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Interview
06/02/2020

Matthew Healy von The 1975: „Wir müssen alle Opfer bringen“

Der Sänger der britischen Band spricht im KURIER-Interview über Greta Thunberg, Poeten und eine mögliche Tourabstinenz

von Brigitte Schokarth

„Liebe, Angst, Tod, Sex und Religion – über all die archetypischen Themen der zeitgenössischen Literatur und der Popmusik, spreche auch ich in meinen Texten. Denn das sind die Dinge, die ich spannend finde.“

Diesen Vorlieben folgt auch „Notes On A Conditional Form“, das neue Album von Sänger und Texter Matthew Healy und seiner Band The 1975 – auch wenn der vierte Longplayer der 2002 in Wilmslow in England gegründeten Pop-Rock-Band mit seinem Intro wie ein Konzeptwerk über den Klimawandel wirkt. Dafür haben Healy, Drummer und Soundtüftler George Daniel, Gitarrist Adam Hann und Bassist Ross MacDonald nämlich mit Greta Thunberg zusammengearbeitet, die über ruhige Klaviertöne eine flammende Rede zum Klimawandel liest.

Greta ist zur Zeit eine der wichtigsten Personen auf diesem Planeten, deshalb muss man ihr eine Plattform geben“, sagt Healy im Interview mit dem KURIER. „Als ich sie in Stockholm im Studio traf, hat sich mich umgehauen. Ich war bis dahin in Bezug auf die Umwelt pessimistisch, dachte, es ist ohnehin alles zu spät. Aber nach dem ich sie getroffen hatte, hatte ich doch wieder Hoffnung, dass wir das Ruder noch rumreißen können.“

Warten

Allerdings, sagt der 31-Jährige, werde das nicht ohne drastische Einschränkungen der Lebensweise möglich sein. „Mit dieser Corona-Krise haben wir eine Chance, umzudenken. Andererseits höre ich von so vielen Leuten, dass sie nur drauf warten, weitermachen zu können wie davor. Viele warten auch auf Entscheidungen der Politik, darauf, dass große Konzerne wie Shell oder die British Telecom etwas ändern. Aber wenn sich etwas ändern soll, müssen die eingefahrenen Strukturen von innen nach außen eingetreten werden. Wir, die großen Player der Musikindustrie, müssen selbst etwas ändern.“

Deshalb haben Healy und seine Freunde die Kulissen zu der Tour zu „Notes On A Conditional Form“, die wegen Corona abgesagt werden musste, schon demontiert und entsorgt: „Das war eine ziemlich protzige, bunte Produktion. Mit der will ich aber nicht mehr auf Tour gehen – sollten wir überhaupt je wieder auf Tour gehen. Ich hatte immer ein schlechtes Gewissen dabei. Vor Corona hatten wir deshalb auf unseren Tourneen kein Plastik, kein Fleisch und haben für jedes Ticket einen Baum gepflanzt. Ich habe auf der Bühne viel dazu erzählt, mit den jungen Leute so darüber gesprochen, wie Politiker es nie tun würden. Aber jetzt, wo wir gesehen haben, wie viel eine Verhaltensänderung bewirken kann, ist mir das alles zu wenig. Klar, ich liebe es, live zu spielen, und nicht mehr auf Tour zu gehen, ist ein Opfer. Aber wir alle müssen Opfer bringen, und ich werde nur mehr live auftreten, wenn das nicht in einer Art möglich ist, dass es der Situation angemessen ist.“

Genauso variantenreich wie die Musik, die Rock, Pop, Hip-Hop, Trance und Ambient zu einem bunten Cocktail mixt, sind auch die Themen der anderen Songs von „Notes On A Conditional Form“.

Was auf diesem Album aber weit weniger einfließt als bisher, sind Songs über Drogen. Healy war vier Jahre lang heroinsüchtig, zog Ende 2018 für zwei Monate – zum Teil von der Band finanziert – in eine Entzugsklinik auf Barbados. Jetzt, sagt er, rauche er gelegentlich Gras, „das geringere Übel“, weil es immer noch hart sei, ohne Drogen zu leben. Doch die Songs über den Entzug (etwa „It’s Not Living (If It’s Not With You)“ waren schon auf dem Vorgänger.

Auf „Notes On A Conditional Form“ geht es um Sehnsucht („Me & You Together Song“), oder in „Jesus Christ 2005 God Bless America“ um den Bibel-Gürtel in den USA: „Als wir dort auf Tour waren, ist mir aufgefallen, wie stark junge Leute dort von der christlichen Religion unterdrückt werden, wie Homosexuelle unterdrückt werden, aber auch, wie das private Gefängnis-System dort eine menschenverachtende Industrie ist“, erzählt Healy. „Ich hatte zwei Versionen des Songs, eine über Religion, eine über die Gefängnisse. Eines Tages hab ich mir alle meine Lieblingszeilen aus beiden Versionen rausgenommen und mit der Cut-Up-Technik von Brion Gysin eine einzige Version daraus gemacht.“

Überhaupt ist Healy von den Ideen von William Burroughs, Jean Genet und dem Denkmodell des Situationismus beeinflusst. Als Fan von Ambient Music hat er unlängst für eine Podcastserie sein Idol Brian Eno interviewt, besitzt dessen Kartenspiel „Oblique Strategies“, das er für kreative Anreize nützt: „Auf einer Karte steht: ,Arbeite mit unqualifizierten Leuten.’ Das hat uns total inspiriert, denn das erlaubt uns, diese Punk-Ethik zu erhalten, die wir immer hatten und so unschuldig wie ein Kind ans Musikmachen ranzugehen.“

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