Ai Weiwei anlässlich einer Preview der Installation "F Lotus" hinter dem Oberen Belvedere in Wien

© APA/HANS KLAUS TECHT

Interview
07/17/2016

Ai Weiwei: "Überrascht, wie fragil Europas Werte sind"

Künstler Ai Weiwei erklärt sein Engangement für Flüchtlinge und findet harte Worte für China.

von Michael Huber

Bis 20. November ist Ai Weiweis spektakuläre erste Österreich-Personale zu sehen: Neben dem riesigen chinesischen Ahnenhaus, das der Künstler im Wiener 21er Haus installierte, sind auch im Garten und im Stiegenaufgang des Oberen Belvedere Skulpturen platziert. Dem KURIER gab der Regimekritiker, der 2011 inhaftiert wurde und China bis vor einem Jahr nicht verlassen durfte, als einziger österreichischer Zeitung ein Interview.

KURIER: Ihre Schau heißt "translocation – transformation", übersetzt etwa "Umsiedlung – Verwandlung". Wenn historische Strukturen anderswo wieder aufgebaut werden, denkt man in Europa meist an Konservierung, an Schutz.

Ai Weiwei: Das europäische Denken ist sehr rational, ich würde sagen weniger poetisch. In der chinesischen Kultur akzeptieren wir eine Situation und denken, dass sie auf verschiedene Art interpretiert werden kann. Wir müssen verstehen, was wir konservieren wollen: Ist es das Wissen, der Geist eines Kunstwerks? Oder geht es nur um eine physische Erhaltung? Wenn etwas noch lebt, muss man es nicht konservieren. Es kann wachsen und eine Beziehung zu dem aufbauen, was wir heute tun.

Hatte es Chinas Kulturrevolution auf den Geist oder das Material der Kultur abgesehen?

Vor allem auf den Geist. Doch natürlich hat man Objekte auch physisch zerstört – um symbolisch den Geist zu zerstören.

Umsiedlungen sind zuletzt auch im Zuge des Baubooms in China zum Thema geworden.

Ja, es gibt berühmte Fotos, auf denen Leute am Dach ihrer alten Häuser sitzen, während rundherum schon die Baumaschinen riesige Löcher gegraben haben. Es ist sehr brutal. Denn wenn die Regierung – oder ein mit ihr verbundenes Bauunternehmen – sich ein Haus unter den Nagel reißen will, kann kein Gesetz sie stoppen. Kommunisten sind ja sehr simpel gestrickt. Sie starten eine Revolution, indem sie den Leuten sagen: Tötet die Grundbesitzer, dann gehört euch das Land. Aber in China besitzt niemand Land außer der kommunistischen Partei, und sie kann es nun sehr teuer verkaufen. Die Bank, die Baunternehmern Geld leiht, gehört ebenfalls der Partei, und sie investiert die Spareinlagen der Leute in die Häuser, bevor sie ihnen diese dann auch noch verkauft. Die linke Hand gibt also der rechten, die rechte der linken. Das erzeugt natürlich auch enorme Korruption.

Spielt Kultur in diesem System heute wieder eine Rolle?

Nein, die Existenz dieses Staates gründet auf der Zerstörung von Kultur, obwohl sie jetzt begreifen, dass diese Nation keine Seele hat, weil die Kultur verloren ist. Wie können sie sich ändern, wenn sie keine anderen Organisationen zulassen, die verschiedene Positionen austarieren? Für die Entwicklung einer Gesellschaft ist der demokratische Weg der einzig mögliche. Es ist nicht der beste – wir sehen, was in England passiert ist oder was in den USA passiert; ich weiß nicht viel über Österreich, die Situation mit den Populisten muss wohl dieselbe sein. Doch man tritt mal nach links, nach rechts – es ist okay, so zu gehen. Wenn aber eine Gesellschaft im Gleichschritt marschiert, brechen Brücken ein.

Wie haben Sie entschieden, die Flüchtlingskrise zum Thema ihrer Arbeit zu machen?

