© Screenshot: tvthek.orf.at

TV-Tagebuch
03/16/2020

Abstand halten und Knoblauch pflanzen: Der längste Fernsehtag

Fernsehen in Zeiten des Coronavirus. Ein etwas anderes TV-Tagebuch.

von Peter Temel

*Disclaimer: Das TV-Tagebuch ist eine streng subjektive Zusammenfassung des TV-Abends.*

Auch im Fernsehen ist derzeit nichts so wie zuvor.

Stundenlange Sondersendungen. Das kennt man nicht erst seit Ibiza. Aber eine Nationalratssitzung am Sonntag um 9 Uhr und das mit durchschnittlich rund 500.000 Zusehern vor den Fernsehgeräten, das ist wohl einmalig in der österreichischen Fernsehgeschichte.

Die dort vom Bundeskanzler verkündeten und danach einstimmig beschlossenen drastischen Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus dominierten dann die Diskussionen an diesem „längsten Tag“.

Vielen wurde vielleicht erst jetzt richtig bewusst, was auf Österreich, auf Europa und auf die Welt in den nächsten Wochen zukommt. Dass am Montag, nicht so wie sonst, das Alltagsleben nicht wieder seinen gewohnten Gang nehmen wird.

Abstand

Das Fernsehen transportierte, was jetzt wichtig ist. Sei es, durch eindringliche Reden der Politiker, sei es, mit der Desinfektionslösung am Rednerpult, das Fernsehen zeigte auch eine veränderte Sitzordnung im Nationalrat. Zwischen den Abgeordneten jeweils ein freier Platz, viele die sonst unten sitzen, nahmen auf der Galerie Platz.

Es gilt jetzt Abstand zu halten, um sich selbst und andere vor dem unsichtbaren Virus zu schützen.

Namaste

Worum es geht, zeigte ZiB-Moderator Tobias Pötzelsberger dann bei der Sondersendung am Nachmittag. ÖGB-Präsident Wolfgang Katzian und Wirtschaftskammerpräsident Harald Mahrer bat er, ausnahmsweise live auf Sendung den Studiotisch zu verlassen. Denn zu viert am Tisch mit AMS-Chef Johannes Kopf, das ginge sich in diesen Zeiten nicht aus.

Die beiden standen auf, Katzian sagte: "Oba die Hand geben wir ihnen ned."

Pötzelsberger verabschiedete sich, wie vergangene Woche von Bundespräsident Alexander Van der Bellen vorgeschlagen, mit dem „Namaste“-Gruß von den Chefs der Sozialpartnerschaft.

Auch Kopf, der sich nun näherte, presste die beiden Hände vor der Brust zu diesem indischen Gruß, der ohne Berührung des anderen auskommt.

Knoblauch pflanzen

Nach der Sondersendung, die im Durchschnitt fast eine Million Zuseher vor den Fernsehgeräten hielt, dann plötzlich etwas Ungewohntes: Entspannung. Das, wofür es sonst Sonntage gibt.

"Boden sanft lockern, Samenstände bei Tulpen und Narzissen entfernen, Knoblauch pflanzen" - die Gartlersendung "Natur im Garten" mit Karl Ploberger war noch nie so wichtig.

Knoblauch pflanzen? - "Muss auch sein, sonst kriegma alle an hirnschlag", schreibt mir einer dazu auf Whatsapp, das ist derzeit die Nabelschnur zu fast allen anderen.

Es ist 18 Uhr. Ich höre plötzlich Musik. Es gibt sie noch, die Welt da draußen. Im Innenhof stehen die Nachbarn auf den Balkonen, einer spielt am Fenster Solo-Klarinette. Man applaudiert und lacht gemeinsam.

Am Abend wieder Sondersendungen. Einmal den Sender gewechselt, es läuft ein Film. Es scheint auch um einen Virus zu gehen, Laborproben werden gesucht und ein "Patient null".

OK, dem Virus ist derzeit im linearen Fernsehen schwer zu entkommen.

Noch mehr Abstand halten

22:18 Uhr, es folgt  "Im Zentrum". Und wenn man mittendrin einstieg, konnte man den Eindruck gewinnen: Hat Claudia Reiterer diesmal nur Gesundheitsminister Rudolf Anschober und Innenminister Karl Nehammer eingeladen?

Nein, bei der nächsten Gesamtaufnahme wurde klar: Die anderen Gäste saßen nur weiter weg als sonst. Viel weiter.

Jeweils eineinhalb Meter wurde zwischen den Sitzmöbeln Platz gelassen. Es gilt jetzt, wirklich Abstand zu halten.

Publikum war keines vor Ort. Auch bei "Anne Will", drüben im Ersten, blieben die Ränge leer. Dafür saßen die hochrangigen Diskussionsgäste von Finanzminister Olaf Scholz abwärts gefühlt viel zu nah nebeneinander. Nach diesem längsten Fernsehtag sprang einem das als Österreicher richtig ins Auge.

"Wie drastisch müssen die Maßnahmen werden?" hieß es da bei Will.

Sehr drastisch. Auch in Deutschland.

Wieder drüben im ORF, endete der Fernsehtag bei Claudia Reiterer mit einem weiteren Aufruf: "Bitte klassisch linear fernsehen und Radio hören, wegen der starken Internetbelastung.“

Es gibt viel zu beachten dieser Tage. Alles ist wichtig. Jede und jeder ist wichtig.

Und: Knoblauch hilft nur gegen Stress, nicht gegen das Virus.

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