Mit Roland Kaiser (re.) an der Bar: Traumartige Szene aus „Eisland“

© NDR/Gordon Timpen

Interview
02/16/2022

"Tatort"-Kommissar Axel Prahl in neuem Film: "Es war die Hölle"

Axel Prahl ist am Mittwoch in der skurrilen Tragikomödie „Eisland“ (20.15 Uhr, ARD) als Lieferant zu sehen. Der Schauspieler über Bandscheibenprobleme, Roland Kaiser und den nächsten "Tatort" aus Münster.

von Peter Temel

Der letzte Schluck Eierlikör, dann haucht Frau Meuer ihr Leben aus.

Die ältere Dame (Inge Maux) war eine treue Kundin von Marko Wendrichs. Er brachte ihr nicht nur Tiefkühlkost, sondern auch etwas Freude ins Leben – beim abendlichen Eierlikörtrinken.

Axel Prahl spielt diesen Hamburger Lieferanten, der sich in drei Jahrzehnten einen krummen Buckel gearbeitet hat und nun aufgrund eines Bandscheibenvorfalls seinen Job aufgeben musste. Als Wendrichs aus dem Eierlikörrausch erwacht, sieht er die tote Frau vor sich, jene Frau, die ihm zuvor ihre Bankomat-PIN anvertraut hatte, und fasst einen schwerwiegenden Entschluss. Er verfrachtet sie in die Tiefkühltruhe.

Marko hofft, sich und seinem Sohn mit ihrem reich gefüllten Konto ein schöneres Leben ermöglichen zu können, aber: Wenn’s dem bösen Nachbarn (Typ: Blockwart) nicht gefällt .... In der von Maximilian Kaufmann mit viel Gespür geschriebenen Tragikomödie (Regie: Ute Wieland) führt das freilich zu noch mehr Problemen.

Einen wunderbaren Auftritt hat Schlagerstar Roland Kaiser. Das Idol von Marko hat nachts an der Bar ein paar geheimnisvolle Lebensweisheiten auf Lager, die verdächtig nach Haruki Murakamis "Kafka am Strand" klingen.

KURIER: Was würde der erfahrene Kommissar Thiel über Marko Wendrichs Handeln sagen? Wie viel Verbrechen ist hier passiert überhaupt? 

Axel Prahl: Thiel wäre ja nicht zuständig gewesen, der ist bei der Mordkommission. Aber ich glaube, der Frank hätte sehr viel Empathie für diesen Marko, weil der ja mehr oder weniger unverschuldet in diese Situation gerät. Und einer der Schlüsselsätze zu seinem Sohn ist: "Ich habe 30 Jahre lang Tiefkühlpizza durch die Gegend gefahren, um dich großzuziehen, und jetzt kann nicht mal meine Miete bezahlen. Ist das gerecht?" Ich glaube, es wäre Thiel schwer gefallen, diesen Mann zu verhaften. Zumal die Dame ja auch eines natürlichen Todes gestorben ist, er hat ja nur den Zeitpunkt der Beerdigung verlegt. 

So kann man es auch sagen. Hätte er ihn überführt? 

Davon würde ich mal ausgehen. 

Haben Sie als Axel Prahl auch Verständnis für das Handeln von Marko?

Na ja, bedingt, sage ich mal. Ich glaube, ich hätte erst mal andere Alternativen versucht. Ich sage immer: Wer redet, dem kann geholfen werden. Dass er durch sein Rückenleiden seine Arbeit verloren hat, ist das eine. Aber es gibt immer Möglichkeiten, sich ein Zubrot zu verdienen, sei es in der Spielhalle als Aufsicht oder was weiß ich. Also irgendein Job, wo er seinen Rücken nicht unbedingt beanspruchen muss. Aber verständlich ist es natürlich, dass er so gehandelt hat. Die Versuchung war für ihn einfach recht groß. 

Es geht auch um tragische Themen, Einsamkeit im Alter, Jobverlust. Wie entsteht daraus dann eine leichtfüßige Tragikomödie? 

