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Museen
04/03/2020

Leihverkehr mit Kunst: Rasender Stillstand im Depot

Die Corona-Krise bringt den globalen Austausch von Kunstwerken nachhaltig durcheinander

So gut wie alle Museen sind derzeit geschlossen, viele Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen wurden in Kurzarbeit geschickt. Doch der Betrieb ruht nicht, im Gegenteil: Denn Museen sind nicht nur Schauräume, sondern auch Knotenpunkte in einem weltumspannenden Verkehrsnetz. Jede Sammlung verleiht normalerweise unentwegt Schätze in alle Welt und empfängt selbst Leihgaben für Sonderausstellungen. Der Corona-bedingte Stillstand verursacht nun eine Erschütterung, die nicht verebbt sein wird, wenn Museen eines Tages wieder öffnen.

„Es ist für uns alle absolutes Neuland“, sagt Sabine Haag, Generaldirektorin des Kunsthistorischen Museums (KHM), dem KURIER. „Es gibt nirgends ein Handbuch, wo drinsteht, wie so etwas zuletzt gemacht wurde.“

Im Museum gestrandet

Das KHM hat derzeit zahlreiche Spitzenwerke an das Rijksmuseum in Amsterdam verliehen, wo die Schau „Caravaggio – Bernini“, die bis 19. Jänner 2020 in Wien zu sehen war, bis 7. Juni regulär laufen sollte. 50 Stillleben-Gemälde hängen in einer bis 31. Mai anberaumten Schau in Treviso, das Linden-Museum in Stuttgart hält Schätze der Azteken aus dem Weltmuseum, die eigentlich ab 25. Juni wieder in Wien zu sehen sein sollten.

„Alle bewegt die Frage, was man mit den Ausstellungen macht, die derzeit hängen“, erklärt Haag. „In den meisten Fällen bemüht man sich um Verlängerung.“Die Umschichtungen setzen allerdings eine Kaskade von Problemen in Gang, die potenziell komplexer werden, wenn eine Schau an mehrere Stationen wandern soll.

So stellt sich die Frage, ob ein geliehenes Kunstwerk aus konservatorischen Gründen überhaupt länger als geplant im Museum hängen darf. „Da ist es wichtig, dass die Infrastruktur perfekt funktioniert und die Sicherheits- und Klimatechnik genauestens überprüft wird“, erklärt Haag.

Derfen’s denn des?

Muss ein Kunstwerk dennoch von der Wand oder aus einer Vitrine entfernt werden, weil das Material sonst Schaden nähme, ergibt sich ein weiteres Problem: Wichtige Leihgaben reisen nämlich nur mit „Kurieren“, die jeden Schritt bei der Ver- und Entpackung penibel dokumentieren. Ohne diese Wächter dürfen die Werke eigentlich nicht mehr bewegt werden – doch durch die Einschränkungen der Reisefreiheit sind sie derzeit nicht zur Stelle, wenn ein Kunstwerk ins Depot muss. In der aktuellen Praxis wird je nach Einzelfall entschieden, ob die Experten des leihenden Museums Hand anlegen dürfen oder nicht.

Versicherungsfragen

Dennoch müssen Kunstleihgaben – abgesehen von einigen Ausnahmen – versichert werden. Der unfreiwillig verlängerte Aufenthalt an fremden Museumswänden macht auch eine Verlängerung bestehender Versicherungszeiträume notwendig. In welchem Ausmaß dabei zusätzliche Prämien verrechnet werden, sei aktuell Verhandlungssache und hänge unter anderem von den Sicherheitsstandards in den jeweiligen Häusern ab, sagt Petra Eibel, Leiterin der Abteilung Kunstversicherung bei der UNIQA. „Und man wird Augenmaß, Verhältnismäßigkeit und Menschenverstand walten lassen müssen.“

Während auf Leihnehmer potenziell zusätzliche Ausgaben für Kunstwerke ohne Publikum zukommen, erwartet Eibel aufgrund entfallener Ausstellungen trotzdem Einbrüche im Versicherungsgeschäft. Und auch der Sektor der Kunstspeditionen ist vom Stillstand akut betroffen: „Vieles ist auf nächstes Jahr verschoben, was für uns so viel wie ein Storno bedeutet“, erklärt Birgit Vikas, Geschäftsführerin des heimischen Marktführers Kunsttrans, dem KURIER. „Es fehlt eine ganze Periode.“

Kunsttrans erledigt weiterhin Transporte für den Kunsthandel und Auktionshäuser und blickt immerhin einem dichten Kalender entgegen, wenn im Herbst diverse Messen, die aus dem Frühjahr ans Jahresende verschoben werden, doch stattfinden sollten. Auch im Bundesdenkmalamt erklärt man auf Anfrage, dass Ansuchen auf die Ausfuhr von Kunstgegenständen weiterhin bearbeitet würden. Eventuelle „Rückholaktionen“ habe ihre Firma derzeit noch nicht durchgeführt, sagt Vikas – wenn ein Leihgeber seine Kunst unbedingt zurückhaben wolle, sei das aber möglich.

In den Museen hofft man darauf, dass dies eher nicht geschieht. So will das KHM seine Ausstellung „Beethoven bewegt“, die fast fertig aufgebaut war, als die Einstellung des Publikumsbetriebs beschlossen wurde, im Herbst zeigen. „Die Verfügbarkeit der Werke hat ja auch Einflüsse auf die Ausstellungsarchitektur – es wäre fatal, wenn ein Leihgeber mehrere Objekte zurücknehmen würde“, sagt KHM-Direktorin Haag. Die ursprünglich für Herbst geplante Schau über Tizians Frauenbild hat sie aber auf 2021 verschoben: „Es ist an ein Fortführen des geregelten Leihverkehrs in diesem Jahr überhaupt nicht zu denken.“