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Kultur
04/06/2022

Lieber Wien statt St. Moritz: Galeristin Presenhuber über ihre Dependance

Die gebürtige Österreicherin, in Zürich zum Global Player der Kunstwelt aufgestiegen, erklärt ihr Interesse an Wien

von Michael Huber

Sie ist eine jener Personen, die die  Geschicke der Gegenwartskunst lenken: Als Galeristin entwickelte Eva Presenhuber   Künstlerkarrieren über Jahrzehnte, bei der „Art Basel“  entschied sie im Auswahlkomitee lange Zeit mit, wer Zugang zu Top-Sammlern bekam. Mit der Satellitenmesse „Liste“ baute sie ab 1996 ein Sprungbrett für Galerien und Künstler.

Als Österreicherin wurde die in Neuzeug/OÖ  geborene Presenhuber dabei nicht wirklich wahrgenommen – übersiedelte sie  doch schon 1989 nach Zürich und startete ihre Karriere dort. Dass die Galeristin, die bei Ernst Caramelle an der „Angewandten“ Kunst studiert hatte, Wien verbunden blieb, zeigt sich nun aber in einer Dependance, die sie in der nicht gerade als Kunsthotspot bekannten Lichtenfelsgasse zwischen Parlament und Rathaus eröffnet hat.

Warum eröffnen Sie eine Dependance in Wien – und warum jetzt?

Ich bin ja seit Oktober 1989 in Zürich, wir haben da zwei große Galerien und auch ein umfangreiches Programm, das sich aus europäischen und amerikanischen Künstlern zusammensetzt. Ein Grund, warum ich auch unbedingt in Wien etwas machen wollte, war dass mir aufgefallen ist, dass Wiener Galerien eigentlich kaum Künstler aus den USA zeigen, und dass die Stadt auch sehr gut wäre, um die Künstler, die ich vertrete, mal mit etwas Neuem zu konfrontieren. Tobias Pils, der die erste Ausstellung bestreitet, ist als Österreicher auch sehr vernetzt worden mit Kolleginnen und Kollegen, die ich in der Galerie ausstelle. Diese Freundschaften haben auch dazu beigetragen, dass Wien für mich interessanter wurde. Es hat also einerseits etwas Persönliches, zugleich habe ich mir gedacht, ich habe mit diesem Programm in Wien keine Konkurrenz und ich trete auch niemandem auf die Füße. 

Worin unterscheidet sich das Publikum und das generelle Kunstbiotop in Wien von jenem in Zürich?

Wien ist viel größer als Zürich, und die Mentalität ist anders. Wir haben auch große Kunstschulen in Wien, die wirklich gut sind. Es ist ein interessantes Biotop, es ist preisgünstig, deshalb leben auch mehr Künstler hier. Wien hat, wie Berlin, einfach mehr zu bieten für ein kreatives Umfeld. Zürich ist definitiv eine Banking-Stadt, es ist zwar sehr international dort, aber das hat nichts mit Kunst zu tun. Kunst hat, glaube ich, in Wien einen höheren Stellenwert. Ich erwarte mir aber nicht zu viel – ich möchte das einfach machen. Das  Publikum vor Ort wird vorhanden sein. Ob da jetzt genug Sammler da sind – das kann sein, das kann nicht sein. Aber wir sind ja auch international vernetzt.

In Zürich oder auch Basel scheint mir die Sammlerschaft anders zu sein - in Wien ist das sehr überschaubar.

Das stimmt, die Museumsdichte und die Qualität der Sammlungen ist sehr hoch – das heißt aber nicht, dass wir als Galerie sehr viele Werke dort platzieren können. Es hat sich auch nicht mehr so viel entwickelt in letzter Zeit. Bei großen Sammlungen glaube ich schon, dass die Schweiz dichter aufgestellt ist als Österreich, auch weil sehr viele vermögende „Ausländer“ in der Schweiz leben. Aber ich finde Wien für die Künstler toll, das ist lebendiger, es gibt eine Geschichte, die einen interessiert. Ich meine, ich gehe nicht wegen der Sammler hin, gleichzeitig denke ich mir aber, wir könnten einiges in Österreich erreichen, indem wir die Künstler ausstellen und vermitteln und Beziehungen aufbauen.