Allem voran ist natürlich das Buch von Maximilian Kaufmann zu nennen. Der war ein junger Filmstudent, als er das geschrieben hat. Ich war wirklich von Anfang an so begeistert, weil man das nicht sehr oft hat, dass mit einer kleinen Geschichte die ganze große Welt erzählt wird. „Eisland“ erzählt auch von der Entwicklung der modernen Kultur, angefangen beim Fernsehen, wie da Wünsche nach eigentlich völlig Überflüssigem generiert werden, wie beispielsweise diesem Kochautomat, das bringt der Film auf den Punkt. 

Sie haben selbst auch ähnliche Jobs gemacht. Wie war das so und hat Ihnen das bei der Rolle geholfen? 

Es war mit Sicherheit hilfreich, zu wissen, was man da normalerweise für Kollegen hat und wie das Klientel ist. Ich habe in meiner Studentenzeit, als ich Mathematik und Musik auf Lehramt studiert  hatte,  als Bierfahrer gejobbt. Und ich fühlte mich damals wie ein Held. Erstens durfte ich einen 7,5 Tonner fahren, habe morgens den LKW voll geladen und hatte dann eine Tour abzufahren und Getränke auszuliefern. Es gab damals noch 100-Liter-Fässer, das muss man sich mal vorstellen, das hätte durchaus zu einem Bandscheibenvorfall führen können. 

Was machen Sie, um gesund zu bleiben?

Ich hatte vor dem Film nie irgendwas mit den Bandscheiben zu tun, aber ein Jahr später hatte ich tatsächlich einen Bandscheibenvorfall. Ich war auf dem Weg zum Synchron Studio und konnte in meinem Auto nicht sitzen, nicht liegen. Es war die Hölle. Als ich dort ankam, musste ich sagen: „Tut mir leid, heute können wir leider nichts mehr aufnehmen. Ich habe solche Schmerzen und weiß gar nicht, wie ich mich halten soll, um den Schmerz zu vermeiden. Ich rufe mir jetzt ein Taxi und fahre in die Klinik.“ Dort hatte man mir einen Haufen Schmerzmittel verabreicht und dann gab es Physiotherapie, all das, was meine Rollenfigur Marko Wendrichs auch durchgemacht hat. Ich habe mir dann so einen hübschen Gymnastikball zugelegt und mache jetzt immer fleißig meine Rückenübungen. Auf dem Boden liegend, die Beine auf dem Ball, den Rücken durchstrecken und das linke Bein hoch und das rechte Bein hoch und nach vorne rollen, über den Brustkorb und Liegestütze. (Lacht) Damit die Muskulatur, die wir normalerweise überhaupt nicht beanspruchen, wieder trainiert wird. 

Dabei schlafen Sie aber nicht ein wie Marko Wendrichs?

Ja also, wenn es gemütlich wird und man alleine ist und dabei Musik hört, kann das schon mal passieren. (Lacht) Das fand ich ja das Schöne an diesem Buch, diesen lakonischen, leicht britischen Humor, der eben so nebenbei erzählt, was Sache ist.

Eisland

Sie sind ja auch Musiker und haben eine Band, das Inselorchester. Im Film kommt Schlagerlegende Roland Kaiser vor. Wie stehen Sie zu seiner Musik? 

Musik hat für mich immer erst einmal etwas Positives. „Sieben Fässer Wein“ oder „Schachmatt“ kann auf mancher Party mächtig Spaß machen, oder? „Lisa Marie. Die Politesse von gestern“ hat auch einen großartigen Text. (Lacht) Roland Kaiser ist ein ganz wunderbarer Mensch. Der ist down to earth, mit beiden Beinen wirklich am Boden geblieben und hat natürlich auch schon so viel erlebt, dass er in manchen Bereichen für mich schon geradezu weise wirkt. Ich mag den Roland einfach unheimlich gern. 

Wann haben Sie Ihn kennengelernt?

Wir haben beim Tatort „Summ, summ, summ“ miteinander gearbeitet. Er hatte da ja eine größere Rolle zu spielen, und dadurch einige Drehtage. Wir sind öfter zusammengesessen, haben miteinander ein Gläschen Wein getrunken und übers Leben geredet. Und da gibt es schon viele Schnittmengen, wie wir das Leben so sehen.