Die Flüchtlingskrise ist eine Krise der Menschenrechte, eine Krise der Menschlichkeit. Wie kann man sich als Künstler nicht damit beschäftigen? Meine Arbeit begann, als ich gebeten wurde, Zeichnungen von Flüchtlingen für den Irak-Pavillion der Venedig-Biennale 2013 auszuwählen. Wenn Leute sagen, ich beschäftige mich nur mit Flüchtlingen, weil ich nicht mehr in China bin, stimmt das also nicht. Natürlich bin ich von der Situation berührt, weil ich selbst Flüchtling war – mein Vater wurde einst an Chinas Nordwestgrenze verbannt, und ich bin dort aufgewachsen. Ich weiß, was es bedeutet, wenn man wegen abweichender Ideen ausgeschlossen und bestraft wird.

Wie würde man in China mit der Flüchtlingskrise umgehen?

Das ist schwer vorstellbar. China ist eine kommunistische Gesellschaft und würde versuchen, dem Problem mit autoritären Entscheidungen beizukommen. Doch es ist für mich eine sehr neue Aufgabe, zu studieren, wie demokratische Gesellschaften mit Menschenrechtsfragen umgehen. Es hat mich sehr überrascht, dass alle involvierten Staaten nun nicht über Menschenrechte, Menschlichkeit oder grundlegende menschliche Würde diskutiert haben, sondern über praktische regionale Probleme – über Beschäftigung, ökonomische Effekte oder politische Vorteile, die sie aus der Situation ziehen können.

Warum hat Sie das überrascht?

Weil ich dachte, dass gewisse Werte in Europa oder der westlichen Welt als Allgemeingut geschützt werden. Diese Ideologie entstammt ja einer langen Entwicklung, seit der Renaissance und dem Zeitalter der Aufklärung. Und doch sind diese essenziellen Werte nicht so solide und fundamental, sondern können jeden Moment je nach den Erfordernissen ausgelegt und über den Haufen geworfen werden. Das ist schon sehr überraschend.

Auch Ihre Kunstwerke werden unterschiedlich ausgelegt. Ich fand es etwa verstörend, als bei einer Veranstaltung im Berliner Konzerthaus, das Sie mit Rettungswesten verhüllt hatten, die Society in Isolierfolien gehüllt für Fotos posierte.

Ich finde das gar nicht seltsam. Menschen haben ihre Einstellungen, wir können ihnen nicht vorschreiben, wann sie etwa zu weinen haben. Sie bewegen sich in verschiedene Richtungen.

Gerade im Verhältnis von Individuum und Kollektiv unterscheiden sich westliche und östliche Kulturen aber stark. Wie ist das bei Ihnen? Ist Ai Weiwei eine Person oder eine Gruppe?Beides zugleich. Wenn wir über Kunst sprechen, geht es um die gemeinsame Anstrengung von Handwerkern, Architekten, Kuratoren, Fans – sie sind durch eine gemeinsame Vorstellung im Bezug auf Ästhetik, Meinungsfreiheit und Menschenrechte verbunden, können sich aber jederzeit trennen. Ich denke, ich bin ein Medium, um bestimmte Botschaften für Menschen zu verbreiten, die selbst keine Stimme haben. In Flüchtlingslagern sieht man Menschen, die im Dunkeln, im Schlamm leben, Kinder, denen ihre Eltern nicht einmal sagen können, wann sie wieder etwas Warmes essen oder in die Schule gehen werden.Wer spricht für sie? Niemand. Es braucht jemanden, der etwas tut. Und manchmal bin das eben ich.

Sie sind der vielleicht aktivste Künstler in den sozialen Medien. Wenn Sie Bilder online posten, ist das dann auch eine Form der "translocation", der künstlerischen Umsiedlung?

Ja, es ist eine Ausdrucksform. Für einen Künstler sind soziale Medien perfekt, ich frage mich, warum man noch Skizzenblöcke braucht. Man macht ein Foto, stellt es online – es ist so selbstverständlich wie Reden oder Atmen.

Was würden Sie nicht mit Ihrer Community teilen?

