Regisseur Andreas  Schmied: „Ich sehe mich als Storyteller“

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Kultur Medien
08/26/2019

"Love Machine"-Regisseur Schmied: "Komödienspezialist bin ich gern“

Regisseur Andreas Schmied hat so eben die Kino-Komödie "Hals über Kopf“ abgedreht und arbeitet an einem Franz-Klammer-Biopic.

von Christoph Silber

Erfolgsregisseur Andreas Schmied (43) hat es wieder getan: Der Macher von „Love Machine“ und „Harri Pinter, Drecksau“ hat eben seine nächste Kino-Komödie, das romantische Entführungslustspiel „Hals über Kopf“, mit Miriam Fussenegger, Otto Jaus und August Zirner soeben abgedreht. Seine zweite Stadtkomödie „Curling für Eisenstadt“ hat überdies am 13. September in ORF1 Premiere. Der Steirer im Gespräch über Lachen im österreichischen Film, die Pläne zu „Love Machine II“, die Bedeutung von „Dirty Dancing“ und die Annäherung an Franz Klammer als Film-Thema.

Wenn man Sie als Komödienspezialist bezeichnet, passt das für Sie oder greift das zu kurz?

Komödienspezialist bin ich gern, weil das eine Marktlücke ist und die fülle ich gerne. Mir geht es aber vor allem darum, gute Geschichten zu erzählen. Ich sehe mich als Storyteller und als solcher mache ich halt gern komödiantische Geschichten, die auch wahrhaftig sind. Wenn es mir dabei dramaturgisch gelingt, dass sich die Leute im Kino oder vor dem Fernseher nicht fadisieren, dann ist das schon viel. Wenn ich es wie auch bei „Hals über Kopf“ noch schaffe, ein wenig darüber zu erzählen, wie ich die Welt sehe, dann finde ich das schön. Bei „Hals über Kopf“ gibt es ja aber auch Actionszenen, Schießereien und Stunts und das hat mir schon auch sehr großen Spaß gemacht.

Die Umsetzung von „Hals über Kopf“ hat einige Zeit gedauert.

Ich hatte „Hals über Kopf“ eigentlich als zweiten Film nach „Die Werkstürmer“ geplant und geschrieben. Das war schon 2011. Allerdings habe ich damals keine Hauptdarsteller gefunden. Es ist das ein sehr junges Projekt, mit zwei Hauptdarstellern, die aufgrund der Geschichte Ende 20/Anfang30 sein müssen. Ich habe mich dann fürs Zuwarten entschieden.

Mit Miriam Fussenegger und Musik-Kabarettisten Otto Jaus sind Sie doch noch fündig geworden. Wie kamen Sie auf die beiden?

Ich habe Miriam Fussenegger mit Josef Hader in einem ORF-Landkrimi gesehen und habe sie deshalb später für ein anderes Projekt gecastet. Mir ist da ihr großes komödiantisches Potenzial aufgefallen, obwohl sie ja eine dramatische, klassisch ausgebildete Schauspielerin ist. Aber sie ist eben auch ein lässiger Typ mit einem unglaublichen Comedy-Timing. Auf Otto Jaus bin ich getroffen, als er noch nicht als Pizzera & Jaus berühmt war. Das war bei einem Theaterprojekt mit Michael Niavarani im Globe und Jaus hatte eine unglaubliche und natürliche Präsenz auf der Bühne. Da hab ich mir gedacht, der würde passen und das habe ich ihm auch gesagt. Dann ist mir aber „Harri Pinter“ dazwischen gekommen und dann auch noch „Love Machine“. Aber ich habe mit der Aichholzer Film immer weiter an dem Projekt gearbeitet und bin froh, dass es noch geklappt hat.

Nach „Harri Pinter“ und vor allem dem Kino-Hit „Love Machine“ ist die Erwartungshaltung, dass der nächste Schmied-Film wieder ein Lach- und Publikumserfolg ist. Verspüren Sie Druck?