Im Film kommt es ja eher zufällig zu einem Treffen, bei einem Gläschen Sherry. 

Die Szene stand eigentlich noch nicht im Drehbuch und Regisseurin Ute Wieland und Autor Maximilian Kaufmann hatten die Idee, Rolands Musik als Vehikel zu nützen, um die Figur Marko Wendrich zu erzählen. Er hat seine Frau verloren, die ein riesengroßer Roland Kaiser-Fan war. Und alle emotionale Erinnerung ist natürlich am schnellsten über Musik herzustellen. Wir kennen das ja alle. Bei diesem Lied haben wir diesen Menschen kennengelernt, oder es war diese Party, die legendär war … Musik hat im Leben einen sehr hohen Stellenwert. Und bis dahin stand im Drehbuch nur, dass er eben großer Roland Kaiser Fan ist. Und dann fragten die beiden mich, ob ich mir vorstellen könnte, dass er mitspielen würde. Ich habe ihn einfach mal angerufen. Und der Autor Maximilian Kaufmann hat dann noch diese großartige Szene geschrieben.

War Roland Kaiser sofort Feuer und Flamme?

Er hat sofort gesagt: Ja, klar, schick mal rüber. Und wenn es zeitlich passt, mache ich das gerne.

Nicht nur in der Musik hat man es heute mit einer Art Geschmackspolizei zu tun. Wie sehen Sie heutzutage die Gesellschaft in dieser Hinsicht? 

Ich bin da vorsichtig damit, weil ich finde, die meisten Kunstformen haben in irgendeiner Form ihre Daseinsberechtigung. Also was ich überhaupt nicht mag, ist rechte Musik, und Gangsta Rap finde ich auch völlig daneben, nach dem Motto: Aufruf zu Mord und Totschlag. Das ist jetzt auch nicht meine Welt. Man muss das von Fall zu Fall betrachten und da scheue ich mich einfach davor, etwas global zu verurteilen.

Inge Maux spielt im Film "Eisland" ja auch eine wichtige Rolle …

Oh ja, und das macht sie großartig! Sie ist so eine herzensgute, tolle Frau. Wir haben so viel gelacht, das war großartig. Umgangssprachlich würde man sagen: Sie ist wirklich eine Granate. Ich liebe sie, sie ist wirklich toll. 

Nach einem Drittel des Films ist sie nicht mehr so laut …

Da wirkte sie etwas unterkühlt. (Lacht)

Sie ist ja auch Österreicherin. Ich mag Österreich ohnehin sehr gern. Ich fand es sehr sympathisch, dass man in vielen gastronomische Betrieben noch rauchen darf. Ich mag auch die Buschenschanken in der Nähe von Graz. In Wien bin ich ab und zu bei einem guten Freund, wenn es möglich ist. Wien ist ja eine zum Niederknien schöne Stadt. 

Aber ich muss Ihnen sagen: Rauchen darf man nicht mehr in der Gastronomie.

Das ist aber neu, oder? 

Na ja, seit drei Jahren. 

In der Buschenschank durften wir nicht rauchen, aber wir waren in einem sogar sehr klassischen österreichischen Restaurant in Wien und da gab es oben einen Raucherbereich und unten den Nichtraucherbereich. 

Wie lange ist es her? 

Das dürfte so zwei, drei Jahre her sein, länger bestimmt nicht.

Dann war es wahrscheinlich die letzte Gelegenheit … 

Das könnte sein, ja.

Hat es Ihnen auch Spaß gemacht, in Hamburg zu drehen? 

Ich bin ja am Meer großgeworden, in Schleswig-Holstein, in Neustadt. Und Hamburg hat ja diese Meeresnähe und den Hafen, es ist wirklich eine fantastische Stadt. Also wenn ich jetzt nicht in der Nähe von Berlin direkt am Wasser wohnen würde, dann wäre Hamburg auf jeden Fall auch eine Stadt, in der ich leben könnte. 

Wie sieht es mit Ihren musikalischen Ambitionen aus?

