Angst vor Feminismus? "Man muss das Schamgefühl der Männer ernst nehmen"
Er ist groß, weiß, bärtig, hetero, cis – und setzt sich für Feminismus und Gleichberechtigung ein: Content-Creator und Autor Patrick van Lier hat es sich zur Aufgabe gemacht, als Mann gegen toxische Männlichkeit vorzugehen. Auf Social Media entkräftet er auf sehr persönliche, auch humorvolle Art und Weise veraltete Geschlechter-Klischees und zeigt Machtverhältnisse und männliche Bequemlichkeitsmuster auf.
Aus einem anfänglichen Buchprojekt entstand vor knapp einem Jahr der Instagram-Account feministo_explains, dem mittlerweile über 70.000 Personen folgen – Tendenz steigend. "Man merkt, dass ich da eine Lücke fülle. Ich bin bis dato im deutschsprachigen Raum auch der einzige Hetero-Mann, der feministischen Content macht", erklärt van Lier im Gespräch mit dem KURIER.
"Männer hören eher Männern zu"
Von seinen aktuell rund 70.000 Followern seien immerhin 10.000 Männer. "Das klingt im Verhältnis zunächst nicht nach viel. Wenn ich mich aber mit anderen großen Creatorinnen in dem Bereich austausche, haben diese zwar oft deutlich mehr Follower:innen als ich, kommen aber nicht im Ansatz an diese Männeranzahl heran."
Der 38-Jährige ist verheiratet, Vater von drei Kindern und definiert sich selbst als feministisch eingestellter Mann – als "Ally" von Frauen, der Männern ihre privilegierte gesellschaftliche Position vor Augen führen möchte. Auch sieht er sich in seiner Rolle als "Feministo" als Vermittler: "Es gibt viele Studien, die belegen, dass Männer einfach mehr auf Männer hören. Ich versuche, eine Brücke für Männer zu schlagen, damit die sich auch mit den Sichtweisen und Erfahrungen von Frauen beschäftigen."
Nicht nur Frauen leiden unter dem Patriarchat
Keine leichte Aufgabe – zu festgefahren seien oft die Strukturen, an die sich die Gesellschaft gewöhnt habe. "Männer nehmen das Patriarchat oft nicht wahr, weil sie in vielen Situationen von den Vorteilen profitieren." Gleichzeitig würden Männer aber selbst darunter leiden – etwa unter dem veralteten Bild des "starken Mannes", der stets alleine zurechtkommen müsse. Das Resultat: "Männer vereinsamen in Massen in ihren Wohnungen – und daraus entsteht wieder Hass gegenüber Frauen und anderen marginalisierten Gruppen. Was wiederum dazu führt, dass das Patriarchat mehr Aufwind bekommt und das Ganze so weitergeht. Und das kann dazu führen, dass die Femizid-Rate ansteigt. Und das ist das, was viele Männer nicht verstehen wollen."
Ein Teufelskreis, der auch den Begriff "Male Loneliness Epidemic" hervorgebracht hat, wobei van Lier diesen nicht korrekt findet: "Das ist keine Epidemie, keine Krankheit – das ist ein System, das krankhaft ist. Während Frauen das längst begriffen und sich weiterentwickelt haben, bleiben Männer aber in diesen Rollenbildern gefangen. Würde ich auf der Straße 100 Männer fragen, wie es ihnen geht, würden wohl 90 antworten: "Es geht mir gut", obwohl das nicht stimmt. Aber sie haben eben von klein auf gelernt, Belastungen aushalten zu müssen, ohne sich anderen anzuvertrauen."
Bestätigung für alte Rollenbilder
Insbesondere im Internet werden die Auswüchse der toxischen Männlichkeitsbubble immer mehr – und erreichen auch immer mehr Männer, vor allem junge. Ein Umstand, auf den van Lier auf seinem Account mit Videoclips laufend hinweist.
"Alpha-Male-Coaches, Väterrechtler ... sie haben alle diese aufgestaute Wut gemein, weil sie sich irgendwo im System benachteiligt sehen. In ihren Outbursts sind sie auch furchtbar laut – und der, der am lautesten ist, gewinnt. So war das schon immer. Damit erreichen die natürlich unfassbar viele junge Männer, die von ihren Vätern und Großvätern bereits mit geschlechterspezifischen Rollen sozialisiert wurden und sich dann darin bestätigt sehen."
Männliche Angst vor Verlust durch den Feminismus
Man dürfe die Angst der Männer vor etwaigen Verlusten durch den Feminismus jedoch nicht einfach beiseiteschieben, denn dieses Gefühl sei laut van Lier durchaus real. Das beschreibt er auch in seinem Buch "Was wir Männer wirklich verlieren" (Trabanten Verlag), das am 15. April erscheint. Darin analysiert er, warum das Thema Gleichberechtigung bei vielen Männern Verunsicherung auslöst – und warum man dieses Gefühl ernst nehmen muss. "Ich höre immer wieder von Männern, dass der Feminismus oder die Gleichstellung ihnen 'etwas wegnehmen wolle'. Diese Sorge kann man nicht einfach so abtun, denn es stimmt natürlich, dass sie einiges abgeben müssen, wenn sie das Patriarchat hinter sich lassen möchten."
Ein Schritt, der nicht zu unterschätzen sei, geht es schließlich um Dinge wie Macht, Privilegien und Deutungshoheiten. "Wenn ich als Mann stets mit Vorteilen durch die Welt gegangen bin und diese nicht mehr habe, weil ich sie konkret ablehne, dann entsteht Angst." Er wolle nicht, dass man Mitleid mit Männern deswegen hat. Aber: "Ich möchte, dass man versucht, die Perspektive von so einem Mann einzunehmen und zu verstehen, in welchem Struggle er ist. Dieser ist für Männer nämlich auch unfassbar schamhaft," erklärt van Lier, und führt aus: "Wenn ich irgendwann kapiere, dass ich stets Teil des Problems war, dann komme ich zwangsläufig an den Punkt Scham. Entweder, ich setze mich aus Selbstschutz gar nicht damit auseinander – oder ich nehme das an und muss mit diesem Schamgefühl klarkommen. Und das ist schwierig für Männer."
Patrick van Lier fordert in seinem Buch den "Aufbruch zu einem neuen Verständnis von Männlichkeit".
Gewinn durch Gleichberechtigung
Sein Buch soll dabei unterstützen, die Perspektive dieser Männer einzunehmen – und deren Ängste und Schamgefühle nicht verurteilen oder abwerten, sondern bei der Erkenntnis helfen, wie man(n) aktiv gegen benachteiligende Strukturen vorgehen kann, sodass am Ende des Tages alle durch die Gleichberechtigung dazugewinnen können. Denn: "Wenn ich bereit bin, mich nicht in die toxische Männlichkeitsfalle zu begeben, gewinne ich bei vielen anderen Dingen dazu: etwa stärkere Beziehungen zu Freunden, zu Familie oder in Partnerschaften."
Patrick van Lier fordert Männer auf, Männlichkeit in neuen Bahnen zu denken – und ist überzeugt: "Es gibt genug Männer da draußen, denen klar ist, dass das System so, wie wir es derzeit erleben, nicht der richtige Weg ist."
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