Das ist alles nicht mein Problem und deshalb spüre ich auch keinen Druck. Es war schön, diesen Erfolg mit „Love Machine“ gehabt zu haben. Denn dieser Film war nicht nur lustig, sondern ging auch in die Tiefe, so wie Männer und Frauen dargestellt werden, diese ungewöhnliche Liebe, um die es  darin geht oder auch, dass Frauen sexuelle Wünsche äußern. Wenn man 2018 mit einer Call-Boy-Komödie daher kommt, kann man sehr viel sehr leicht sehr falsch machen. Deshalb war auch eine Bedingung, dass Thomas Stipsits mitmacht. Weil mit seiner Art des Spiels vermeidet man schon sehr viel, was bei anderen peinlich wirkt.

Es heißt, es gibt eine Fortsetzung von „Love Machine“, was darf man erwarten und vor allem wann?

Das Drehbuch befindet sich gerade in Arbeit - Georgy (Thomas Stipsits) wird unverhofft Papa und hilft seiner Schwester dabei, ein Bordell für Frauen auf die Beine zu stellen. Mehr weiß ich selbst noch nicht und kann leider nur verraten, dass ein Dreh für 2021 angedacht ist.

Sie sind bekennender Komödien-Macher. Warum hatte der österreichische Film solange Probleme mit Komödie, obwohl es in diesem Bereich ebenfalls herausragende Stücke gibt?

Ich glaube nicht, dass der österreichische Film ein Problem mit Komödie hat. Warum es so wenige gibt, kann ich aber auch nicht sagen. Es liegt nicht an den Produzenten oder Förderern, die auch öffentlich sagen, dass sie nationale Komödien wollen. Denn das funktioniert noch im Kino. Sonst sind dort nur mehr Event-Movies, Sequels, Prequels und Franchise-Blockbuster zu sehen. Oder eben so etwas wie „Love Machine“, mit Schauspielern, die die Österreicher lieben und die sie im Idealfall aber trotzdem noch nicht so oft gesehen haben, dass sie keine 10 Euro Eintritt mehr zahlen wollen. Ich halte das für extrem wichtig, dass unsere Lebensrealität in unterhaltsamer Form auch im Kino zu sehen ist. Außerdem ein „The Fast and The Furious“ kann man in Österreich nicht finanzieren – höchstens als Komödie. 

Was machen Sie lieber: Fernsehen oder Kino?

Da ist in Österreich oder wahrscheinlich auch weltweit kaum mehr ein Unterschied  – auch wenn dem manche widersprechen würden. Konkret für mich ist der Unterschied nur noch die Drehzeit, die bei Projekten fürs Fernsehen kürzer ist. Bei den Budgets ist da im Normalfall auch nicht der große Unterschied. Budgetär interessant wird es bei Co-Produktionen, wenn mehrere Länder beteiligt sind. Aber auch bei einem Fernsehfilm ist viel möglich: „Curling für Eisenstadt“ hat ein 30-minütiges Sportfilm-Finale, auf das ich stolz bin. Der Film kann mithalten – auch wenn es Curling ist und nicht American Football (lacht). 

Sie schreiben, Sie führen Regie, welche Vorteile hat das, wann wird es zur Belastung und wie bekommt man da noch eine kritische Distanz zu seinem eigenen Schaffen?

Bevor ich Regie geführt habe und Autor war, habe ich als Cutter gearbeitet und so das Geschäft kennengelernt. Im Grunde bin ich also ein klassischer Filmemacher. Manche von ihnen machen auch noch die Kamera, aber dazu bin ich fotografisch zu wenig begabt und auch zu wenig Control Freak. Jedenfalls habe ich einen Zugang zu allen Departements beim Film. Im Widerstreit stehen Schreiben und Regie bei mir gar nicht. Für mich ist das jeweils eine willkommene Abwechslung zum anderen. Am Anfang, bei „Die Werkstürmer“, war es noch schwierig, da hat nach meinem Gefühl der Regisseur Schmied noch mehr das umgesetzt, was der Autor Schmied geschrieben und gedacht hat. Das ist inzwischen anders. Ich habe ja zum Beispiel bei „Love Machine“ das Buch bearbeitet und auch bei „Curling für Eisenstadt“. Ich brauche beides gleichermaßen: beim Drehen den Stress, die Aufregung und dann freue ich mich wieder auf das Schreiben, was heißt, sich im Pyjama hinsetzen und eine Welt neu erschaffen. Am liebsten verfilme ich natürlich das, was ich selbst geschrieben habe, wobei ich bisher das Glück als Regisseur hatte, dass ich alle Projekte zu meinen machen durfte.