Ich habe gerade ein neue Nummer mit dem Inselorchester draußen, die heißt „Timpete“. Es geht um das Märchen vom Fischer und seiner Frau. Und es gibt sie, was sehr selten geworden ist, auch als Vinylsingle. Der Song ist auf Plattdeutsch, denn ich bin ein großer Verehrer der plattdeutschen Sprache. 

Und wie sieht es mit Liveauftritten aus? Zurzeit ist es ja nicht so einfach. 

Wir waren ja mit dem Inselorchester leider Gottes erst einmal in Österreich. Wir hoffen natürlich in dieser Pandemie inständig, dass wir überhaupt wieder spielen dürfen. Wir haben für 2022 noch einige Konzerte geplant, fast ausschließlich Open Air Konzerte. 

Der Münster-Tatort hatte wieder jenseits der 14 Millionen Zuseher. Wie gehen Sie damit um, dass das so erfolgreich ist? 

Da möchte ich mich auch gleich bei unseren österreichischen Fans bedanken. Wir haben eine treue Fangemeinde. Das ist wirklich toll und macht Spaß. Ich mochte den Film und fand ihn auch spannend. Man wollte wissen, was Thiel da widerfahren ist. Und, wenn man bei der Hälfte dachte, man hätte die Lösung, kam es ja dann doch anders.

Dass der "Vadder" dann noch rauskommt aus der Nummer, das hätte man ja nicht mehr gedacht. 

Man hätte es vielleicht schon ahnen können, sonst hätte man im Vorfeld wahrscheinlich schon irgendwo mal gehört, dass das die letzte Folge vom Vadder ist. Wenn man im Vorfeld dieses Gerücht gestreut hätte, vielleicht hätte das noch mal eine andere Wirkung gehabt. (Lacht)

Also wollen Sie noch höhere Quoten erreichen?

Wir sind schon sehr dankbar für diese Quoten, das ist schon toll.

Und Dreharbeiten für den Münsteraner "Tatort" stehen auch bald wieder an?

Ja, bereits Anfang März beginnen die Dreharbeiten, das ist dann unsere 42. Folge. Und am 6. März schon gibt es eine weitere TV-Premiere auf der ARD des Tatort Münster. „Prophetheus“, mit dem soll dann auch das 20. Jubiläum kräftig gefeiert werden. 

Können Sie zu „Propheteus“ schon etwas sagen?

Es geht um Verschwörungstheoretiker. Ich gerate selbst in eine Verhörsituation.

Also kommen sie wieder unter Verdacht?

Nö, nicht wirklich … aber ich werde vom Verfassungsschutz verhört.

Wie fanden Sie die Rückmeldungen auf den 40. Fall?

Also ich persönlich fand ihn gut. Aber es gab auch Stimmen, die sagten: Das ist doch kein Münster-Tatort.

Ist es eine spontane Idee gewesen, dass man ein Krafttier Wildschwein einbaut?

Das war die Idee des Drehbuchautors, der sich diesen wunderbaren Text erdacht hat mit Krafttier und so weiter. Ich weiß gar nicht, ob es so ein Krafttier wirklich gibt. In der Esoterik bin ich nicht so bewandert, da bin ich auch immer ein bisschen skeptisch.

Und diese Wunderdroge, die gibt es ja wirklich.

Die gibt es tatsächlich. Da war ich im Vorfeld auch ein bisschen zwiegespalten, ob man so etwas publik machen sollte. Aber das Thema ist ja relativ kurz gehalten und es wird gar nicht so dezidiert behandelt. Es war tatsächlich auch so, dass der US-Geheimdienst diese Droge bei Verhören einsetzte. 

Boerne bekam einmal ein bisschen eine über den Kopf gezogen von seinen Assistentinnen. Beobachten Sie das auch genüsslich, wenn er einmal nicht so gut aussieht? 

Na ja, da freut sich natürlich Thiel, wenn der arrogante Schnösel eins drüber kriegt und für seine Hochnäsigkeit abgestraft wird. Das ist ja das, was den Genuss ausmacht. (Lacht) Das ist so ein bisschen bisschen wie Dortmund gegen St. Pauli.

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