Kultur
29.10.2018

Kunst der 90er: In einer Zeit vor Selfies und Memes

In mehreren Ausstellungen lässt sich die Kunst der 1990er Jahre derzeit auf ihre Haltbarkeit überprüfen

Die 90er Jahre: Das war, schlicht gesagt, die Zeit kurz vor dem Internet. Natürlich gab es das Netz schon, doch es war nicht die allgegenwärtige Bildermaschine, die uns heute visuelle Inhalte aller Art im Handumdrehen liefert. Die Ahnung, dass eine solche Technologie kommen würde, war vor einem Vierteljahrhundert freilich zu spüren. Auch Visionen von Cyborgs und Menschmaschinen grassierten in der Popkultur, und Experimente mit digitaler Gestaltung und Bildbearbeitung durchzogen die Gebrauchsgrafik ebenso wie Architektur und Kunst.Und heute? Die Gelegenheiten, prominente Kunst der 90er Jahre neu zu bewerten, häufen sich gegenwärtig im Wiener Ausstellungsbetrieb. Jede Rückschau ist dabei auch ein Blick hinter die Schwelle des technologischen Umbruchs: Manchen Kunstwerken ist ihr Experimentalstatus anzusehen, andere weisen schon auf jene Bildkultur voraus, die heute im Minutentakt über unsere Social-Media-Feeds rollt.

Der Selfie-Trend scheint etwa in der Kunst der 90er ebenso angelegt wie die kreative Kombination von Text und Bild, die uns heute in Form so genannter „Memes“ begegnet. Zwei Galerien in Wien führen das vor: Bei Wienerroither & Kohlbacher im Palais Schönborn-Batthyany breitet Elke Silvia Krystufek noch bis 9.11. einen Querschnitt durch ihr Werk seit den späten 80er Jahren aus; in der Galerie Steinek zeigt Matthias Herrmann bis 14.12. so genannte „Textpieces“, die zwischen 1996 und 1998 entstanden.

Andere Tabugrenzen

Herrmann und Krystufek waren in den 90ern in Wiens Szene omnipräsent, ihre Selbstinszenierungen fielen aber damals auf ein anderes Terrain. So waren Debatten über den weiblichen und männlichen Blick schwer angesagt: Während Herrmann dem Publikum seine Homosexualität sowie queere Subkultur derart aufs Auge drückte, dass man nicht umhinkam, seine eigenen Sichtweisen zu reflektieren, rauhte Krystufek den Blick mit drastischen Posen und Texten auf und nahm sich das Recht heraus, auch nackte Männer zu malen.

Die Bilder funktionieren auch heute noch, doch  tritt der Unterschied von Form und Inhalt stärker hervor: Manche Idee mag auch als Instagram-Inszenierung durchgehen, als Kunstwerke bleiben die Bilder aber an Leinwände oder fotografische Abzüge gebunden.

Dabei veränderte die Kunst in den 90er Jahren bereits ihren Aggregatszustand und drang in neue Räume ein. Das zeigt auch die große Überblicksschau im Wiener MUSA, die sich aus den Ankäufen der Stadt Wien jener Zeit speist. Die Präsentation wurde in drei „Aufzüge“ geteilt, der dritte Teil (bis 20. 1. 2019) heißt „Mobile Kunst im mobilen Markt“.

Das „museum in progress“, 1989 gegründet, trug in diesem Kontext Kunst in die Massenmedien – in Tageszeitungen, auf Plakatwänden oder am „Eisernen Vorhang“ der Staatsoper entstanden teils großflächige Werke.

Der Künstler Peter Kogler, der die erste Grafikserie für die Initiative produzierte, war zugleich auch ein Pionier computergenerierter Bilder. Als Tapeten zierten diese die „Galerie Trabant“, die für die Schau im Wiener MUSA rekonstruiert wurde: Musikperformances, DJ-Abende, Vorträge und Ausstellungen mischten sich in diesem Umfeld. Doch die Galerie blieb ein vor-digitaler Raum.

Medien machen mobil

Als Kogler dann 1997 die große Halle der „ documenta“ in Kassel mit einem Netzmuster auskleidete, wurde dies als „Visualisierung des Internets“ gedeutet, wie der Künstler in einem Katalogbeitrag erzählt: „1997 war das Jahr, in dem das Internet ins allgemeine Bewusstsein der Leute getreten ist. Hätte ich die Arbeit vier Jahre früher oder vier Jahre später gemacht, wäre diese Zuschreibung nie so entstanden.“

Die Rückschau auf die 90er lehrt, zwischen künstlerischen Ideen und medialen Vehikeln zu unterscheiden. Nicht jedes Fahrzeug passt, nicht jedes ist gleich ausdauernd. Großformatige Leuchtkästen, wie sie der Kanadier Jeff Wall in den 1990ern popularisierte, wirken heute etwa kaum noch als Avantgarde. Auch die rosa Automaten der Agentur „artphalanx“, die nach Geldeinwurf kleine Kunstwerke ausspuckten, waren einst ein Hit, wirken heute aber anachronistisch.

Doch die mediale Landschaft ohne Internet mag für „Digital Natives“ wieder neuen Reiz entfalten: Es wäre nicht verwunderlich, würde man in naher Zukunft wieder mehr Kunst der 90er zu sehen bekommen.