Kultur
05.12.2011

Lang Lang in Salzburg: Verblüffend präzise

Kritik: Als Solist wie auch als Kammermusiker überzeugend, wird der chinesische Tastenakrobat wohl bald auch interpretatorische Tiefe finden.

Kaum war das Netrebko-Spektakel bei den Salzburger Festspielen vorbei, sorgte der nächste Gottschalk-Künstler für Begeisterung. Gottschalk-Künstler? Unter diesem Begriff könnte man jene subsumieren, die den Sprung über ihre Genre-Grenzen geschafft haben und darob sogar bei "Wetten, dass ..?", also im Unterhaltungsfernsehen, auftreten dürfen. Ob es in Zukunft auch Kerkeling-Künstler gibt, steht noch nicht fest.

Der Star, der Dienstagnacht im Großen Festspielhaus gereicht wurde, war der chinesische Pianist Lang Lang. Er betätigte sich als Solist und als Kammermusiker gleichermaßen, was ja nicht gerade oft der Fall ist. Im kammermusikalischen Fach waren der fabelhafte Geiger Vadim Repin und der exzentrische, nicht minder ausdrucksstarke Cellist Mischa Maisky seine Partner. Sie musizierten das "Trio élégiaque Nr. 1" in g-Moll von Rachmaninow - praktisch, dass es dieses Werk schon von ihnen eingespielt gibt, sodass Repin und Maisky danach CDs signieren konnten.

Chopin zwischen Betrunkenheit und höchster Seriosität

Exzellent, intensiv und berührend musizierten sie nach der Pause auch Mendelssohn-Bartholdys "Klaviertrio Nr. 1", op. 49 in d- Moll, wobei sich vor allem Lang Lang hörbar bemühte, sich auch unterzuordnen.
Lang Lang ist ja derjenige Pianist, der die größten technischen Möglichkeiten besitzt, mit kindlicher Leichtigkeit die schwierigsten Passagen bewältigt und währenddessen immer noch Zeit findet, mimische oder gestische Effekte zu setzen. Die interpretatorische Tiefe wird er in den nächsten Jahren finden.

Diesfalls näherte er sich den "Douze Études", op. 25 von Chopin fast wie ein Jazzmusiker: Er nahm jede einzelne Piece, zerlegte sie und machte daraus seine eigene Version. Mit atemberaubenden Tempi, perlenden Läufen, ungewöhnlichen Akzenten - Chopin zwischen Betrunkenheit und höchster Seriosität. Lang Langs Anschlag ist jedoch stets meisterhaft, seine Präzision verblüffend. Neues Publikum erreicht er mit diesem spielerischen Zugang zweifellos.

KURIER-Wertung: **** von *****