Kultur
04.01.2013

Immer pünktlich abreisen!

Marie NDiaye beschreibt in "Ein Tag zu lang", was passiert, wenn man das Heimfahren aufschiebt.

Wie wäre es, einfach nicht aus dem Urlaub zurückzukommen? „Irgendwann bleib i dann dort?“

Keine gute Idee, weiß man nach der Lektüre von Marie NDiayes „Ein Tag zu lang“.

Bloß einen Tag länger bleiben, einen Tag noch Leben auf dem Lande: Das hatten Lehrer Herman und seine Frau Rose vorgehabt, als sie beschlossen, nicht, wie üblich, am 31. August zurück in das laute, nörgelnde Paris zurückzufahren, sondern einen Tag Auszeit anzuhängen.

Rose und das Kind verschwinden. Als sich Herman auf die Suche nach ihnen macht, weiß er nicht, dass seine Auszeit noch lange dauern wird. Das sonnige Dorfleben wird von einem Tag auf den anderen ein nebeliger Albtraum. Rose und das Kind bleiben verschwunden. Die freundlichen Dorfbewohner werden Herman weiter anlächeln, liebenswürdig nur auf den ersten Blick – mit ihren rotbackigen Puppengesichtern.

Frühwerk

Marie NDiaye, geboren 1967 in Pithiviers bei Orléans, schreibt, seit sie 17 ist. Für ihren Roman „Drei starke Frauen“ (siehe rechts) erhielt sie den Prix Goncourt. Ihr nun erschienenes Frühwerk „Ein Tag zu lang“, 1997 auf Französisch veröffentlicht, ist eine wortgewaltige Gespenstergeschichte, deren Plot sich aus dem Verhältnis Paris – Provinz nährt.

Die blasierten Pariser sind für ihre Arroganz verschrien. Die Provinzler interessieren sie nur als Urlaubsgastgeber. „Es kam ihm vor, als sei die Kälte mit einem Schlag gekommen“, gerade, als der Lehrer und seine Frau beschlossen, erst am nächsten Tag in die Hauptstadt zurückzureisen.

„Hatten sie sich nicht etwas selbstzufrieden über die baldige Abreise gefreut und lediglich bedauert, dass das schöne Wetter ihnen nicht einen weiteren Tag erhalten blieb? Gewiss, das örtliche Klima war ihnen gleichgültig, ebenso wie alles andere, was die Gegend betraf.“

Auch umgekehrt ist die Zuneigung enden wollend. Ein Pariser auf dem Lande ... ist ungefähr so beliebt wie ein Wiener in Vorarlberg. Herman wird seine Pariser Herkunft vergessen müssen.

Identität

Hinter der Stadt-Land-Polemik steckt mehr: der jähe Verlust der Identität. Wie rasch man außer Tritt kommt – eine winzige Abweichung vom Alltag genügt: Wer ist man ohne sein Umfeld? Herman ist plötzlich kein Pariser Lehrer und Familienvater mehr. Paris interessiert hier niemanden, seine Familie kennt keiner. Verzweifelt erklärt er den Dorfbewohnern, dass seine Familie verschwunden ist, doch keiner kann, schlimmer, keiner mag helfen. Herman bleibt gefangen in dieser vermeintlichen Idylle, in der Frauen mit Apfelblüten bedruckte Blusen tragen, Blonde, rotwangige Beamte trippeln durchs Rathaus und grinsen sektenhaft. Geister? Zombies? Avatare?

NDiaye beschreibt präzise und kühl , wie schnell es gehen kann: vom Urlaub auf dem Bauernhof zu Kafka ins Schloss. Beklemmend.

KURIER-Wertung: ***** von *****

Wie Frauen ihre Männer ertragen

Porträts zwischen Afrika und Europa.

Marie NDiaye ist eine Meisterin der ersten Sätze, die sich manchmal über eine viertel Seite erstrecken. Wie ein Strudel zieht einen der Anfang von „Drei starke Frauen“ in die Geschichten über drei Frauen zwischen Afrika und Europa hinein. Bildstark und mutig berichtet NDiaye in postkolonialer Szenerie davon, wie Frauen ihre Männer ertragen. Die verstoßene Analphabetin Khady Demba, die Lehrerin Fanta aus Dakar, die in der französischen Provinz verkümmert, und die erfolgreiche Anwältin Norah, die sich immer noch von ihrem Vater tyrannisieren lässt.

Für ihren 2009 erschienen Roman wurde die 45-jährige Schriftstellerin mit der renommiertesten literarischen Auszeichnung Frankreichs, dem Prix Goncourt geehrt. NDiaye gehört zu den produktivsten Autorinnen Frankreichs. Neben einem Dutzend Romanen und Erzählungen hat sie mehrere Theaterstücke veröffentlicht. Als Tochter einer Französin und eines Senegalesen geboren, wuchs NDiaye bei ihrer Mutter in der Nähe von Paris auf. Heute lebt die politisch engagierte Autorin mit ihrem Mann, dem Schriftsteller Jean-Yves Cendrey, und ihren drei Kindern in Berlin. Aus Protest gegen Sarkozy.

KURIER-Wertung: ***** von *****