Nach „Rentierbaby“: Richard Gadd seziert in „Half Man“ männliche Wut
Durch Hassliebe vereint: Niall (Jamie Bell) und Ruben (Richard Gadd) in der HBO-Serie „Half Man“.
Zwei Jahre ist es her, dass eine Serie mit einem harmlos klingenden Titel zum Überraschungshit auf Netflix wurde und für ordentlich Gesprächsstoff sorgte. Die Rede ist von „Rentierbaby“. Darin erzählte der in Schottland geborene Serienschöpfer und Schauspieler Richard Gadd semi-autobiografisch – und ganz und gar nicht harmlos – von Stalking, Missbrauch und den Folgen schwerer Traumata.
Für die komplexe Aufarbeitung seiner Geschichte – die in die Kritik geriet, weil Gadds echte Stalkerin in Kürze vom Internet enttarnt worden und selbst zur Zielscheibe worden war – gab es drei Emmy-Awards, u. a. für die beste Mini-Serie. Nun meldet sich Gadd mit seinem neuen Projekt „Half Man“ (HBO Max) zurück, bei dem er als Schöpfer und Hauptdarsteller fungierte.
Im Mittelpunkt stehen zwei auf den ersten Blick ungleiche Stiefbrüder, die Ende der 80er in der Nähe von Glasgow gemeinsam aufwachsen: Der 15-jährige Niall (Mitchell Robertson) ist belesen, zurückhaltend und wird von seinen Mitschülern gemobbt. Als der aufbrausende Ruben (Stuart Campbell) einzieht, ändert sich Nialls Leben schlagartig. Der ist fasziniert von der Scheiß-drauf-Attitüde des zwei Jahre älteren Ruben, gleichzeitig fürchtet er seine Gewaltausbrüche.
Hassliebe
Die beiden verbindet fortan eine Hassliebe, die bis ins Erwachsenenalter andauert und sich immer wieder auf grausame Art und Weise entlädt. Bis Ruben (später gespielt von Richard Gadd) gut zwei Jahrzehnte nach ihrer ersten Begegnung unangemeldet auf Nialls (Jamie Bell) Hochzeit auftaucht – die Einstiegsszene der Serie, die dann wieder in die Jugend der beiden schwenkt.
Gadd wirft in den sechs teils sehr brutalen Episoden ein Schlaglicht auf verdrängte männliche Emotionen – auf falschen Stolz und unterdrückte Scham, nicht eingestandene Homosexualität und alles zerstörenden Neid.
Der junge Niall bewundert Ruben.
Frauenhass
„Half Man“ fühlt sich dabei an wie eine passende Ergänzung zu den Netflix-Produktionen „Adolescence“ und „Louis Theroux: Inside the Manosphere“, die sich beide mit toxischer Männlichkeit und der Verbreitung von Frauenhass im Internet beschäftigten – erstere in Form einer preisgekrönten Mini-Serie, letztere als sprachlos machende Dokumentation über die Realität misogyner Influencer.
Gadd erkundet in „Half Man“, welche Unsicherheiten und Verletzungen eigentlich hinter der männlichen Aggression und dem dazugehörigen Besitzdenken liegen, und stellt dabei auch die Frage, bis zu welchem Punkt sich die Verantwortung für das eigene Handeln auf äußere Umstände schieben lässt. Am Ende sind sich die beiden Brüder seiner Serie – der eine schüchtern und passiv-aggressive, der andere offen gewalttätig – in ihrer selbstzerstörerischen Art gar nicht so unähnlich.
Schonungslos
Das Geschichtengerüst, das er zur Untersuchung dieser Themen gebaut hat, wirkt leider stellenweise zu konstruiert und zwischendurch hat man den Eindruck, dass Gadd hier zu viel unterbringen will. Der Schonungslosigkeit, mit der er hier verschiedene Bilder von Männlichkeit seziert, tut das aber keinen Abbruch. „Half Man“ hat eine Wucht, die man so schnell nicht vergisst.
Kommentare