Vieles. Als die chinesische Polizei lauter Überwachungskameras rund um meinen Studiokomplex anbrachte, sagte ich: Ihr seid so an meinem Leben interessiert? Lasst mich mithelfen. Also installierte ich eine Kamera in meinem Schlafzimmer und über meinem Arbeitstisch ("Weiwei Cam", 2012, Anm.). Ich stellte einen Livestream ins Netz, der in kürzester Zeit von Millionen Menschen angesehen wurde. Aber es war brutal. Ich merkte bald, dass die Leute Fotos gespeichert hatten, die mich mit dem Finger in der Nase zeigten, und als ich schlief, lag ich manchmal ganz nackt da. Man will nicht, dass das jeder sieht. Aber wenn man einen Akt des Protests setzt, muss man damit leben.

Fühlen sie sich selbst irgendwo verwurzelt?

Nein. Ich fühle mich genug verwurzelt, wenn ich regelmäßig meine Medizin nehme, etwas trinken gehe, etwas Training machen und mit meinen Kollegen und meiner Familie kommunizieren kann. Das ist alles.

Sie sagten, dass Sie eines Tages nach China zurück wollen. Was ist Ihr Zeithorizont?

Es ist schwer zu sagen, wie sich China entwickeln wird. Aber es ist deutlich zu sehen, dass sich China bewegt und die Verhältnisse nicht so bleiben werden wie jetzt. Und der einzige Weg ist jener der Demokratie.

Wie beurteilen Sie Chinas Entwicklung im Kunstsektor, wo Privatleute immer wieder aufwändige Museen eröffnen?

Das ist ein kompletter Schwindel. Wenn es keine Meinungs- und Wahlfreiheit gibt und alle Medien der Partei gehören, was soll man erwarten? Und diese "Privatleute", welches Verhältnis haben die zur Partei? Genau. Es ist alles Teil einer Strategie.

Ai Weiwei: Migrationsbewegungen der Gedankenfreiheit

Viele Beinamen hat Ai Weiwei im Lauf seiner Karriere gesammelt, die meistgehörten lauten „Künstler“ und „Dissident“. Als „Transportunternehmer“ und „Denkmalpfleger“ wird der 58-Jährige weniger oft apostrophiert – und doch tritt dieser Aspekt bei den Werken, die der Künstler bis 20. November im Wiener 21er Haus und im Oberen Belvedere installiert hat, deutlich hervor.

Kultur übersiedelt

Das Thema der Umsiedelung beschäftigt mich seit Beginn meiner Tätigkeit“, erklärt Ai, der dem KURIER als einzigem österreichischen Printmedium ein ausführliches Interview gab, am Vortag der Eröffnung. „Bei meiner Arbeit für die Documenta 2007 ging es etwa darum, 1001 Chinesen aus allen Schichten und allen Teilen des Landes nach Kassel zu bringen“, erklärt Ai. „Später nahm ich einen Felsen, der sich beim Erdbeben in Sichuan von einem Berggipfel gelöst hatte, und platzierte ihn in der europäischen Bergwelt.“ Die Aktion – 2010 am Dachstein realisiert – machte Ai in Österreich zu einer bekannten und umstrittenen Größe.

Auch wenn Ai mit Kontext-Verschiebungen in der westlichen Kunst – vor allem der Idee des „Readymades“, bei dem ein Alltagsding zur Kunst erklärt wird – bestens vertraut ist, leitet er seine eigene Praxis anders her. „Wenn wir im Chinesischen über Kultur sprechen, nutzen wir zwei Wörter“ sagt er. „Eines (文 - wén, Anm.) bedeutet Text, das andere (化 - huà, Anm.) die Art, wie der Text interpretiert wurde. Es ist also natürlich für uns, zu denken, dass es die Pflicht des Künstlers ist, Dinge umzudeuten.“

Ins Wiener 21er Haus hat Ai nun ein enormes Bauwerk – die über 400 Jahre alte Ahnenhalle einer chinesischen Teehändlerfamilie – verpflanzt. Es ist das Herzstück der Schau, in der auch „Teehäuser“ – Skulpturen aus gepressten, duftenden Teeblättern – und eine Installation aus Teekannen-Schnäbeln zu sehen sind.

Erinnerungsarbeit

Wie auch bei der Dachstein-Aktion, bei der es um das Sichtbarmachen von offiziell vertuschten Erdbebenopfern ging, leistet Ai mit seinen transferierten Objekten Erinnerungsarbeit: Die Familie, der das Haus einst gehörte, wurde zur Zeit der chinesischen Kulturrevolution vertrieben. Auch Ai Weiweis Vater Ai Qing, ein bekannter und zunächst linientreuer chinesischer Literat, wurde im Zuge von Maos Gewaltakten verbannt. Den Sohn prägten die Erfahrungen des Exils nachhaltig.