„Vermögende Ausländer in der Schweiz“ – da kommt man an Russen nicht vorbei. Wie kann man denn in einer Position wie der Ihren sichergehen, dass man nicht mit Strohmännern von Putin-Freunden Geschäfte macht?

Ich habe glaube ich noch nie an einen russischen Sammler verkauft, die haben sich bei mir noch nie gemeldet. Ich habe keine russischen Sammler, ganz einfach.

Wenn aber der russische Sammler kein russischer Sammler ist, sondern eine Firma oder Stiftung mit Sitz irgendwo?

Das wird es wahrscheinlich geben – wir kennen aber eigentlich die Leute, an die wir verkaufen. Wir haben nie die Erfahrung gemacht, dass sich undurchsichtige Strukturen bei uns gemeldet haben, bei denen man nicht weiß, wer dahintersteht. Ich betreibe aber auch keinen Handel am Sekundärmarkt mit Werken von Picasso oder dergleichen – da kann ich nichts dazu sagen.

Auch Johann König hat kürzlich einen Raum in Wien eröffnet. Ist das eine Strategie, die sich daraus ergibt, dass Covid den Messebetrieb stark verändert hat? Ist es da attraktiver, andere Schauplätze zu finden als Messen?

Unbewusst hat das vielleicht schon einen Einfluss gehabt, dass man in der Pandemie dachte: Jetzt, wo es keine Messen gibt, ist es vielleicht besser, Ausstellungen zu haben, die ein Monat oder sechs Wochen dauern und nicht nur vier Tage. Die Überlegungen, ob die vielen Messen wirklich so toll sind, haben ja viele schon länger angestellt. Man gibt ja sehr viel Geld dabei aus. Das hat mich schon ein bisschen beeinflusst, dass ich dachte, es würde wesentlich interessanter sein, in einen fixen Raum zu investieren als in Messestände.

Inwiefern ist Wien für Sie auch als Messestandort relevant? Es gibt auch das Festival curated by, können Sie sich vorstellen, an diesen lokaleren Szene-Events zu partizipieren?

Das sehen wir dann, würde ich sagen. „curated by“ interessiert mich vielleicht schon, bei Messen bin ich skeptisch, ob wir die brauchen. Die sind vielleicht für uns zu wenig international.

Sie sind im Wiener Ausstellungsbetrieb schon jetzt recht präsent – Ugo Rondinone hat eine Schau im Belvedere 21, Gerwald Rockenschaub folgt im Herbst mit einer Werkschau ebendort. Gibt es da eine spezielle Verbindung, die Sie zu den Institutionen hier haben?

Eigentlich nicht – ich hoffe, ich bekomme da eine bessere Verbindung mit der Zeit!  Klar freut man sich, wenn man etwas auch hinterlassen kann an dem Ort, an dem man eine Galerie hat. Rondinone ja auch in Wien studiert, hatte mehrere Ausstellungen, und ist auch vernetzt mit Wien. Rockenschaub sowieso.

Kann man davon ausgehen, dass Sie in Wien nach lokalen Talenten Ausschau halten?

Das ist schon klar, dass es mich interessieren könnte, ein oder maximal zwei KünstlerInnen, wahrscheinlich eher jüngere, aufzunehmen. Aber das wird die Zeit dann zeigen.

Was ist ihre mittelfristige Strategie bei diesen Dependancen? Man sieht einerseits Galerien, die in sehr spezifische Regionen gehen, wo es Sammler gibt – Aspen oder St. Moritz etwa. Und es gibt das Gagosian-Modell, bei dem eine Galerie große Kunsthallen in aller Welt betreibt. Wo würden Sie sich in diesem Feld positionieren?

Ich finde, dass man nicht in solche Orte wie St. Moritz gehen sollte -  das ist total cheesy, den Sammlern so nachzurennen. Dadurch, dass die Galerien ja auch offen und zugänglich sind, macht man das für ein städtisches Publikum und nicht nur für zehn Leute, an die man das verkaufen will. Klar, die braucht man auch, aber dazu muss ich nicht extra nach St. Moritz. In Wien kann ich mir  schon vorstellen, das sehr langfristig zu machen. Ich wohne ja auch schon lange da, die Kosten halten sich in Grenzen…. Wenn nicht Verluste gemacht werden, dann behält man den Ort.

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