„Trübe Ahnungen“ – so der Titel – hatte Ida Sofia Maly, 1941 vom NS-Regime ermordet, schon früh:  Ein Selbstporträt aus 1928/30 zeigt sie vor einem „Armenhaus“

© Joanneum/N. Lackner

Kultur
10/13/2020

Kunst von Frauen: Übersehen, negiert, an den Rand gedrängt

„Ladies First!“ in der Neuen Galerie Graz stellt 64 Künstlerinnen in und aus der Steiermark zwischen 1850 und 1950 vor

von Thomas Trenkler

Die Ausstellung „Moderne in dunkler Zeit“ gab der Steiermark 2001 eine „vergessene, verdrängte, vertriebene und verbotene“ Kunstepoche zurück: Günther Holler-Schuster präsentierte in der Neuen Galerie des Joanneums Künstler und Künstlerinnen, die zwischen 1933 und 1945 Widerstand geleistet hatten, verfolgt worden und/oder ins Exil gegangen waren.

Im Zentrum stand die 1941 im Rahmen des Euthanasieprogramms auf Schloss Hartheim ermordete Ida Sofia Maly. „Trübe Ahnungen“ hatte sie früh: Ein Selbstporträt aus 1928/30 zeigt sie vor einem „Armenhaus“.

Auf die Arbeit von Holler-Schuster konnte nun dessen Kollegin Gudrun Danzer zurückgreifen – für ihre aufwendige Bestandsaufnahme über Künstlerinnen in und aus der Steiermark von 1850 bis 1950. Doch das Feld ist ein ungleich größeres, komplexeres, widersprüchlicheres. Denn Danzer integrierte natürlich auch Ida Sofia Malys ältere Schwester Paula, die 1938 der NSDAP beigetreten war; sie hatte in der Hitler-Zeit, wie der fundierte Katalog vermerkt, eine „rege Ausstellungstätigkeit“.

Tod aus Mangelernährung

Dem NS-Regime diente sich aber kaum eine Künstlerin an. In der Schau mit dem verwirrenden Titel „Ladies First!“ stößt man zwar auf das Plakat „Graz – Stadt der Volkserhebung“ aus 1940; doch Anny Dollschein, die sich in den 30er-Jahren am Kubismus orientierte, war eine NS-Gegnerin. Aus finanzieller Notlage nahm sie eben einige Auftragsarbeiten an – und starb 1946 verarmt an Mangelernährung.

Insgesamt stellt Danzer 64 Künstlerinnen mit rund 350 Werken vor. Es geht ihr nicht um die Eigenständigkeit der Positionen oder um eine Ansammlung herausragender Werke; die Schau ist in erster Linie das Ergebnis jahrelanger Grundlagenforschung – und entstand parallel zur Retrospektive „Stadt der Frauen“, die im ersten Halbjahr 2019 im Belvedere über das Schaffen von Künstlerinnen in Wien zwischen 1900 und 1938 informierte.

Notwendige Korrektur

Der Ansatz ist da wie dort ähnlich: Den Blick zu erweitern und die krass männlich dominierte Kunstgeschichtsschreibung, die das weibliche Schaffen „übersehen, negiert oder an den Rand gedrängt“ hatte, zumindest ansatzweise zu korrigieren.

Danzer geht mehrfach auf die Gründe für die Exklusion ein: weil die Frauen lange Zeit nicht auf den Akademien studieren durften, in „einer patriarchal geprägten Gesellschaft in ihren Entfaltungsmöglichkeiten“ eingeschränkt waren. Viele Künstlerinnen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts stammten aus adeligen oder gutbürgerlichen Familien – und konnten sich Privatunterricht leisten. Viele mussten aber, um überleben zu können, auf eine eigene Familie verzichten. Und sie wurden in den Medien nur gut besprochen, wenn sie über einen „männlichen Strich“ verfügten.

Für ihre chronologisch aufbereitete Schau nahm Danzer die ehemalige Untersteiermark hinzu. Und es musste zumindest einen Bezug zum Land geben. Daher fehlt z. B. die Fotografin Madame d’Ora, auch wenn sie 1963 in Frohnleiten starb.

 

An Entdeckungen ist die Ausstellung, für die etliche „Depotleichen“ wiederbelebt wurden, reich. Die Neue Galerie erwarb auch mehrere Werke, darunter das großartige Porträt eines Blumenmädchens (1875/80) von Marianne Stokes, geborene Preindlsberger, die in England Bekanntheit erlangt hat. Warum Johann Strauss ihr die Polka-Mazurka „Licht und Schatten“ widmete, wissen aber nur mehr die Götter. Bis 21. Februar 2021

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