Leichte Komödie: "Die anonymen Romantiker"

Liebenswerte Komplexler: BenoÎt Poelvoorde – derzeit auch in "Nichts zu verzollen" zu sehen – und Isabelle Carré. Ab Freitag im Kino.
Foto: polyfilm

Jean-Pierre Améris ist ein Meister der leichten Komödie. Das beweist er mit "Die anonymen Romantiker". Der Franzose über seinen Film mit Shootingstar Isabelle Carré.

Er hat etwas Bubenhaftes an sich, wie er da so sitzt in der noblen Bibliothek des Institut Français in Wien: "Ja, auch ich war extrem schüchtern als junger Mann", bekennt der groß gewachsene Franzose mit der kantigen Intellektuellenbrille und lächelt versonnen. "Ich habe immer zuerst durch die Haustür gespäht, wenn ich als Bub auf die Straße musste. Ich wollte nicht mit jemandem reden müssen. Das fiel mir richtig schwer."

Jean-Pierre Améris hat sich mit seiner wunderbar leichten Sommerkomödie "Die anonymen Romantiker" (Kinostart: 12. 8.) ein Stück eigener Geschichte von der Seele geschrieben. "Das ist eindeutig mein persönlichster Film. Es ist ganz schön schwer, seine Ängste und Komplexe als Jugendlicher zu überwinden. Diese Geschichte war mir ein Anliegen. Die hatte ich in mir."

"Hoffentlich passiert nichts"

Liebenswerte Komplexler: BenoÎt Poelvoorde – derzeit auch in "Nichts zu verzollen" zu sehen – und Isabelle Carré. Ab Freitag im Kino. Foto: polyfilm Liebenswerte Komplexler: BenoÎt Poelvoorde – derzeit auch in "Nichts zu verzollen" zu sehen – und Isabelle Carré. Ab Freitag im Kino.



Améris erzählt von Jean-René (Benoît Poelvoorde) und Angélique (Isabelle Carré), zwei Eigenbrötlern voller Neurosen, die sich nichts mehr wünschen als eine Partnerschaft, die aber sofort die Panik packt, wenn ihnen jemand zu nahe kommt. So schwitzt Jean-René locker drei Hemden durch, wenn er eine Frau zum Abendessen ausführt. Angélique zieht es vor, sich im stillen Kämmerlein ihren Schokoladekreationen hinzugeben. Sie fürchtet sich vor allem Zwischenmenschlichen. Besonders davor, die Erwartungen anderer erfüllen zu müssen. Sie besucht eine Selbsthilfegruppe im Stil der Anonymen Alkoholiker, um ihr Leid zu teilen.

Wie sich die beiden Provinzneurotiker plump und doch so sehnsuchtsvoll einander annähern, ist komisch und romantisch zugleich. "Ich würde es so definieren: Meine Protagonisten sind hochsensibel", so Améris. "Denn was hochsensible Menschen am meisten fürchten, ist, mit anderen in intimen Situationen zusammen zu sein. Allein der Gedanke, sich zu entblößen - physisch oder psychisch -, löst bei ihnen die nackte Panik aus."

Die Selbsthilfegruppe der Anonymen Hochsensibelchen, die Améris im Film so zärtlich karikiert, gibt es tatsächlich: "Vor etwa zehn Jahren habe ich so eine Gruppe im Pariser Spital Pitié Salpêtrière entdeckt und bin dort auch eine Zeit lang hingegangen. Sie glauben ja nicht, wie viele schöne, junge Frauen dort waren. Die waren total unsicher. Nicht fähig, sich mit einem Mann zu verabreden. Und wie viele Männer dort saßen, die die Vorstellung, alleine mit einer Frau zu sein, in Schrecken versetzte."

Die Wurzeln für diese Ängste ortet Améris in der Kindheit: " Wenn ich an meine Familie denke, muss ich sagen: Meine Eltern waren immer extrem vorsichtig und voller Bangen. Mein Vater sagte ständig: ,Hoffentlich passiert uns nichts'. Wenn das Telefon läutete, dann ging er davon aus, dass jemand eine schlechte Nachricht überbringen wollte. Und da sollst du als Jugendlicher Selbstsicherheit gewinnen?"

Dass der Film gelungen ist, ist für den Regisseur vor allem der komödiantischen Kraft von Benoît Poelvoorde und Isabelle Carré zu verdanken: "Sie verleihen ihren Charakteren so eine tiefe Menschlichkeit, die zeichnet sie auch im echten Leben aus. Man fühlt sich ihnen sofort verbunden."

Isabelle Carré: Ihr kommt man derzeit nicht aus im Kino

Liebenswerte Komplexler: BenoÎt Poelvoorde – derzeit auch in "Nichts zu verzollen" zu sehen – und Isabelle Carré. Ab Freitag im Kino. Foto: polyfilm Liebenswerte Komplexler: BenoÎt Poelvoorde – derzeit auch in "Nichts zu verzollen" zu sehen – und Isabelle Carré. Ab Freitag im Kino.

Dass sie wandelbar wie ein Chamäleon ist, davon können sich die Kinofans in Österreich ab dem Wochenende höchstpersönlich überzeugen: Spielt doch Isabelle Carré gleich in zwei sehr unterschiedlichen Filmen. In "Die anonymen Romantiker" und in François Ozons Drogendrama "Le Refuge - Rückkehr ans Meer". Da schlüpft sie in die Rolle der Mousse, einer durch den Drogentod ihres Lebensgefährten erschütterten Frau, die Ja zum Leben sagt, indem sie das Kind des Toten austrägt.

Als Isabelle Carré "Le Refuge" drehte, war sie wirklich schwanger. "Es war für mich eine neue Erfahrung, mich so zu entblößen, so viel von mir selbst zeigen zu müssen", sagt die ätherische Schönheit im Interview in Paris. "Das ging auch nur, weil ich zu François absolutes Vertrauen hatte, er auf all meine Wünsche einging". Er habe ihren Urlaubsort am Meer kurzerhand zum Drehort des Films erkoren. "Er meinte: Es ist doch wunderbar, wenn die Schauspielerin mit der Frau im wirklichen Leben verschmilzt".

Mit Jean-Pierre Améris ist Carré seit Jahren befreundet: "Er vertraute mir an, dass er an einem Drehbuch über schüchterne Menschen arbeite und mich in der Hauptrolle sehe." Auch sie habe viele Jahre Probleme mit zwischenmenschlichen Beziehungen gehabt: "Wenn ich auf eine Dinnerparty ging, lief ich vorher zehn Mal um den Block, weil ich mich nicht hineintraute."

Carrés Rezept gegen den Seelenstress: "Singen. Am besten Julie Andrews Song aus ,Sound of Music': 'I have confidence in me'."

(kurier) Erstellt am
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