Kultur
15.05.2017

Damien Hirst: Showdown der Kunst-Titanen

Der britische Künstler provoziert mit seinem Kitsch-Museum die globale etablierte Kunstszene

Die Schau gehört gar nicht zum offiziellen Rahmenprogramm der Venedig-Biennale, und doch kommt niemand, der die Stadt heuer besucht, an Damien Hirst vorbei: Vor dem Palazzo Grassi am Canal Grande ist eine seiner absurd riesigen Skulpturen postiert, die den Kampf eines Pferds, einer Schlange und eines Menschen zeigt. An der Punta della Dogana grüßt eine blitzblaue Meerjungfrau. Die Ausstellungshäuser selbst – sie gehören beide dem Luxus-Magnaten François Pinault – quellen über vor Fabelwesen, angeblich antiken Waffen und Riesenfiguren.

Mittelfinger

Tatsächlich aber stellt das absurde Skulpturenprojekt (bis 3.12.2017) einen ausgestreckten Mittelfinger gegenüber der etablierten Kunstwelt mit ihren Museumsleuten, Kuratoren und Kritikern dar: Damien Hirst, lautet die Botschaft im Hintergrund, braucht sie alle nicht. Er schafft sich sein Museum, seine Kunstgeschichte und seinen Markt selbst.

Dank einer Handvoll potenter Sammler geht das Konzept auf: Wie Artnews berichtet, sind rund 70 Prozent der 189 Werke, die von Hirsts Kunstfabrik in einer Auflage von je drei Exemplaren gefertigt wurden, bereits verkauft. Der Wert des ganzen Bestandes soll eine Milliarde britischer Pfund betragen.

Dem gemeinen Besucher wird in den zwei Museen bloß die seltsame Geschichte erzählt, der zufolge die gezeigten Schätze aus einem kürzlich entdeckten Schiffswrack stammen. Es soll einem befreiten Sklaven gehört haben der im 2. Jh. n. Chr. zu sagenhaftem Reichtum gekommen war. Man sieht in Filmen und Fotos ein riesiges Forschungsschiff und Taucher, die die Schätze heben.

Die Skulpturen wurden allesamt in verschiedenen Größen und Versionen gefertigt: Einmal erscheinen sie wie von Korallen überwuchert, ein anderes Mal gereinigt, aber "antik", ein drittes Mal (als so genannte "Ausstellungskopie") wie frisch aus dem Ei gepellt. Dass sie wirklich antik sein könnten, ist freilich schon deshalb unglaubwürdig, weil sich zahlreiche Popkultur-Zitate in der Schau finden - eine angebliche Götterstatue ist nach der Sängerin der südafrikanischen Rap-Gruppe Die Antwoord, Yolandi Visser, modelliert, manche "Antiken" stellen Goofy und Micky Maus dar.

Was auffällt, ist neben der aalglatten Ausführung, bei der man mehr an 3 D-Scans als an Bildhauerei denkt, der Materialwert der Arbeiten: Vieles ist tatsächlich aus Marmor oder gar aus Gold, den Schaubuden-Effekt hätte man auch billiger bekommen können. Es geht hier also nicht um die Story, sondern um den Markt.

Michelangelo Maserati

Die Ausstellung äfft dabei noch die Schulbuch-Didaktik klassischer Museen nach, samt Vitrinen und kluger Wandtexte. Angebliche Entwurfszeichnungen geben sich Mühe, wie Skizzen von Raffael oder Michelangelo auszusehen. Erst beim genauen Hinsehen merkt man, dass die Wasserzeichen, die auf historischen Papieren oft üblich sind, hier Logos von Automarken wie Audi oder Maserati darstellen.
Zufällig begegnete Hirst, umringt von einer Gruppe seiner Getreuen, Ihrem Rezensenten im Palazzo Grassi. Auf die Frage, ob er wolle, dass sein Publikum in die Geschichte eintaucht oder eher rational darüber nachdenkt, antwortete der millionenschwere Künstler kurz: „Beides. Sie treffen die Entscheidung selbst. So ist das ja bei der meisten Kunst.“

Aufschlussreich ist die Antwort nur insofern, als sie die Individualismus-Ideologie betont, der Hirst und seine superreichen Fans anhängen: Sie können es sich leisten, sich von niemandem etwas vorschreiben zu lassen. Die Kunst klopft ihnen dabei noch auf die Schulter.