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Kultur
08/14/2021

Kunst gegen den Geruchsverlust

Corona hat den Wert des Geruchssinns bewusst gemacht. Auch Museen und Historiker bemühen sich um die kulturelle Aufwertung des Riechens

von Michael Huber

Brackwasser. Pferdemist. Dazu der Geruch von Fisch: Diese Assoziationen kommen in den Sinn, wenn man ein paarmal auf das kleine blaue Döschen gedrückt hat, das per Post aus den Niederlanden kam. So soll sie also gerochen haben, eine Amsterdamer Gracht im Goldenen Zeitalter des 17. Jahrhunderts.

Die Gerüche wurden zu einer Stadtansicht des Malers Jan van der Heyden aus dem Jahr 1670 aus der Sammlung des Mauritshuis in Den Haag kreiert. Noch bis Ende August läuft dort die Schau „Fleeting – Scents In Colour“, das Geruchspaket ist auch für jene erhältlich, die es nicht ins Museum schaffen. Die Schau in jenem Haus, das auch Vermeers „Mädchen mit dem Perlenohrring“ beherbergt, ist ein Indikator dafür, dass der Geruchssinn wieder erhöhte kulturelle Wertschätzung genießt.

Animalisch

„Seit der Aufklärung gibt es die starke Tendenz, Geruch als animalisch zu bewerten. Man hat Geruch als etwas nicht rational Reflektierbares angesehen und daher abgewertet“, erklärt Ingmar Lähnemann. Der Kurator an der Städtischen Galerie Bremen ist Initiator des Projekts „Smell It – Geruch in der Kunst“. Zehn Bremer Museen, teils mit historischem, teils mit zeitgenössischem Fokus, widmeten sich heuer dem Phänomen des Geruchssinns: „Ein Projekt, das wahnsinnige Wolken geschlagen hat“, wie Lähnemann sagt.

Wenngleich die Vorbereitung der Kunstinstitutionen schon vor der Pandemie begann, hat das Thema durch Corona klar an Brisanz gewonnen. „Das Bewusstsein dafür, dass es Aerosole gibt und wir etwas über unsere Schleimhäute aufnehmen, ist gestiegen“, sagt Lähnemann. „Dazu kam die Geruchsreduktion durch die Masken und die Tatsache, dass man durch Corona den Geruchssinn verlieren kann.“

Die Fähigkeit, Geruch bewusst zu reflektieren, ihn zu benennen und seine Wirkung auf Emotionen, Erinnerungen und Verhalten zu erkennen, ist durch lange kulturelle Vernachlässigung aber wenig ausgeprägt. Hier setzen künstlerische Überlegungen an.

Reichhaltiges Bukett

Die Vielfalt der zeitgenössischen Arbeiten, die in Bremen zusammengetragen wurden, überrascht – der jüngst erschienene Katalog liefert hier ein Kompendium, auch wenn die Gerüche verflogen sind. So versuchte etwa der Künstler Luca Vitone, den Geruch von Macht zu destillieren (er erinnert an die abgestandene Luft von Behördenräumen, findet Lähnemann). Der Belgier Peter de Cupere baute ein Zimmer-Interieur aus Zigarettenstummeln und eines aus Kaffeebohnen – und vieles mehr.

Und die Tradition der „Geruchskunst“, die allerdings selten direkt als solche bezeichnet wird, reicht noch weiter – in Österreich ist natürlich Hermann Nitsch zu nennen, der Düfte gezielt bei Aktionen einsetzt, dazu Größen wie Joseph Beuys, Carsten Höller, Wolfgang Laib oder die Gruppe Gelatin.

Je mehr der visuell trainierte Mensch der Nase nachgeht, desto deutlicher wird auch, dass die Geruchskomponente in der bildenden Kunst nie wirklich weg war: Von den Wunderkammern der Renaissance über das Goldene Zeitalter und den Barock zieht sich ein Bestreben, alle Sinne anzusprechen, oft auf dem Umweg suggestiver Bilder: In der erwähnten holländischen Grachten-Ansicht van der Heydens geben etwa Abbildungen von Pferdemist, Bierfässern, einer öffentlichen Toilette und einer Wäscherin klare Signale zur Geruchskulisse, wie die Mauritshuis-Kuratorin Ariane von Suchtelen sagt. Während Zeitgenossen diese Zeichen sehr wohl zu lesen verstanden, ist uns heute das Vokabular abhandengekommen.

Computer sieht Gerüche

Gerüche – und Hinweise darauf – sind in dieser Perspektive auch als Quellen für die historische Forschung interessant. Das von der EU mit 2,8 Millionen Euro geförderte Projekt „Odeuropa“ (von frz. „Odeur“ = Geruch) will hier Grundlagenarbeit leisten – und bedient sich dazu der scheinbar geruchlosen Welt der Künstlichen Intelligenz (AI). Die Forscher arbeiten an digitalen Werkzeugen, die eigenständig historische Texte – und Kunstwerke – auf Duft-Inhalte durchforsten: Der Computer soll „Gerüche sehen lernen“, wie es Forscher Peter Bell von der Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg formuliert.

Die Aussagekraft solcher Daten ist nicht zu unterschätzen. So erzählen etwa holländische Stillleben viel über Ess- und Lebensgewohnheiten früherer Zeiten, aber auch über den Kolonialismus, dessen duftende Importwaren (Gewürze! Tabak!) gern in opulenten Bildern zur Schau gestellt wurden.

Blumenbilder, Alltagsszenen, aber auch Porträts können über Geruchshinweise Aufschluss über Hygienevorstellungen und medizinische Entwicklungen geben – etwa, wenn sich edle Damen mit einem „Pomander“ abbilden ließen: In diesen oft luxuriös ausgeführten Objekten führte man Riechstoffe wie Nelken, Rosmarin, Zimt, aber auch das aus Walmägen gewonnene Ambra mit sich: Die Aromastoffe sollten nicht nur üble Gerüche übertünchen, sondern auch, so glaubte man, vor Krankheiten schützen.

Deodorierte Epoche

Jede Epoche hat demnach ihren Geruch, der sich auch in der Kunst der Zeit manifestiert – oder eben daraus verbannt wird. Während Altargemälde lange nur bei Weihrauch- und Kerzenduft gesehen wurden und Kunstsalons des 19. Jahrhunderts mit üppigen Blumenbuketts bezirzten, ließ das moderne Ideal des blanken, weißen Kunstraums wenig Geruchsspielraum. Zugleich wird die manipulative Kraft von Gerüchen gezielt eingesetzt – vom olfaktorisch durchdesignten Neuwagen bis zur aromatisch gestylten Kaffeebar bleibt wenig dem Zufall überlassen.

Geruch habe daher auch eine politische Dimension, findet Kurator Lähnemann: „Wir reden ganz viel über Fake und Fakten. Der Geruch ist genau die sinnliche Ebene, wo das ausprobiert und genutzt wird. Vielleicht können Kunstprojekte erreichen, dass man sich dieses Sinnes insgesamt anders bewusst wird.“

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