© Peter Doig/M. Werner Gallery/Foto Hannes Böck

Kultur
04/30/2019

Malerstar Peter Doig: Die Unmöglichkeit einer Insel

Einer der teuersten lebenden Künstler zeigt neue Werke im puristischen Ambiente der Wiener Secession

von Michael Huber

Die Wiener Secession veranstaltet seit Langem keine Verkaufsausstellungen mehr – das war zur Gründungszeit um 1900 ganz anders. Unter dem Krauthappel bot sich damals die Gelegenheit, nicht nur Bilder von Klimt & Co, sondern auch Werke internationaler Größen von Monet bis Rodin zu erwerben.

Die Idee, dass ein weißer Kunsttempel einen Gegenpol zur Welt des Mammons bilden könnte, ist eine spätere Erfindung, die aber die Wahrnehmung formt. Gerade in der Schau des Malers Peter Doig im Hauptraum der Secession (bis 16. Juni) drängt sich der Gedanke auf, dass man diese Bilder wohl nie wieder so unschuldig zu sehen bekommen wird wie hier.

Der in Schottland geborene Doig (*1959) ist ein Kunstmarkt-Star: Seine Bilder von verwunschenen Landschaften und ländlichen Szenerien entstehen zwar seit den 1980ern, erlebten aber in den 2010er Jahren einen Höhenflug am Auktionsmarkt. Auf dessen bisherigem Höhepunkt im Mai 2017 erzielte das Bild „Rosedale“ (1991) 28,8 Millionen US-$. Dass solche Wiederverkaufserlöse die Nachfrage nach atelierfrischen Bildern in die Höhe treiben, versteht sich.

Im fernen Paradies

Die Gemälde, die nun in der Secession zu sehen sind, entstanden alle auf der Karibikinsel Trinidad, Doigs Wahlheimat. In der Zusammenschau lässt sich erraten, welche Motive den Künstler in dieser Umgebung faszinieren – ein Leuchtturm, das knallgelbe Gebäude des Gefängnisses der Hauptstadt Port of Spain, Strandszenen, Musikanten. Doig transponiert diese Sujets in eine Parallelsphäre, indem er die Intensität der Farben und die Perspektiven von Straßenfluchten übersteigert und surreale Elemente einbaut: So schleicht in einigen Bildern ein Löwe durch die Stadt.Dem kunsthistorisch grundierten Betrachter fällt gleich eine Liste von Künstlern ein, die so ähnlich malten: Giorgio de Chirico mit seinen Häuserfluchten, Edvard Munch mit seiner wahnhaften Farbigkeit und natürlich Paul Gauguin, der sich einst nach Tahiti zurückzog.

Doig ist diesen Größen nicht ebenbürtig, ein Meister der Atmosphäre ist er aber zweifellos: Seine Konstellationen von Farben und Figuren sind höchst effektvoll, auch weil viele Formate gerade so gewählt sind, dass sie überwältigen und doch den menschlichen Maßstab nicht außer acht lassen.

Dennoch lässt sich der Gedanke nicht wegwischen, dass der Maler seine an historischen Vorbildern geschulten Inselfantasien letztlich einem Publikum verkauft, das sich dank seines Reichtums immer mehr auf seine eigenen Inseln zurückzieht. Der puristische Rahmen der Secession verstärkt dabei nur die Illusion, dass sich „reine“ Malerei heute zu den Ungleichheiten der Welt gleichgültig verhalten kann. Doch Doigs Malerei ist nicht neutral, sie täuscht das Paradies nur vor. In den Auktionskatalogen der Zukunft wird die Secessions-Schau dennoch ruhmreich vermerkt sein.