© Palazzo Grassi/Foto Delfino Sisto Legnani e Marco Cappelletti

Kultur
06/17/2019

Malerei in Venedig: An den Grenzen des Sichtbaren

Im Umfeld der Biennale feiert die Malerei ein Comeback, etwa mit Luc Tuymans und Arshile Gorky

Wenn Venedig eine Linse ist, durch die sich alle zwei Jahre ein fokussierter Blick auf das Kunstgeschehen bietet, so sticht heuer eine Sache hervor: Die Malerei. Mehr noch als im Programm der offiziellen Biennale haben sich Malerfürsten (und auch Fürstinnen) in den Palazzi der Stadt breitgemacht und die Installationsspektakel manch früherer Jahre verdrängt.

Im Palazzo Grassi, wo Damien Hirst vor zwei Jahren noch monströse Fantasiewesen aufstellen durfte, regiert diesmal der belgische Maler Luc Tuymans mit ruhigen, zugleich aufwühlenden Bildern. Und im Museum Ca’Pesaro bietet sich ein intensiver Blick auf das Werk von Arshile Gorky (1904 – 1948), der einst die Brücke zwischen der europäischen zur amerikanischen Moderne baute.

Bilder von Bildern

Tuymans (*1958), dessen Werk seit den 1980er Jahren in der Schau repräsentiert ist, fand sich von Beginn an auf der Spitze eines Bergs von medialen Bildern: Alles schien bereits gemalt, fotografiert und verfügbar, und doch blieben da Dinge, die unzeigbar waren. So malt Tuymans stets Bilder von Bildern; er überträgt dabei auch die Brüche, die sich durch Abbildungsverfahren oder das Abspeichern von Erinnerungen einschleichen.

Für das Atrium des Palazzo Grassi schuf Tuymans etwa ein Mosaik mit dem Titel „Schwarzheide“: Es sind Silhouetten von Bäumen, mit Längsstreifen hinterlegt. Das Ausgangsmaterial waren Zeichnungen von Insassen eines NS-Arbeitslagers, die in Streifen geschnitten wurden, um so der Konfiskation zu entgehen.Der Holocaust – als das Unzeigbare schlechthin – schwebt über Tuymans’ gesamtem Werk. Doch die Retrospektive verdeutlicht, dass der Künstler seine Reputation als „der Maler, der Gaskammern malte“ , überwunden hat. Jüngere Arbeiten zeigen etwa das Schlafzimmer der Castingshow „Big Brother“ (2008) oder Menschen, die mit Digitalkameras Bilder machen (2009): In einer Palette aus unwirklichen Pastelltönen ausgeführt, ist es virtuose Malerei, die sich andere Modi des Sichtbarmachens einverleibt und dadurch – nicht ohne Selbstgefälligkeit – ihre Überlegenheit behauptet.

Hinter Tuymans’ kühler Bilderfülle verschwindet jedoch oft der Mensch. Insofern ist Arshile Gorky ein Gegenpol: Die Kunst des Malers, der 1948 Selbstmord beging, ist bis in den letzten Zipfel durchtränkt von persönlicher Geschichte.

Gorky gilt als Wegbereiter des US-amerikanischen Abstrakten Expressionismus, steht aber in Museen wie am Markt im Schatten eines Mark Rothko, Willem de Kooning oder Jackson Pollock.

Ein Flüchtling

Als Vostanig Adoian in Armenien geboren, musste der Künstler im Ersten Weltkrieg vor den Türken fliehen. Seine Mutter starb auf der Flucht an Hunger. Auf Grundlage eines Fotos, das den jungen Gorky um 1910 mit ihr zeigt, wird der Maler noch Jahre später versuchen, den Verlust in Bilder zu fassen.

Trotz aller Widrigkeiten fasste der Emigrant, der 1920 in den USA ankam, relativ schnell Fuß in New York. Seine frühen Werke sind stark an Picasso und Miró orientiert – und doch regt sich ein eigener Stil, der sich in Folge verselbstständigt.

Die Schau im Ca’Pesaro ist klassisch chronologisch angelegt, vermittelt aber die Intensität und Dringlichkeit, mit der Gorky zu seiner Formensprache gelangte. Übertrug er während seiner Frühzeit noch Elemente des Stadtbilds – etwa den dick aufgetragenen Lack auf Verkehrsampeln – in seine Gemälde, so blühte nach seiner Übersiedlung aufs Land 1942/’43 ein neues, an der Natur orientiertes Bildvokabular auf.

Ein emotionaler Mann

Die Trennwand zwischen Emotionen und visuellen Wahrnehmungen war bei Gorky äußerst dünn – ein Blatt oder ein Ast konnte bei ihm eine Kette von Assoziationen auslösen, seine gemalten Formen – weder Blatt noch Ast – bedeuten stets vieles zugleich: Bildtitel wie „The Liver is the Cock’s Comb“ („Die Leber ist der Hahnenkamm“) unterstreichen dies.

„Er war ein intensiver, emotionaler Charakter, für den Kunst eine Obsession war“, wird Mark Rothko in einem Film, der in der Schau läuft, zitiert. Dass Gorkys Obsession noch heute aus seinen Bildern dringt, wenngleich sein Stil vielfach vom Zeitgeist überholt wurde, stärkt den Glauben an die bleibende Qualität starker Malerei.

Info: Aktuelle Malerei-Ausstellungen in Venedig

Arshile Gorky: Retrospektive „1904 – 1948“. Bis 22.9., Ca’Pesaro.

Luc Tuymans:  „La Pelle“. Palazzo Grassi,  bis 6. Jänner 2020.

Georg Baselitz:Baselitz – Academy“: Gallerie  dell’Accademia, bis 8.9.

Günther Förg:Förg in Venice“. Palazzo Contarini Polignac, bis 23.8.

Helen Frankenthaler: „Pittura/Panorama“. Palazzo Grimani, bis 17.11.
 
Sean Scully:  „Human“. Kirche San Giorgio Maggiore, bis 13.10.