Haben Sie eine Philosophie, was Ihre Arbeit betrifft?

Ich denke sehr viel auch übers Publikum nach, ohne mich anbiedern zu wollen. Ich halte es für ehrbar, etwas zu schaffen, dank dessen das Publikum für zwei Stunden den Alltag vergessen kann. Gleichzeitig halte ich es für wichtig, dass es auch einen künstlerischen Anspruch gibt. Man kann im Genre Komödie, sehr viel übers Leben erzählen - und darüber, dass nicht alles so ernst ist. Man kann in diesem Zusammenhang auch darüber nachdenken, was Authentizität im Kino heißt. Unterhaltungsfilmen oder gar romantischen Filmen wird das ja gern abgesprochen. Und doch ist es so, dass sich jeden Tag Menschen verlieben, Menschen nach einer gemeinsamen Nacht glücklich aus der Tür kommen oder miteinander lachen und das ist für mich genauso echt und das wahre Leben und deshalb genauso wert, dass darüber Filme gemacht werden. 

Es heißt, ein Film, der Sie geprägt hat, ist „Dirty Dancing“. Wie das?

Das stimmt total. Weil ich diesen Film mit meinen Schwestern gefühlte 150 Mal anschauen hab' müssen und jeden Tanz auswendig kann, weil ich der Bruder war, der mit den kleineren Schwestern das einstudieren hat müssen. Ich war halt zur Hand und war mir nicht zu blöd dafür. Außerdem spiegelt dieser Film wieder, was auch mir wichtig ist: Er ist sehr gut geschrieben und behandelt bei aller Leichtigkeit auch ernste Themen. Man sollte sich den Film einmal analytisch und filmtheoretisch ansehen: Es ist eine tolle Coming-of Age-Story einer jungen Frau, es geht um den Verlust der Unschuld im Amerika Ende der 60er Jahre, einer gesellschaftspolitisch wichtigen Zeit, und er ist unglaublich romantisch, unglaublich unterhaltsam und er funktioniert einfach. Es gibt so „perfekte Filme“, denen man sich nicht erwehren kann. Da gehört für mich auch noch „Der Pate“ dazu oder aus den 60ern „Das Apartment“, aber auch „Boulevard der Dämmerung“ oder „Leoparden küsst man nicht“. 

Was wird das nächste Projekt?

Es könnte eine Stadtkomödie in Linz sein, die im Startup-Milieu und mit der Ars Electronica im Hintergrund spielt. Es ist das wieder ein sehr junger Film. Den habe ich gemeinsam mit meiner Frau Elisabeth Schmied geschrieben, die Schriftstellerin und Drehbuchautorin ist und die bessere Autorin von uns beiden ist. Mit ihr mache ich hoffentlich auch – wir haben die Stoffentwicklungsförderung bekommen – den nächsten Kinofilm. Das wird ein Biopic über Franz Klammer. Diesen Film werde ich auch erstmals mitproduzieren. Die Umsetzung geschieht gemeinsam mit der epofilm. Ich habe außerdem eine Firma gegründet, um jüngeren Filmemacherinnen und Filmemachern den Einstieg zu ermöglichen. Die Samsara Filmproduktion, die ich mit Loredana Rehekampff als Partnerin betreibe, ist vermehrt fokussiert auf Komödie, die mit neuen jungen Schauspielern und Schauspielerinnen umgesetzt werden sollen und sich frischen, urbaneren Themen widmen. Wir haben aber auch ein englischsprachiges Science-Fiction-Projekt. Es gibt zudem noch Überlegungen, die in Richtung Kurzformate gehen. Mit Streaming tun sich ja neue Möglichkeiten der Distribution auf und es entstehen dadurch auch neue Formen des Erzählens, die ernstzunehmen sind, wenn sich damit auch schon einer wie Steven Spielberg auseinandersetzt.

