Johannes Krisch gibt den ins Alter gekommenen Elias, der sich vor der Gesellschaft in die Berg geflüchtet hat

© Metafilm/Philipp Sklorz

Interview
08/25/2020

"Etwas zum Lachen, zum Rean und zum Staunen“

Adrian Goiginger dreht mit "Märzengrund" seinen erst zweiten Kinofilm. Der Regisseur von "Die beste aller Welten" über ein berührendes Schicksal und Erfolgsdruck.

von Christoph Silber

Adrian Goiginger (29) dreht in Tirol nach dem Überraschungserfolg von "Die beste aller Welten“, in der er seine Kindheit mit seiner suchtkranken wie liebevollen Mutter aufgearbeitet hat, erneut einen Kinofilm über ein reales Schicksal: "Märzengrund“, angelehnt an ein Theaterstück Felix Mitterers, erzählt von einem jungen Menschen und Hoffnungsträger einer Bauernfamilie, der sich von der Gesellschaft abwendet und in die Berge zurückzieht.

KURIER: Warum wollten Sie dieses Mitterer-Stück zum Kino-Film machen?

Adrian Goiginger: Produzent Michael Cencig (Metafilm) hatte das Stück schon optioniert, lange bevor er mich gekannt hat. Er hat mich sozusagen ins Blaue angefragt und ich war zunächst etwas skeptisch. Ich habe dann Felix Mitterers Theaterstück gelesen und war davon so berührt - mich hat diese Geschichte mitten ins Herz getroffen. Dieser junge Bauernsohn wäre ja Millionär gewesen, hätte er das für ihn vorgesehene Erbe angetreten. Stattdessen sagt dieser Elias: "Ich geh‘ auf den Berg und leb mein Leben, wie ich es für richtig halte und wie ich glaub‘, dass ich frei und glücklich werde“ – ich bekomm‘ grad wieder Gänsehaut, wenn ich davon erzähl‘. Denn die Sehnsucht auszubrechen, ist ja in uns Menschen so ganz tief drin ist, sogar jetzt in der Corona-Zeit. Ich sehe da ganz viel von mir selbst in der Figur und deshalb habe ich zugesagt, dass "Märzengrund“ mein zweiter Kino-Film wird.

Wie stark wurde das Theaterstück für den Film bearbeitet und wie war das Zusammenspiel mit Autor Felix Mitterer dabei?

Ich habe das Stück adaptiert und wir haben es dann zum Drehbuch gemacht. Mitterer und ich haben uns dazu zwei-, dreimal getroffen und haben über die Geschichte geredet und er hat mir Feedback gegeben zu den Drehbuch-Fassungen, die daraus entstanden sind. Die Figuren, viele Dialoge, das hatte Mitterer ja bereits. Meine Aufgabe war es im Grunde, die Bilder dazu zu finden, die Dialoge gegenüber dem Theaterstück zu straffen und auch dramaturgisch habe ich manches verändert. Der Film ist jetzt um Nuancen anders als das Stück. Aber das haben wir abgesprochen und jetzt sind wir beide happy damit.

Das Stück und auch das daraus entstandene Hörspiel leben von der Authentizität der Figuren und ihres Auftretens. Wie setzen Sie das im Film um? Wird auch Mundart gesprochen?

Es ist ein gemäßigter Zillertaler Dialekt, damit man es auch noch in Wien versteht. Vom Grad der Sprachfärbung ist "Die Piefke Saga“ eine ganz gute Referenz. Dementsprechend haben alle Schauspieler den Dialekt auch gelernt. Das Thema Authentizität ist mir extrem wichtig und das geht ja über die Sprache hinaus – Jakob Mader, der den jungen Elias spielt, war vor dem Dreh für seine Rolle zwei Monate auf einem Bergbauernhof im Zillertal, um ein Gefühl dafür zu bekommen, was und wie die Arbeit ist, wie geredet wird, der Dialekt ist. Der ist da all-in gegangen. Die Dialoge sind gegenüber dem Hörspiel verdichtet, weil ich meine, dass die Bauern in den 1960er wortkarger waren. Ich glaub, dass da auch sehr viel übers Nichtreden ging und schlechtes Gewissen mit Schweigen erzeugen. Es schwingt auch immer ein gewisser Katholizismus mit.

