Kultur
06.07.2018

Kunst an der Schwelle zur Auflösung

Ausstellungen zur Sammlung Hubert Looser und zu Eva Schlegel halten in der Kunsthalle Krems Übergänge fest

Was bleibt, wenn man selbst nicht mehr da ist? Das Verlangen, Spuren zu hinterlassen, hegen jene, die Stift oder Pinsel übers Papier führen, genauso wie jene, die diese Erzeugnisse sammeln: Man weiß, das alles irgendwann verblasst, und doch hält man die Welt fest, hält sich an der Welt fest.

Der Kunsthalle Krems gelingt es mit ihren aktuellen Ausstellungen, den Schwebezustand zwischen dem Bewahren und Verwischen von Spuren fühlbar zu machen. Es ist ein ruhiger, etwas melancholischer Parcours, in dem zwei ganz unterschiedliche Präsentationen überraschend gut harmonieren.

Den Kern des Programms bildet die Ausstellung von Skulpturen und Arbeiten auf Papier aus der Sammlung des Schweizers Hubert Looser. Die Kollektion ist selbst in einem Zwischenstadium, nicht mehr ganz privat und noch nicht museal: Ab 2020 soll sie dauerhaft in einem neuen Zubau des Kunsthauses Zürich ihren Platz finden. Kunsthallen-Direktor Florian Steininger ist seit zehn Jahren mit Loosers Sammlung vertraut, 2012 hatte er sie bereits im Bank Austria Kunstforum gezeigt.

Keine Best-Of-Parade

Auch wenn nun in Krems die Namen „Picasso – Gorky – Warhol“ im Titel prangen, nimmt die Präsentation doch eine ganz andere Form als die einer Best-of-Parade an. Von Andy Warhol sind nur zwei filigrane Zeichnungen zu sehen, eine davon zeigt Mao Tse-Tung. Daneben legt ein abgeriebenes Relief aus der kambodschanischen Tempelanlage Angkor Wat eine Spur in die Sammlerbiografie: Looser, der das Angkor-Bild 1962 als Souvenir erwarb, unterstützt auch humanitäre Projekte in Asien.

Asiatisch-zurückhaltend mutet dann auch die gesamte Schau an: Steininger hat bei der Auswahl auf das Thema „Linie“ fokussiert. Und auch wenn das Gros der gezeigten Arbeiten von Künstlerinnen und Künstlern aus den USA, der Schweiz und Frankreich stammt, hat doch fast alles, was Looser auf Papier sammelte, kalligrafische Qualität.

Cy Twombly ist mit seinen obsessiven Strichen ebenso vertreten wie Arnulf Rainer, Giuseppe Penone mit seinen Bandfiguren ebenso wie Brice Marden mit seinen Liniengeflechten und Jasper Johnsmit Schraffurbildern. Die Skulptur-Schleifen von Al Taylor und Bernar Venet oder Picassos Porträtkopf „Sylvette“ sind als Zeichnungen im Raum zu verstehen.

Automatisiert

Kunsthistorisch lässt sich Loosers Sammelinteresse aus dem Surrealismus herleiten. Die Idee des „automatischen Schreibens“ („écriture automatique“) wurde in dieser Strömung als Weg zu tieferen, nicht-bewussten Wahrheiten gepriesen; spätere Künstler von Willem de Kooning bis Arnulf Rainer bauten darauf auf. Eine Art des „automatischen Schreibens“ ist aber auch die Fotografie, und hier kommen Eva Schlegels Arbeiten ins Spiel.

Im Aufgang zur Looser-Schau sind unter dem Titel „Spaces“ Ansichten von Räumen – darunter auch der Säulengang der Kunsthalle – versammelt; Schlegel in der für sie typischen Art „verunklärte“: Die Bilder sind nicht mehr Abbildungen und noch nicht Abstraktionen, sie verharren in einem Zwischenstadium. Schlegel ließ auch Schrift auf ähnliche Art verschwimmen: Seit 1998 ziert ein solches Werk die Glaswand in der Kunsthalle, die nun den Blick auf drei Filmprojektionen der Künstlerin freigibt.

Nicht fest, nicht flüssig

Wenn Kunst verschiedene Aggregatszustände menschlichen Denkens und Daseins erfassen kann, so zeigen beide Ausstellungen Übergangsformen. In der Looser-Sammlung ist aber das Ideal des modernen Menschen, der sich selbstbewusst neu erfindet, klar greifbar; die Kunst selbst mag einst als „Gekritzel“ verunglimpft worden sein, heute ist sie historisch.

In Schlegels Welt ist der moderne Mensch dagegen in Auflösung begriffen. Das zeigt nicht zuletzt die Installation, die die Künstlerin in der Dominikanerkirche schuf: Mit übereinander geschichteten Spiegeln entstehen dort Endlos-Räume, die den Betrachterinnen und Betrachtern buchstäblich den Boden unter den Füßen wegziehen. Ein Pavillon verteilt dazu fragmentierte Spiegelbilder in alle Richtungen.

Wir hinterlassen hier keine Spuren mehr, nur flüchtige Bilder unserer Selbst.