Wie macht man einen Writer‘s Room in Zeiten von Corona?

Henning: Ich möchte darüber nicht reden ... Zoom, Skype oder was auch immer – wir hassen es. Es ist super, um Organisatorisches zu besprechen, aber um miteinander kreativ zu arbeiten und das sechs Stunden am Computer, ist es ein Elend. Spätestens nach 20 Minuten ist man knapp am Amoklauf.

Da Sie auch weiterhin schreiben werden - wie wäre es mit „Vier Frauen und ein Todesfall 2.0“? Obwohl die letzten Folgen im ORF-Keller gut abgehangen waren, sind die Quoten nun erfreulich gewesen und Uli Brée hat vielleicht nach dem Ende der „Vorstadtweiber“ auch Zeit?

Henning: Uli hat nie Zeit (lacht). Außerdem ist eine Geschichte irgendwann auserzählt.  Aber die 66 Folgen von „Vier Frauen und ein Todesfall“ waren schon ein großes Glück. Man muss das nicht mögen, aber das Besondere daran war, es hat niemand hineingeredet.

Das ist kaum vorstellbar.

Henning: Die Idee zur Serie stammt von Wolf Haas und Annemarie Mitterhofer - der ORF damals war verzückt, weil Wolf ja super erfolgreich war. Wolf hat gesagt, er liefert mit Annemarie Ideen, Uli (Brée, Anm.) und ich sollen uns wie bei Naschmarktständen daran bedienen und die Drehbücher schreiben. Wir haben von vornherein gesagt, dass wir zwar nicht beratungsresistent sind, aber Bücher nicht umschreiben, wenn wir nicht der Meinung sind, dass es eine Verbesserung bringt. Isabelle hat das so durchgeboxt und die ORF-Redakteure haben es zugelassen - das ist auch Teil des Erfolgs dieser Serie.

Welter: Aber man muss schon unterstreichen, dass es eine solche Konstellation nicht oft gibt. Als die ersten Ideen von Wolf und Annmarie kamen, habe ich gemeint, dass es unglaublich wäre, wenn das der Sender zulässt. Das war 2003 und ich war gerade ein Jahr davor von Deutschland nach Wien gekommen. Aber so war’s dann – und irgendwann war’s auch wieder vorbei und das war gut so.

Wäre für die WHee Film überhaupt eine Krimi-Serie denkbar?

Henning: Es geht für uns immer zuerst um die Idee – wir produzieren aber nicht für bestimmte Sendeplätze. Beim „Tatort“ funktioniert es für mich persönlich zwar, aber auch da steht die Idee im Vordergrund, die sich entwickelt - und irgendwann denke ich, das könnte ein „Tatort“ sein.

Welter: Mir stellt es gleich die Nackenhaare auf, wenn ich Sendeplatz höre. Wir kennen das, wenn Kollegen darüber reden, mal wieder was für den Dienstag, Freitag oder Sonntag-Hauptabend, den klassischen Serien-Tagen der deutschen Öffentlich-Rechtlichen, zu produzieren. Das funktioniert für uns so herum nicht. Was noch vorstellbar wäre ist, dass eine unserer Ideen oder ein Projekt, wie es ist, einem Sender ins Konzept passt.

Vergibt man sich damit nicht eine Chance?

Welter: Ich meine, dass es noch einen weiteren Umbruch geben wird. Das traditionelle lineare Fernsehen wird bleiben, aber es wird Stück für Stück zurückgedrängt. Im Gegenzug werden sich die Mediatheken weiter auffächern. Es wird ja bereits für die Mediatheken der deutschen Öffentlich-Rechtlichen produziert und auch für jene der Spartenkanäle. Es muss also nicht mehr alles für einen bestimmten Sendetag passen. Das kann, wenn man es zulässt, einen weiteren kreativen Schub bringen. In dem Zusammenhang wird spannend, was im nächsten Jahr mit dem ORF-Player passieren und was möglich sein wird.

Henning: Ich halte das Öffentlich-Rechtliche für ganz, ganz relevant. Der ORF ist wichtig für dieses Land und seine Kreativen. Ich stimme deshalb auch nicht in das wiederkehrende ORF-Bashing ein. Der ORF ist es wert, kritisiert zu werden - das heißt aber für mich, er ist etwas wert. Es soll das andere Fernsehen natürlich auch geben. Aber, und das hat dieses Jahr gezeigt, es braucht etwas, worauf man sich „verlassen“ kann. Einen unabhängigen, öffentlich-rechtlichen Sender. Der ORF erfüllt einen öffentlich-rechtlichen Auftrag – ob er das gut macht, darf man ruhig immer wieder hinterfragen. Aber prinzipiell ist so ein Sender unverzichtbar. Man wird sehen, was im kommenden Jahr sein wird mit der ORF-Wahl, was die Konzepte sind, die auf den Tisch kommen. Was es definitiv verstärkt braucht, ist ein Bekenntnis des ORF zu originären Stoffen, und zwar zu solchen, die nicht bloßes Malen nach Zahlen sind und die zum Beispiel eine österreichische Identität haben, ohne dass es deshalb chauvinistisch sein muss.

Man könnte ja einfach österreichische Geschichten erzählen.