"Märzengrund“ hat ja kaum was mit der romantischen Vorstellung von der Selbstbefreiung und vom Berg zu tun.

Wir haben bereits zu Beginn der Dreharbeiten die Szenen abgedreht, in denen der Elias alt ist, was Johannes Krisch übernommen hat. Das hat gar nichts von einem lieblichen Heimatfilm. Was es aber das Ganze so besonders macht, ist die Widersprüchlichkeit des Films, die sich durch die Härte seines Schicksals einerseits und anderseits durch die unfassbar schönen Bilder der Natur ergibt. Das ist spannend. Da kommen ganz viele unterschiedliche Emotionen hoch. Es ist das immer so ein wenig mein Ziel beim Film: Es soll was geben zum Lachen, zum Rean und zum Staunen.

Elias bricht aus einem Leben aus, in dem er ein Hoffnungsträger seiner Eltern war und ganz besonders von seiner Mutter…

Wenn es eine Antagonistin gibt zu Elias, dann ist es seine Mutter. Die spielt Gerti Drassl in zwei Altersstufen. Zunächst ist es ihr Alter um die 40 und dann, nach einem sehr aufwändigen Maskenbild, gibt sie eine 85-Jährige für eine wirklich starke Szene. Das Handeln der Mutter ist ja aus ihrer Sicht völlig nachvollziehbar, aber eben völlig falsch. Mit ihrer Liebe erdrückt sie ihn regelrecht. Er kann gar nicht anders, als wegzugehen, um Luft zu bekommen und sich zu befreien. Da ist total tragisch, denn sie sagt ja immer, wie gescheit der Bub ist und wie schön und merkt dabei nicht, wie sie ihn immer mehr einschnürt mit ihrem Kümmern. Das ist wohl auch der Auslöser für seine Depression und seine verkorkste Jugend, in der ja auch keine Mädels treffen durfte wie die Moid, die Verena Altenberger spielt.

Ist das Zusammentreffen mit der "Moid mit de Gamsaugen“ der Knackpunkt für Elias?

Es zeigt ihm, dass es auch was Anderes gibt in der Welt, als nur den Bauernhof, brav zu arbeiten und zusammenzuhalten und zu sparen. Die Moid ist ja dann auch das ewige Wesen, die ihm auch später noch erscheint. Sie personalisiert die Freiheit und dieser Drang danach kommt bei ihm mit dem Zusammentreffen mit ihr auf.

Es fußt die Geschichte auf einer realen Begebenheit wie das auch bei Ihrem ersten Langfilm "Die beste aller Welten“ war. Da werden die Leute von vor Ort genau hinschauen.

Das Eine ist: Es ist überhaupt nicht unsere Intention, jemanden bloß zu stellen. Ich weiß ja selbst, dass am Land Themen wie Depressionen oder gar Selbstmord, um die es hier auch geht, schwierig und zum Teil ein Tabu sind. Wir sagen deshalb auch, dass das nicht die tatsächliche Lebensgeschichte ist, sondern ein Film, der "inspiriert“ ist davon. Wir haben deshalb auch alle Namen geändert. Es ist das also anders als bei "Die beste aller Welten“, wo ich sagen kann, dass ich meine eigene Kindheit verfilmt habe, wobei ich auch da aus dramaturgischen Gründen eingegriffen habe.   

Wie gestalten sich die Dreharbeiten und wie wirkt sich Corona aus?

