Kultur
22.06.2016

Weit entfernt von Gleichberechtigung

Der Kunst- und Kulturbetrieb ist von einer Gleichberechtigung der Frauen noch Lichtjahre entfernt.

Die Gleichberechtigung der Frau ist noch nicht einmal in allen Bereichen umgesetzt, die Vorkämpferinnen aber sind schon viel weiter. Marlene Streeruwitz zum Beispiel, Schriftstellerin und Essayistin, sagte kürzlich: "Ich bin heute keine Standort-Feministin mehr. Das habe ich erledigt, das ist durch. Heute bin ich von der Einstellung her queer – und bin dafür, dass alle Geschlechter gleichberechtigt sind."

Im Filmbusiness hinkt man der Entwicklung noch ein wenig nach: Da fordern die Regisseurinnen zunächst einmal mehr Fördergelder – explizit für Frauen. Doris Dörrie stellte im Mai 2016 fest, dass sie auch nach Jahrzehnten im Geschäft das Gefühl habe, "nicht so ernst genommen" zu werden: "Das ist eine sehr männliche Bastion."

Weil sie als Frau im Regie-Fach "eine Rarität" sei, setzt sich Dörrie in der Initiative Pro Quote Regie gemeinsam mit 170 anderen Regisseurinnen für eine Frauenquote in der Filmförderung ein. Ihre Kritik: Unter 115 vom Deutschen Filmförderfonds im Jahr 2013 geförderten Projekten seien nur 13 von Regisseurinnen gewesen. "Es ist nicht schön, dass wir die Quote brauchen, aber es scheint so, dass wir sie brauchen."

Nur 3 von 23 Filmen

Bei der Berlinale, die im Februar stattfand, waren von 23 Wettbewerbsfilmen nur drei von Regisseurinnen.

In Österreich ist die Situation nicht anders. Nur 22 bis 25 Prozent der Fördermittel für den Film gehen an Frauen, obwohl zum Beispiel 40 Prozent der an der Filmakademie Wien ausgebildeten Filmschaffenden Frauen sind.

Die Filmemacherinnen muckten daher auf. Bei einer Podiumsdiskussion im Parlament, zu der die SPÖ geladen hatte, forderten sie eine Geschlechterquote. Die Veranstaltung stand unter dem Motto "Because it’s 2015!" Mit diesem Satz hatte der kanadische Premierminister Justin Trudeau erklärt, warum sein Kabinett zur Hälfte mit Frauen besetzt ist.

Auch die Grünen nahmen sich des Themas an. Frauensprecherin Berivan Aslan und Kultursprecher Wolfgang Zinggl brachten im März den Antrag ein, Frauenförderung im Film im Kulturausschuss zu behandeln.

Doch die SPÖ ließ den Antrag gemeinsam mit den Stimmen der ÖVP vertagen. "Damit wurde den betroffenen Frauen einmal mehr die Chance genommen, endlich eine faire Förderungsstruktur zu bekommen", kritisierte Aslan, die bereits 2015 einen ersten Antrag zum Thema im Gleichbehandlungsausschuss eingebracht hatte.

Bitterer Beigeschmack

Und wie steht es um die Gleichberechtigung in den anderen Kunstgattungen? Im Februar 2013 stellte Margarete Affenzeller im Standard bezüglich der darstellenden Kunst fest: "Die Quote ist unbeliebt. Sie trägt einen karitativen Beigeschmack, als müsse man der gehandicapten Spezies Frau auf die Beine helfen." Wie aber soll man, fragte sich Affenzeller, "ohne Quote jemals Burgtheaterdirektorin werden können?"

Diese Frage hat sich erübrigt: Matthias Hartmann wurde im März 2014 gefeuert – und Karin Bergmann als Troubleshooterin verpflichtet. Im Oktober dann erhielt sie einen Vertrag bis 2019.

