Sibylle Lewitschoff hat einen Krimi √ľber einen bauernschlauen Detektiv geschrieben. Halbwesen kommen keine darin vor

© Susanne Schleyer

Lewitscharoffs Katzen-Krimi
04/09/2014

Lewitscharoffs Katzen-Krimi

"Killmousky": Sibylle Lewitscharoffs neues Buch ist eine Hommage an Raymond Chandler.

von Barbara Mader

Sibylle Lewitscharoff hat in letzter Zeit viel gesagt und einiges zur√ľckgenommen.

Nur wenige Wochen vor dem Erscheinen ihres neuen Romans "Killmousky" ist ein medialer Sturm √ľber sie hereingebrochen. Ausgel√∂st hat sie ihn selbst.

In einer Rede hat sich die Schriftstellerin gegen k√ľnstliche Befruchtung ausgesprochen und sich dabei kr√§ftig in der Wortwahl vergriffen. Derartig gezeugte Menschen seien "Halbwesen", verk√ľndete Lewitscharoff, Tochter eines Gyn√§kologen, aufgebracht.

Die vielfach Ausgezeichnete hat f√ľr diese Aussagen mehrfach um Vergebung gebeten. Gew√§hrt wurde sie ihr nicht.

Im deutschen Feuilleton setzte es Schm√§hungen gegen die bald 60-j√§hrige Stuttgarterin. So sehr man die Bachmann- und B√ľchner-preis-Tr√§gerin gerade wegen ihrer Verve gepriesen hatte: Nun wurde ihr diese Freim√ľtigkeit zum Verh√§ngnis.

Tugendterror Vielleicht war es auch ein ungl√ľckliches zeitliches Zusammentreffen, dass Lewitscharoff just dann ihre Gedanken sprudeln lie√ü, als sich Thilo Sarrazin vom "Tugendterror" verfolgt f√ľhlte und Kolumnist Mathias Matussek mitteilte, er habe kein Problem damit, "homophob" zu sein.

Was das mit Lewitscharoff zu tun hat?

Man kreierte rasch den sch√∂nen Begriff der "Das-wird-man-ja-noch-sagen-d√ľrfen-Publikation" und warf die reuige Schriftstellerin in eben diesen Topf.

"A bissle arg" sei der Mediensturm gewesen, der auf sie einschlagen habe, sagte Lewitscharoff der Zeit. Dabei ist die studierte Religionswissenschaftlerin liberal eingestellt, weder extrem klerikal noch homosexuellenfeindlich und hat, sagt sie, meistens SPD gewählt.

Allerdings war politische √úberkorrektheit noch nie das Markenzeichen der Schw√§bin. Sie ist Meisterin der Polemik, schleudert Pointen und √ľbertreibt, wenn‚Äôs denn passt.

Auf der Wiener Buchmesse 2013 redete sie sich schwäbelnd in Rage, als sie mit dem Online-Händler Amazon abrechnete: "Wenn ich eine Firma hasse, dann diese!"

Angriffslust

Auch in ihren Romanen besticht eben diese erfrischende Verbindung aus sprachlicher Brillanz und Angriffslust. In der schwarzen Kom√∂die "Apostoloff" macht sich die Tochter eines Bulgaren und einer Deutschen √ľber bulgarisch-schw√§bische Klischees lustig und rechnet in einer grotesken Suada mit dem Heimatland ihres Vaters ab.

Mit "Killmousky" scheint sie nun v√∂llig neue Wege eingeschlagen zu haben. Der altmodische Krimi ist eine Hommage an Raymond Chandler, der bereits im Mittelpunkt ihrer Z√ľrcher Poetikvorlesung stand. Chandler habe "wirkliche Heldengeschichten geschrieben".

"Killmousky" ist nun ihre Heldengeschichte rund um den ehemaligen Kriminalhauptkommissar Richard Ellwanger. Der erlaubt sich zwar zwischendurch den politisch unkorrekten Hinweis, dass die M√ľnchner Innenstadt voll "verschleierter Saudifrauen", allesamt "Schlitzguckerinnen" sei, ansonsten aber hat er das Herz am rechten Fleck. Der Typ des melancholisch-moralischen Detektivs, den auch Chandler ermitteln lie√ü. Vielleicht weniger sexy. An Bogart denkt man bei Ellwanger nicht. Eher an Polizeiinspektion 1.

Ellwanger hat den Dienst quittiert, weil er sich moralisch richtig, aber gegen das Gesetz verhalten hat (er hat einen Kinderm√∂rder geschlagen). Bis ihn der Auftrag im fernen New York ereilt, lebt er zur√ľckgezogen mit seinem Kater, Killmousky (sprich "Kill-Maus-Ki"). Der hei√üt so, weil er eines Nachts pl√∂tzlich auf der Terrasse stand, just, als Inspector Barnaby im Fernsehen lief, der ja auch einen Kater dieses Namens hat. Die liebevollen Schilderungen des eigenwilligen Tiers sowie dessen r√§tselhaftes Auftauchen erinnern an den L√∂wen aus Lewitscharoffs Roman "Blumenberg", der dem Philosophen nachts Trost spendet.

Bauernschläue

Richard Ellwanger ist eine Mischung aus hartgesottenem, kettenrauchendem Einsiedler und leicht provinziellem Kerl mit "gesundem Menschenverstand". Mit noblen Hotels hat er‚Äôs nicht so und den Mick Jagger, sinniert er, als er durch New York streunt, den hat er noch nie leiden k√∂nnen. Erst recht nicht sein seltsames Lied vom "h√ľpfenden Hans Blitz" ("Jumping Jack Flash").

Mit Bauernschläue und Erfahrung kämpft er sich durch eine Story, die starke Anleihen an Chandlers "Langem Abschied" nimmt. Auch hier ein reicher Vater mit mäßig gut geratenen Töchtern: die eine tot, die andere bildschön, aber Alkoholikerin. Ausgerechnet sie will mit dem deutschen Inspektor ins Bett. Hier gelingt eine Story, die wie aus der Zeit gefallen scheint. Hungrig eilt man durch Ellwangers Mördersuche zwischen New York und Gerabronn. Ob man sich auch mit Ellwanger im Geiste unterhalten möchte, wie Lewitscharoff das erklärterweise mit Terry Lennox aus Chandlers "Langem Abschied" tut? Eher nicht, dazu fehlt ihm das Geheimnis. Und irgendwie wirkt diese Story zu glatt. Man vermisst die Lewitscharoff’sche Schärfe.

KURIER-Wertung:

INFO: Sibylle Lewitscharoff: ‚ÄěKillmousky‚Äú. Suhrkamp. 223 Seiten 20,60 Euro.

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