Begonnen haben die Dreharbeiten im Sellraintal, in Praxmar und wir arbeiten da auf 2500 Meter. Wir haben dort auch eine Hütte hingestellt, die mit dem Helikopter hingeflogen wurde. Das liegt völlig abgeschieden und idyllisch. Wir dürfen auch noch an Originalschauplätzen im Zillertal drehen. Das ist wirklich eine Ehre, dass wir auch zum Teil dort arbeiten dürfen, wo die Geschichte tatsächlich stattgefunden hat wie etwa in der Landwirtschaftsschule Rotholz aber auch am echten Märzengrund. Das ist wirklich faszinierend, weil es manchmal noch genauso aussieht wie damals. Corona und die damit verbundenen Vorgaben beim Dreh müssen wir auch auf 2500 Meter einhalten. Wir testen zwei Mal die Woche, wir tragen Masken in Innenräumen etcetera. Das heißt, wir beachten alles, aber man gewöhnt sich auch schnell daran, dass man sich anders verhalten muss.

Fühlen Sie so etwas wie Druck auf sich lasten? Es ist "Märzengrund“ ja erst Ihr zweiter Kino-Film und der erste nach dem enormen Erfolg von "Die beste aller Welten“.

Mir macht das Freude, dass ich überhaupt einen zweiten Film drehen kann. Das andere ist: Ich habe schon bei "Die beste aller Welten“ einen großen Anspruch an mich selbst gehabt und den habe ich jetzt auch. Das heißt, ich mach mir schon selbst sehr Druck, so dass mich der von außen nicht mehr so berührt. Ich bin mir selbst mein schärfster Kritiker und das finde ich wichtig. Es geht darum, dass man 100 Prozent gibt und das mache ich. Was sich natürlich geändert hat, ist die Erwartung von außen. Ich sehe das aber als Vorteil, weil ich nicht jedem etwas beweisen muss. Man hat ja schon sehen können, dass ich weiß, was ich tue. Also, da gibt es einen Vertrauensvorschuss, das finde ich ganz angenehm.

Wie lange dauerte es eigentlich bis zur Umsetzung von "Märzengrund“?

Das war überraschend kurz. Das Projekt steht unter einem wirklich guten Stern. Ich habe im Februar 2019 das erste Mal davon gehört, im September sind wir gestartet mit den Arbeiten und mit dem Lockdown hat die intensive Phase begonnen, da war dann das Projekt finanziert, und jetzt drehen wir. Das ist für einen Kinofilm außergewöhnlich schnell gegangen.

Eigentlich sollte Ihr zweiter Film "Der Fuchs“ über ihren Urgroßvater sein. Eine Geschichte über Kindheits- und Kriegstraumata. Wie steht es um das Projekt?

Wir mussten wegen Corona verschieben. Die Dreharbeiten sollen ja in drei Ländern – Frankreich, Deutschland und Österreich – stattfinden. Wir sind bei dem Film extrem abhängig von der Jahreszeit, weil wir mit Fuchswelpen drehen werden und die gibt es nur im Frühjahr. Das heißt, wir mussten den Dreh wegen der Pandemie um 12 Monate verschieben. Wobei bei uns kommt jetzt noch die offene Frage dazu, wer übernimmt die Versicherung für einen Film, der in drei Ländern gemacht wird. Ein Dreh nur in Österreich wäre durch die "Comeback“-Regelung mit der Regierung abgedeckt. Aber das geht nicht, denn die Normandie und die Atlantikküste sind für diese Geschichte notwendig. Die Finanzierung ist aber an sich zu 80 Prozent geschafft, es fehlt noch die Spitzenfinanzierung und dafür gibt es einen klaren Plan mit unseren Produktionspartnern. Wir können jetzt nur hoffen, dass die Lage im April besser ist und die Dreharbeiten möglich sind.

Sonst bleibt Ihnen nur, dass Sie ausschließlich österreichische Filme drehen.

Naja, wobei die Situation erinnert etwas an die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, als auch jedes Land auf sich fokussiert war. Das hat zum Teil eine neue nationale Filmkultur hervorgebracht. In Deutschland sind beispielsweise diese starken, expressionistischen Filme entstanden, die Generationen an Filmemachern danach noch geprägt haben. Nur dafür müsste die Politik jetzt auch etwas mehr machen, als geschehen ist und beispielsweise die Fördersituation noch stärker verbessern.

