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Kultur Medien
08/28/2019

Charlotte Roche erkundet das Liebesleben rund um den Globus

Die neue Doku-Reihe der Autorin heißt "Love Rituals". Zum Auftakt geht's nach Japan zu einer Prozession mit Phallus-Figuren.

von Nina Oberbucher

Es ist ein traditionelles Fest im japanischen Kawasaki: Einmal im Jahr werden beim Kanamara-Matsuri (was übersetzt so viel wie „Fest des eisernen Penis“ bedeutet) Phallus-Figuren durch die Stadt getragen – angeleitet von einem shintoistischen Priester, der die Menschen auffordert, offener mit ihrer Sexualität umzugehen. Derweil schlecken Besucher des Festivals an Lollis in Penis-Form. Steht das nicht im Widerspruch zur vermeintlich prüden japanischen Gesellschaft?

Genau das will Charlotte Roche zum Auftakt ihrer Doku-Reihe „Love Rituals“ herausfinden. Die Moderatorin und Autorin ist für sechs Episoden rund um den Globus gereist, um verschiedene Vorstellungen des Zusammenseins näher zu ergründen. Das Ergebnis ist ab heute (Mittwoch, 21.35 Uhr) bei Arte zu sehen (die Sendetermine aller sechs Folgen finden Sie am Ende des Artikels).

Digitale Partnerinnen

Bei ihrer Erkundstour durch Japan steht Roche der Publizist Kyoichi Tsuzuki zur Seite, der als Entdecker des Schriftstellers Haruki Murakami gilt. Er erzählt ihr von den sogenannten „Gemüsejungs“ – Männern, die Sex vollkommen entsagt haben.

Und von den digitalen Ersatz-Freundinnen, die als Hologramme zu Hause auf ihren Liebsten „warten“.

Als Roche junge Frauen in Tokyo nach deren Partnern fragt, erntet sie verlegenes Kichern. So locker wie auf dem eingangs erwähnten Kanamara-Matsuri-Festival scheint es dann doch nicht überall in Japan zuzugehen.

Skandal-Autorin

Liebe und Sexualität sind keine unbekannten Themen für Roche. Mit ihren schonungslos direkten Romanen „Feuchtgebiete“ und „Schoßgebete“ brach die ehemalige VIVA-Moderatorin ein Tabu nach dem anderen, wurde als Skandal-Autorin bezeichnet.

Mittlerweile lässt es die 41-Jährige ruhiger angehen, aber nicht weniger offen: In ihrem Podcast „Paardiologie“, der seit einigen Wochen bei Spotify läuft, spricht die zweifache Mutter gemeinsam mit ihrem Ehemann über ihre Beziehung und auch über private Probleme.

„Wir reden so frei, wie wir nur können, und danach denken wir: Hä, was war das denn? Also ein bisschen so, als wär man vom Zug überfahren worden“, sagte Roche der Deutschen Presse-Agentur.

Nicht die große Provokation

Auch in „Love Rituals“ geht es nicht um die große Provokation, vielmehr stehen unterschiedliche Beziehungsmodelle, Religion und gesellschaftliche Strukturen im Mittelpunkt.

In der zweiten Folge reist Roche nach Israel, wo sie sich – im passenden hochgeschlossenen Kleid – mit dem ultraorthodoxen YouTuber Melech Zilbershlag trifft. Er erklärt Roche das Konzept des Bashert: Im jüdischen Glauben hat Gott für jeden Menschen einen Seelenverwandten vorgesehen – doch den zu finden, ist gar nicht so leicht.

Vergessene Gebetsbücher

Einige Eltern bezahlen teures Geld dafür, dass ihre Kinder verkuppelt werden. Dass die Jungen andere Vorstellungen von der Liebe haben, macht die Sache nicht einfacher.

Manche hoffen bei der Partnersuche auf Hilfe von oben: Roche fährt nach Amuka im Norden Israels. Dorthin pilgern jedes Jahr hunderte junge Juden und beten dafür, ihren Bashert zu finden. Dabei werden immer wieder Gebetsbücher – versehen mit Namen und Adresse – „vergessen“. In der Hoffnung, dass eines die richtige Person findet und sich meldet.

"Es ist sehr schwer, da die Contenance zu bewahren"

Eine der letzten Episoden führt Roche schließlich nach Indien. Dort besucht sie Witwen, die nach dem Tod des Mannes von ihren Familien verstoßen werden und in größter Armut leben. Ihnen ist etwa bunte Kleidung verboten, schließlich soll jeder sofort sehen, dass es sich „nur“ um verwitwete Frauen handelt.

„Egal, wie lange die leben, dürfen die nichts mehr machen, was Freude macht. Es ist sehr schwer, da die Contenance zu bewahren. Das sieht man mir in der Sendung auch an“, so Roche.

Ihr Fazit nach der Reise: „Eigentlich müsste man alles neu erfinden, sodass es zu einem passt – oder aus allen Religionen und heidnischen Ritualen etwas aussuchen.“

Wann und wo "Love Rituals" zu sehen ist

Insgesamt gibt es sechs Folgen zu je 45 Minute. Den Auftakt machen heute, Mittwoch, die Episoden über Japan (21.35 Uhr) und Israel (22.25). In der Nacht auf Freitag geht es weiter mit Kenia (0.15), am Freitag sind die USA (23.55) dran. Den Abschluss bilden am Samstag die Reportagen aus Indien (22.55) und von den Orkney-Inseln (23.40).