Ansonsten stimmt Affenzellers Befund nach wie vor. "Die klassische Musik ist eine Männerdomäne. Trotz eines hohen Frauenanteils in der Ausbildung sind die entscheidenden Positionen, etwa an der Staatsoper, durchwegs männlich besetzt. Intendanz, Komposition und Regie ergeben dort eine hundertprozentige Männerquote." Affenzeller hat die Regisseurin Christine Mielitz vergessen und Komponistinnen wie Olga Neuwirth oder Johanna Doderer. Aber das sind tatsächlich Einzelfälle.

Im Sprechtheater hat sich die Lage entschieden zugunsten der Frauen verbessert. Etwa im Burgtheater: Gab es in der Ära Achim Bennings (1976–1986) unter den 147 aufgeführten Autoren ganze zwei weibliche, so waren es bei Claus Peymann schon elf und bei Klaus Bachler bereits 17 (bei 247 Stücken). Zudem gibt es mittlerweile recht viele Direktorinnen: am Volkstheater (Anna Badora), in St. Pölten (Marie Rötzer), in Graz (Iris Laufenberg) und so weiter.

Macho-Regel

Von einer ausgeglichenen Situation ist man aber weit entfernt. Sven-Eric Bechtolf zeigt heuer bei den Salzburger Festspielen im szenischen Bereich ausschließlich Werke von Männern – in der Regie von Männern; Deborah Warner bestätigt als Ausnahme nur die Macho-Regel.

In der Kunst ist es nicht anders. Almuth Spiegler schrieb Ende 2014 in der Presse: "Jahr für Jahr ging Jerry Saltz, Amerikas populärster und goschertster Kunstkritiker, durch die Überblicksausstellung im Museum of Modern Art. Und zählte dort, wie viele Bilder von Künstlerinnen hängen. Bei Eröffnung des Neubaus 2004 waren von 415 Werken 20 von Frauen, weniger als fünf Prozent, stellte er damals fassungslos fest."

Es ging weiter bergab, 2006 waren es 19, 2007 nur noch 14. Dann kam eine Chefkuratorin, die Zahl der Werke stieg auf 29 – von 367. Besser, aber immer noch "unverzeihlich", resümierte Saltz.

Er hatte gehofft, dass sich jüngere Kollegen und Kolleginnen des Themas annehmen würden. Nichts sei geschehen. Jerry Saltz und die "Guerrilla Girls", eine anonyme Künstlerinnengruppe, blieben über die Jahrzehnte die Einzigen, die unbeirrt das ungleiche Geschlechterverhältnis in den Museen auszählten. Und die Auswirkungen blieben bescheiden.

Das Art Newspaper veröffentlichte unlängst einen hochinteressanten Beitrag: Frauen bekommen nach wie vor weniger Einzelausstellungen in den größeren Museen und Ausstellungshäusern. In der Saison 2014/’15 betrug der Frauenanteil in den Londoner Institutionen lediglich 25 Prozent.

Und die Lage am Kunstmarkt fasste Olga Kronsteiner kürzlich im Standard zusammen: "Werke von Künstlerinnen sind auf dem internationalen Markt über alle Epochen hinweg unterbewertet." Gut, früher gab es kaum Künstlerinnen. Aber auch für die zeitgenössische Kunst gilt: Das Geld wird mit den "Malerfürsten" gemacht.

Rollenzuweisung

Bei einer Podiumsdiskussion, zu der der Wiener Unternehmer Georg Folian im Mai ins Semperdepot geladen hatte, musste Otto Hans Ressler sich daher einiges anhören. Der Chef der Ressler Kunst Auktionen kam ins Nachdenken – und entschloss sich nun, eine Auktion ausschließlich mit den Werken von Künstlerinnen zu veranstalten. Er sucht Arbeiten u. a. von Maria Lassnig, Elke Krystufek, Eva Schlegel, Valie Export, Martha Jungwirth, Xenia Hausner, Brigitte Kowanz.

Apropos Kowanz: Bei der Biennale Venedig 2017 wird der Mann (Erwin Wurm) den österreichischen Pavillon allein bespielen; die Frau darf dahinter eine temporäre Behausung für ihre Kunst errichten lassen. Die Rollen bleiben klar zugewiesen.