Was können Sie zum Projekt über Franz Klammer schon erzählen?

Es haben sich schon einige daran versucht, und sie sind daran gescheitert. Vielleicht scheitern wir auch, man wird sehen. Wir sind derzeit in der Drehbuchentwicklung. Das Konzept und auch die geplante Geschichte ist bisher recht gut angekommen – vor allem auch bei Franz Klammer selbst, der da natürlich einiges mitzureden hat, aber auf der anderen Seite sich sehr zurückhält, weil er uns zunächst einmal machen lässt. 

Ein Biopic umzusetzen, ist ziemlich anspruchsvoll, zumal über eine nationale Legende.

Der Anspruch eines Kinogehers an ein Biopic ist, dass er danach mehr über diese Figur weiß als davor. Damit meine ich nicht ausschließlich Fakten, sondern auch darüber, wie es dieser Figur erging, wie ihre Persönlichkeit ist oder welche Lebensphilosophie sie hat. Es ist das so ein wenig der Blick hinter den Vorhang. Bei einem Menschen, den man nicht so kennt, ist eine biografische Aufarbeitung in einer Art Stationsspiel durchaus angebracht. Franz Klammer ist hingegen sehr bekannt und man weiß relativ viel über ihn und seine Erfolge. Damit kann ich das größte Problem eines Biopics, dieses langweilige Stationenspiel, umgehen. Die besten Biopics nehmen einen Lebensabschnitt heraus oder einen großen Konflikt und erzählen komprimiert diese Geschichte, die für ein größeres Publikum interessant ist. Bei Franz Klammer ist das ganz einfach: Es waren die Olympischen Spiele 1976. Der ganze Film spielt in den Tagen von Olympia mit einem 22-jährigen Klammer, der mit der Erwartungshaltung der Öffentlichkeit einem enormen Druck ausgesetzt ist, der im Konflikt ist mit Sponsoren, die etwas von ihm wollen, was er nicht geben will und der den inneren Konflikt hat bei der Frage, fahre ich, weil ich gerne Ski fahre oder weil ich der Klammer bin und fahren muss. Natürlich ein großes Potenzial ergibt sich durch die Lovestory mit seiner heutigen Frau. Die beiden waren damals schon zusammen, nur wusste keiner davon, woraus sich ein weiterer Konflikt ergibt. Das hat allen Beteiligten soweit und gut gefalle. Jetzt brauchen wir „nur“ noch einen 22-jährigen Franz Klammer. Dieser Schauspieler muss besonders sein, denn er muss diese Konflikte spielen können, er muss auf seine Art den Charme von Franz Klammer rüberbringen und er muss gut Ski fahren können. Ich wünsche uns jetzt schon viel Spaß beim Casten. Vielleicht muss ich bei diesem Film auch wieder darauf warten, dass ich den Hauptdarsteller finde, den es braucht.

 

 

Zur Person

Andreas Schmied ist Regisseur, Drehbuchautor und Produzent. 1976 in eine steirische Arbeiterfamilie geboren, gründete er  nach der Matura  eine Produktionsfirma und machte preisgekrönte Image- und Industriefilme, Musikvideos und Kurzfilme. 1998 Umzug nach Wien, wo er mit seiner Familie lebt. Er arbeitete in der Folge beim Theater aber auch als Aufnahmeleiter und  Film-Editor und werkte für Sender von ATV bis ARTE, von M6  bis ORF und MTV. 2013 gab  er sein Langspielfilmdebüt als Regisseur (und Autor) mit „Die Werkstürmer“. 2017 folgte “Harri Pinter Drecksau“ und die Gründung der Samsara Filmproduktion, 2018 dann der Publikumshit "Love Machine", das u. a. als Bester Kinofilm bei der ROMY 2019 ausgezeichnet wurde.