Auch vor diesem Hintergrund ist das Engagement zu verstehen, das Ai seit einiger Zeit im Hinblick auf die europäische Flüchtlingskrise an den Tag legt. Im großen Bassin vor dem Oberen Belvedere hat Ai nun einen Teppich aus Schwimmkörpern platziert, auf denen je fünf Rettungswesten die Blätter einer „Lotusblume“ bilden.

Gerade für seine Arbeit mit Bildern und Objekten der Flüchtlingskrise hatte Ai zuletzt Kritik geerntet – er selbst beharrt aber darauf, dass es seine Aufgabe sei, Bewusstsein zu schaffen. „Wie das dann angenommen wird, liegt außerhalb meiner Kontrolle. Ich habe nicht die Intention, Kontroversen auszulösen. Meine Intention ist, das Richtige zu tun.“

Der Fokus der Wiener Schau liegt allerdings ohnehin weniger auf Ais politischem Aktivismus und seiner Medienpräsenz. Diese hatte in der Zeit von 2011 bis 2015, als der Künstler nicht aus China ausreisen durfte und unter Dauerbeobachtung der Behörden stand, enorme Dimensionen erreicht.

Doch Themen wie Bewegungsfreiheit, kulturelle Verwurzelung und Migration erscheinen in der direkten Auseinandersetzung mit Ais Werken viel eher als rote Fäden, die sich abseits tagesaktueller Vorkommnisse entspinnen.

Unzerstörbare Kunst

Im Wiederaufbau des Ahnenhauses im 21er Haus tritt etwa die Frage zutage, was die Dauerhaftigkeit von Kulturdenkmälern überhaupt bedeutet. Das heutige 21er Haus war selbst ursprünglich als temporärer Weltaus-stellungs-Pavillon für Brüssel errichtet und später „umgesiedelt“ worden, hat also gewissermaßen „Migrationshintergrund“.

„Wenn wir das alte, klassische Gebäude ins Herz dieses modernen Baus verpflanzen, geht es nicht nur um die Bewunderung des alten Hauses, sondern um das Verständnis der Umstände“, sagt Ai im Gespräch. „Zur Zeit der Kulturrevolution wollte man vor allem den Geist des so genannten ,feudalistischen Chinas‘ umbringen“, sagt Ai. „Doch natürlich hat man auch physisch Objekte zerstört – um symbolisch den Geist zu zerstören.“

Dennoch fällt auf, dass Ai, der 1995 noch Aufsehen erregte, als er eine 2000 Jahre alte Vase aus der Han-Dynastie vor der Kamera zerschellen ließ, mittlerweile fast sorgsam mit Chinas überlieferter Kultur umgeht.

Im Kern ging es aber in der provokanten Aktion damals – wie auch heute in der fast denkmalschützerisch anmutenden Verpflanzung des Ahnenhauses – um dasselbe: die Widerständigkeit des Geistes. „Die Frage, die sich mir stellt, ist: Kann man ein Objekt tatsächlich zerstören?“ sagt Ai. „Was die Kunst betrifft, denke ich: Nein. Kunst soll beides können, zerstören und wieder aufbauen. Deshalb ist Kunst wichtig, sie hat eine Freiheit, die unsere Gesellschaft sonst nicht besitzt.“

INFO

Ai Weiwei, 1957 in Peking geboren, wurde als Architekt, Künstler und Blogger bekannt. 2011 wurde er wegen angeblicher Wirtschaftsvergehen inhaftiert, was weltweit Proteste auslöste. Bis 2015 durfte er nicht aus China ausreisen. Inzwischen lebt und arbeitet Ai in Berlin, wo er auch unterrichtet.

Die Schau „translocation – transformation“ eröffnet am Mittwoch (13.7.), im 21er Haus und läuft bis 20.11. Der KURIER ist Medienpartner und bringt am Sonntag (17.7.) neben einer speziellen Titelseite ein Interview, in dem Ai u. a. über die Flüchtlingskrise und die Zustände in China spricht.

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