"Good Omens"-Autor und Showrunner Neil Gaiman.

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Kultur | Medien
06/08/2019

"Good Omens"-Autor Neil Gaiman: Plötzlich war es ein letzter Wunsch

Gemeinsam mit Terry Pratchett schrieb er „Good Omens“. Im Interview erzählt Gaiman, wie er daraus eine Serie gemacht hat.

Rund 30 Jahre ist es her, da bekam der junge britische Schriftsteller Neil Gaiman einen Anruf von Kult-Fantasy-Autor Terry Pratchett (schon damals bekannt für seine „Scheibenwelt“-Romane).

Gaiman hatte ihm einen Entwurf eines Textes geschickt und seine Meinung erbeten. Pratchetts Antwort ließ mehrere Monate auf sich warten – war aber umso erfreulicher für Gaiman: Er würde den Stoff gerne weiterentwickeln, alleine – oder zu zweit. „Und weil ich nicht blöd bin, habe ich natürlich zugesagt, dass wir zu zweit daran schreiben“, erzählt Gaiman. „Das ist so, als würde Michelangelo anrufen und fragen, ob man am Wochenende nicht Lust hätte, eine Decke zu bemalen.“

Lange galt "Good Omens" als unverfilmbar

„Good Omens“ (auf Deutsch: „Ein gutes Omen“) über einen Engel und einen Dämon, die gemeinsam die drohende Apokalypse verhindern wollen, wurde zum Kultroman und schon bald gab es Filmpläne, die jedoch allesamt scheiterten: „Good Omens“ sei unverfilmbar, hieß es. Bis jetzt. Seit vergangener Woche ist der Stoff als Mini-Serie bei Amazon Prime Video abrufbar.

Als Showrunner fungierte Gaiman selbst – er hat bereits Erfahrung mit Serien, schrieb unter anderem „American Gods“, sein Comic „Sandman“ bot die Vorlage für den Protagonisten in „Lucifer“ und es dürfte auch in Zukunft Nachschub geben: Gaiman hat im Vorjahr einen Exklusiv-Deal mit Amazon unterzeichnet.

Mit „Good Omens“ erfüllt er seinem 2015 an Alzheimer verstorbenen Freund und Co-Autor Terry Pratchett einen letzten Wunsch, wie Gaiman vor der Premiere seiner Serie in London erzählte.

KURIER: Mr. Gaiman, wann erzählte Ihnen Terry Pratchett von seinem letzten Wunsch?

Neil Gaiman: Ich wusste zuerst gar nicht, dass es sich um einen letzten Wunsch handelte. Terry hatte mich nie um irgendetwas gebeten. 2014 bekam ich plötzlich eine eMail von ihm. Darin stand: „Ich weiß, wie beschäftigt du bist, aber du bist der einzige, der dasselbe Verständnis und dieselbe Leidenschaft für ,Good Omens‘ hat wie ich. Du musst das verfilmen, weil ich es noch sehen will, bevor die Lichter ausgehen.“ Ich sagte zu und dachte, wir hätten noch sechs oder sieben gemeinsame Jahre. Aber Terry starb 2015. Als ich vom Begräbnis zurückkam, begann ich, die erste Folge zu schreiben.

Das war sicher keine leichte Aufgabe.

Der Druck war enorm groß. Das Schwierige war aber gar nicht das Schreiben an den Drehbüchern, sondern die Jahre danach, in denen ich gemeinsam mit Douglas (Mackinnon, Regisseur, Anm.) entgegen aller Widerstände versucht habe, eine Serie zu machen, die Terry gefallen hätte.

Als Autor und Showrunner hatten Sie bei der Umsetzung sicher den „Segen“ der Fans.

Heutzutage kann man für nichts garantieren. Schon morgen könnte es eine Petition auf Facebook geben, die fordert, dass ich abgesetzt werde und das Ganze mit Johnny Depp und Brad Pitt noch einmal neu verfilmt werden soll (lacht). Ich hatte das Glück, dass ich die ganze Zeit über unterstützt wurde – von Amazon, von Douglas und vom gesamten Cast. „Good Omens“ gehört auch zu den Lieblingsbüchern einiger der Schauspieler, wie Nina Sosanya, Jon Hamm oder Michael Sheen. Sie waren mein Support-Team.

Michael Sheen und Sie sind langjährige Freunde. War von Beginn an klar, dass er den Engel Erziraphael spielen würde?

Als ich angefangen habe, das Script zu schreiben, habe ich Michael ein Exemplar von Episode eins zugeschickt und gesagt: „Nur, dass du weißt, du bist meine erste Wahl für (den Dämon) Crowley.“ Als ich bei Folge drei angelangt war, entschied ich, dass Michael eher die Rolle von Erziraphael übernehmen sollte. Nur hatte ich ihm das nie wirklich gesagt. Als ich dann mit den Drehbüchern fertig war, trafen wir uns zum Dinner. Es war furchtbar unangenehm. Michael dachte die ganze Zeit, ich würde ihn nun bitten, Crowley zu spielen, doch er wollte eigentlich auch lieber Erziraphael sein. Nach dem Essen fragte ich ihn schließlich und er sagte sofort Ja.

Das Buch ist rund 30 Jahre alt. War es schwierig, den Stoff in die Gegenwart zu verlagern?

Ich kann mich noch daran erinnern, wie Terry und ich „Good Omens“ geschrieben haben und den ersten Entwurf am Telefon besprachen. Wir fanden, dass alles gerade so friedlich sei und Armageddon sich so unwahrscheinlich anfühlte, dass wir einen Satz einfügten. Ein Nachrichtensprecher sagte etwas wie: „Internationale Spannungen nehmen zu, was seltsam ist, weil sich doch alle gerade noch so gut verstanden haben.“ Ich wünschte, wir könnten diesen Satz jetzt auch noch verwenden. Ich habe ihn gestrichen, denn die internationalen Spannungen sind allgegenwärtig.

Worum es in "Good Omens" geht

Engel Erziraphael (Michael Sheen, "Frost/Nixon") und Dämon Crowley (David Tennant, "Dr. Who") sollten sich schön langsam auf die Apokalypse vorbereiten. Wenige Tage bleiben noch, doch die beiden wollen sich damit nicht so recht anfreunden: Schließlich haben sie sich nach mehreren tausend Jahren auf der Erde an die Annehmlichkeiten des weltlichen Lebens gewöhnt. Wein, Sushi, Autos und Musik von Queen. Deshalb beschließen sie,obwohl sie eigentlich in feindlichen Lagern spielen, gemeinsame Sache zu machen und den Weltuntergang zu verhindern. Dafür müssen sie erst einmal den Antichristen finden, doch der wurde offenbar bei der Geburt vertauscht.

Neben Sheen und Tennant gehören u. a. "Mad Men"-Star Jon Hamm, Adria Arjona ("Triple Frontier"), Oscar-preisträgerin Frances McDormand ("Fargo") sowie Benedict Cumberbatch ("Sherlock") zum Cast. Regie führte Douglas Mackinnon, als Showrunner fungierte Neil Gaiman

Der Autor (geboren 1960) ist bekannt für Comics („Sandman“) und Fantasy-Romane („Stardust“), die teilweise verfilmt wurden (u. a.  „Coraline“, „American Gods“). Seine Ehefrau ist „Dresden Dolls“-Sängerin Amanda Palmer.