Demnächst, am 6. September, ist eine Produktion bei ServusTV zu sehen, bei der Sie als Produzent fungiert haben. In der geht es auch um eine reale Person, es ist die Spieldoku "Virginia Hill“, die Ehefrau u. a. vom weltberühmten Mafioso Bugsy Siegel, die sich im Salzburger Land einige Zeit versteckt hielt. Wie kommt man zu so einem Stoff?

Es hat in Salzburg ein Theaterstück zu Virginia Hill gegeben. Das habe ich gesehen und mir gedacht, was ist das für eine irre Geschichte, von der ich, obwohl waschechter Salzburger, noch nie gehört habe. Ich habe dann ServusTV kontaktiert und die sind sofort auf die Idee eingestiegen. Da es eine Doku ist, habe ich noch einen Regisseur gesucht und mit Sascha Köllnreitner gefunden, weil ich mir das nicht zugetraut habe. Verena Altenberger spielt die Virginia Hill, deren Geschichte sich wie ein Mafia-Roman mit entsprechendem Ende liest.

Das heißt aber auch, Sie haben keine Berührungsängste zum Fernsehen hin – bis jetzt sind Sie ja ein Kino-Mensch.

Es kommt für mich zunächst immer auf die Geschichte an und man muss sie im richtigen Rahmen und gut erzählen können. ServusTV hat uns für diese Doku ein sehr ordentliches Budget zur Verfügung gestellt und wir konnten "Virginia Hill“ so erzählen, wie wir es wollten. Was ich nicht mitmache, ist unterfinanziertes Fernsehen, wo man schon vorher sieht, dass es sich nicht ausgeht. Aber wenn die Geschichte und die Rahmenbedingungen passen, gern.

Danke für das Gespräch.

 

 

Inhalt

Die Erwartungen an Elias sind hoch. Er ist nicht nur ein ausgezeichneter Schüler, sondern auch der Sohn des reichsten Großbauern im Zillertal. Bald schon soll er den Hof übernehmen. Doch je verzweifelter er versucht, die für ihn vorgesehene Rolle zu erfüllen, desto stärker spürt er, dass er in Wahrheit ein ganz anderes Leben führen will.  Und so trifft er eines Tages Ende der 1960er Jahre eine folgenschwere Entscheidung: er verzichtet auf sein Erbe. Gegen den Willen seiner Eltern und allen Widerständen zum Trotz geht er in die einsame Wildnis der Berge – zunächst auf die Hochalm "Märzengrund“ und schließlich noch weiter hinauf, immer höher, bis weit über die Baumgrenze. Hier endlich findet Elias das, wonach er sich unten im Tal immer gesehnt hat: die bedingungslose Freiheit.
 
Darsteller

Jakob Mader (Elias 18+), Johannes Krisch (Elias 60), Iris Unterberger (Rosi 16+), Carmen Gratl (Rosi 58), Gerti Drassl (Mutter), Harald Windisch (Vater), Verena Altenberger (Moid) u. a..

Stab

Buch & Regie: Adrian Goiginger
Co-Autor: Felix Mitterer
Dramaturgie: Robert Buchschwenter & Franziska Buch
Casting: Angelika Kropej
Kamera: Klemens Hufnagl, Paul Sprinz
Tonmeister: André Zacher
Ausstattung: Maria Gruber
Kostümbild: Monika Buttinger
Maske: Tim Scheidig & Desireé Schober
Schnitt: Birgit Foerster
Produzentinnen und Produzenten: Michael Cencig (Metafilm), Isabelle Welter & Rupert Henning (WHee Film)
Ko-Produzent: Philipp Schall (it-media)
Producerin: Eva Hödlmoser (Metafilm)

Finanzierung

"Märzengrund" ist eine Produktion von Metafilm und WHee-Film in Koproduktion mit it-media, hergestellt mit Unterstützung des Österreichisches Filminstituts (ÖFI), des ORF Film/Fernsehabkommens, der FISA – Filmstandort Austria, des Filmfonds Wien (FFW), von SWR / Arte sowie der Cine Tirol Film Commission.

Der Filmladen Filmverleih wird "Märzengrund" voraussichtlich im Herbst 2021 in die österreichischen Kinos bringen.

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.