Henning: Wir haben ein Projekt in Entwicklung, das erzählt von Wien, von einer modernen Weltstadt, von Menschen unterschiedlichster Herkunft, die hier leben. Es fußt auf einem wirklich tollen NGO-Projekt, das es tatsächlich gibt: „Die Nachbarinnen“. Es geht um Frauen aus unterschiedlichen ethnischen Communitys, die in Wien leben und eine Ausbildung zu Sozialarbeiterinnen gemacht haben und die nun wiederum Frauen aus ihren Communitys aufsuchen, um bei Schwierigkeiten und Problemen zu helfen. Das hat natürlich mit diesem komischen Begriff der Integration zu tun, es hat aber vor allem damit zu tun, dass es Leute gibt, die in diesem großen sozialen Raum Wien ein Miteinander wollen.

Und das soll fiktionalisiert werden?

Welter: Ja, wir haben lang dafür recherchiert. Es ist im Prinzip ein Projekt gemeinsam mit dem ORF, mit dem wir gerade erörtern, wie wir das realisieren können – zwar mit wenig Geld, aber doch irgendwie –  ob als Mini-Serie, als Reihe …  das ist so ein typisches WHee Film-Projekt.

Das heißt, in Eurem Portfolio ist bereits einiges zu finden.

Henning: Es gibt noch ein drittes, wirklich großes Serien-Projekt mit dem Arbeitstitel „Tivoli“: Es handelt von einer ménage à trois und spielt in den ersten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Im Zentrum steht eine junge Frau aus der Provinz, die es von der Bedienerin zur Sängerin schafft und in Wien Karriere macht. Mit dabei ist ein Rittmeister aus adeligem Hause - und dann noch Schani Breitwieser, ein legendärer Wiener Eisenschlitzer und Gauner, der sich den Status eines Robin Hood erarbeitet hatte. An dem Stoff, der mich seit 20 Jahren begleitet, schreibe ich gemeinsam mit Martin Ambrosch. Uns interessiert dabei nicht so sehr die Räuberpistole – Breitwiesers Leben liest sich ja, als hätten zwei koksende Hollywood-Autoren ihn erfunden.  Was uns vor allem interessiert, sind zum einen die sozialen Verhältnisse in dieser damaligen Weltstadt Wien, die sich in einer gewissen Weise durchaus im Heute spiegeln. Ebenso spannend sind die gesellschaftspolitischen Veränderungen durch – apropos Corona – emblematische epochale Ereignisse wie den Ersten Weltkrieg und die Spanische Grippe. Und es interessiert uns die Geburt der Pop-Kultur – über Breitwieser haben sogar Kisch und Polgar geschrieben und seine Figur wurde, wenn man so will, popkulturell aufgeladen. Die Nazis haben das – die Macht der medialen Inszenierung - nur 15 Jahre später schon ganz bewusst eingesetzt.

Der Tag hat auch bei Euch nur 24 Stunden – wie ist die Ein- und Aufteilung bei WHee Film?

Welter: Zunächst: Wir machen, was wir meinen, dass wir machen müssen. Es ist klar, dass ich mich mehr um die Zahlen kümmere und Rupert mehr um Texte. Ich bin keine Autorin und werde nie eine sein. Aber genauso, wie es wichtig ist, dass ich lese und eine Haltung zu einem Stoff entwickle, ist es wichtig, dass er versteht, was die Zahlen für die jeweiligen Projekte heißen. Wir begleiten die Projekte produzentisch durchaus beide. Wir haben sehr viele sehr schöne Projekte, die in unterschiedlichen Entwicklungsstufen sind und hoffentlich in naher Zukunft in eine Realisierung gehen. Die Freiheit, nur nach dem Inhalt zu gehen, ist uns wichtig. Deshalb werden wir uns keine Struktur ans Bein hängen.

Henning: Das ist ein learning by doing. Die Balance zu finden, ist keine leichte Übung. Ich kann Sachen einfach nur mit 100 Prozent machen - oder gar nicht. Wenn ich schreibe, dann schreibe ich. Dann ist der Tag verplant, da kann ich nicht eine Stunde für etwas Anderes abgeben. Das wissen wir aber.

Abschließend: Wie erlebt Ihr beruflich COVID, jetzt abgesehen von „Märzengrund“?

Welter: Einerseits ist eine gewisse Hektik da, weil alles schnell gedreht werden soll, bevor es vielleicht wieder unmöglich ist. Auf der anderen Seite ist das Phänomen des Ghosting wahrzunehmen, es dauern Reaktionen oft recht lange.

Henning: Wir waren heuer auf der „Berlinale“ und sind, durchaus zurecht, euphorisch nach Wien zurückgekehrt mit ganz konkreten Projekten – und dann war plötzlich Schluss. Wir waren da sehr, sehr froh, dass wir „Märzengrund“ hatten und haben. Wir konnten also konkret etwas drehen. Durch den Ausfallsfonds der Regierung ist in Österreich die Situation für Produktionen ja besser als in Deutschland. Also es war da auch etwas Glück im Unglück dabei. Aber wirklich lustig ist das alles nicht – für eine ZDF-Produktion, „Alle Nadeln an der Tanne“, hatten Uli Brée und ich das Buch geschrieben und der Dreh musste wegen Corona unterbrochen werden. Für eine corona-kompatible Weiterführung der Arbeiten mussten dann Szenen umgeschrieben werden. Man hat das irgendwie hinbekommen, aber Film ist so schon schwierig genug, das ist ein Ritt über den Bodensee, und wenn der dann so unruhig ist, der See, dann wird es wirklich heikel. COVID ist also eine ziemliche Spaßbremse und die Entwicklung lässt auch keine Prognosen für die Branche zu, das wäre unseriös.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

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