Allendes "Geisterhaus" als Serie: Das Trauma einer Familie

Isabel Allendes Debütroman ist nun als achtteilige Serie bei Amazon Prime Video zu sehen.
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Mehr als 40 Jahre ist es her, dass die chilenische Schriftstellerin Isabel Allende ihren ersten Roman veröffentlichte: „Das Geisterhaus“. Es ist die Geschichte einer wohlhabenden Familie aus einem nicht explizit genannten südamerikanischen Land – Allende verpackte darin jedoch erkennbar die Historie ihrer Heimat Chile, den Sturz des Sozialisten Salvador Allende (ein Verwandter der Autorin) und die Machtübernahme durch den Diktator Augusto Pinochet.

Die Familiensaga wurde zum Bestseller und Anfang der 90er bereits einmal verfilmt – allerdings mit mäßigem Erfolg. Die Besetzung – Meryl Streep, Jeremy Irons, Glenn Close – war fast vollständig weiß, gedreht wurde in Europa.

Nun wurde der Stoff für Amazon Prime Video als achtteilige Serie umgesetzt – mit spanischsprachigen Schauspielerinnen und Schauspielern, entstanden in Chile. Die ersten drei Episoden von „La casa de los espíritus“ sind seit dieser Woche abrufbar. Und die beginnen, wie auch das Buch, in den 1920ern mit Clara.

Mit Toten sprechen

Die jüngste Tochter der einflussreichen Familie del Valle ist neugierig, verträumt, und sie verfügt über besondere Fähigkeiten: Clara (als Kind gespielt von Francesca Turco, als junge Erwachsene von "Culpa Mia"-Darstellerin Nicole Wallace und später von Dolores Fonzi) kann Gegenstände nur mit der Kraft ihrer Gedanken bewegen, mit den Toten sprechen und Dinge sehen, bevor sie passieren.

Etwa, dass sie eines Tages Esteban Trueba (Alfonso Herrera, "Ozark") heiraten wird: nach außen hin ein charmanter Unternehmer, in Wahrheit jedoch ein gewalttätiger Patriarch, getrieben vom Verlangen nach Geld, Besitz und Macht. Sein Handeln wirft Schatten auf mehrere Generationen von Frauen in der Familie, wie Claras Enkeltochter Alba (Rochi Hernández) am eigenen Leib erfahren wird müssen. Sie ist es auch, die die Geschichte anhand der Notizen der Großmutter aus dem Off erzählt.

La Casa de los Espíritus (The House of the Spirits)

Die Familie del Valle mit der jungen Clara im Vordergrund.

Fantastische Elemente

Allendes Roman wird dem magischen Realismus zugeordnet, der fantastische Elemente mit dem „Normalen“ verbindet. Ein weiterer Vertreter ist Gabriel García Márquez, dessen „Hundert Jahre Einsamkeit“ im Vorjahr zur Netflix-Serie wurde.

Im „Geisterhaus“ wechseln sich die übernatürlichen Momente – Blumen in der Wüste, hinweisgebende Vögel – mit der brutalen Realität der Frauen ab, die unter der Gewalt der Männer leiden. Etwa Estebans tragische Schwester Férula, die ihr ganzes Leben die kranke Mutter gepflegt hat und nach deren Tod um ihre eigene Existenz bangen muss. Oder die Arbeiterin Pancha, die sexuelle Gewalt und Demütigung ihres Patrons ertragen muss.

Düsterer Alltag

Die leuchtenden Gärten, die üppigen Wohnzimmer und die beeindruckenden Landschaftsaufnahmen stehen in starkem Kontrast zum düsteren Alltag, den hier viele leben – vor allem jene, die nicht zur privilegierten Elite gehören.

Nicht immer sind die Wechsel im Tonfall organisch. Dennoch ist den Machern von „La casa de los espíritus“ – Eva Longoria ist Executive Producer – eine spannende und eindringliche Serie gelungen über Traumata, die eine Familie ebenso wie ein ganzes Land im Griff haben können, und über die Bedeutung des Erinnerns.

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