© Michael Huber

Kultur
08/25/2020

Kunst am Berg: Schöner geht’s nicht mehr

An der Glocknerstraße zeigt sich die schwierige Beziehung von Tourismus und zeitgenössischer Kunst

von Michael Huber

Die Aussicht vom Gasthaus Fuschertörl, auf 2.430 Metern Seehöhe gelegen, ist atemberaubend. Nur eine kleine Rauchwolke trübt sie kurz – sie stammt von Autos, die etwas weiter talwärts die Reifen quietschen lassen und „Gummi geben“. Der Philosoph Martin Heidegger fällt einem ein, mit seinem Werk „Die Technik und die Kehre“ hat er aber eher nicht die Kurvenbewältigung entlang der Großglockner-Hochalpenstraße gemeint.

Die Fahrzeuge passieren nahe des Gasthauses eine Tafel, die eine Autobahn entlang eines Glocknerpanoramas mit zerfließender Pasterze zeigt. Die Malerin Anna Meyer hat noch weitere dieser knallbunten, dystopisch anmutenden Gemälde auf Pulte eingeschmuggelt, die sonst Panoramabilder und Info-Tafeln tragen.

Doch was soll Kunst an einem Ort, der ästhetisch ohnehin überwältigt und touristisch zu Österreichs Hotspots zählt? Das Projekt „Serpentine“, das am vergangenen Wochenende eröffnete und bis 2022 läuft, versucht gar nicht erst, dem Spektakel der Berge ein weiteres entgegenzusetzen. Es schlägt lediglich ein paar Widerhaken ein.

Subversive Serpentinen

Die Zwiespältigkeit der Glockner-Hochalpenstraße ist schwer zu ignorieren: Die Erhabenheit der hochalpinen Landschaft trifft hier auf ein Schaustück der Bautechnik, das nicht zuletzt zur Zeit der Fertigstellung im Ständestaat 1935 auch politisch als Renommierprojekt genutzt wurde. Die Straße ist, um nochmal Heidegger zu zitieren, ein enormes „Gestell“, das technische Überlegenheit behauptet und eine Wahrnehmung im Motorentakt bedingt.

Ausgerechnet dort, wo das Schmelzen des Pasterzengletschers den Klimawandel augenfällig macht, entfaltet sich durch sie eines der letzten Reservate eines andernorts schon geschmähten Automobilkults: Edle Oldtimer, zahllose Porsche-Cabrios und starke Motorräder rollen am Tag des KURIER-Besuchs auf den Pass und die Franz-Josefs-Höhe zu.

Der Künstler Ralo Mayer hat daneben an zwei Parkplätzen wuchtige Gestelle verankert; sie halten Autotüren, die mit Mustern verziert sind. Eingeweihte erkennen darauf Bilder vom Bau der Glocknerstraße und Verweise darauf, dass die Strecke häufig für Testfahrten von Prototypen dient. Mayer erhielt aber auch Anfragen von Motorsportlern, die die Muster gern als cooles Finish für ihr Fahrzeug gehabt hätten.

Iris Andraschek und Hubert Lobnig wiederum parkten ihr ausgedientes Familienfahrzeug entlang der Straße und verhüllten es mit Orientteppichen – ein Verweis auf den Ursprung der Route als Handelsweg und auf heutige Transitbewegungen von Süden nach Norden.

Rituale des Tourismus

Er habe nach Kunstschaffenden gesucht, die mit den Ritualen des Tourismus und der Straße operieren, sagt der Kurator Michael Zinganel, der dem Projekt den Untertitel „A Touch of Heaven and Hell“ gab: „Wir genießen alle die Natur und versündigen uns zugleich ständig an ihr“, fasst er seine ambivalente Haltung zusammen.

Dass Kunst und Tourismus in einem gespannten Verhältnis stehen, ist ein zeitgenössisches Phänomen: Im 18. und 19. Jahrhundert waren künstlerische Bilder oft Wegbereiter der aufkeimenden Freizeitindustrie. Noch Alfons Walde (1891 – 1958) prägte das Bild des Skitourismus und die Identität Kitzbühels.

Unter dem Einfluss kritischer Theorien überwog aber bald die Angst der Kunstschaffenden, vor einen Wagen gespannt zu werden.

Auf Seite der Touristiker hoffte man dagegen auf Imagegewinne und ließ es oft an Geduld mangeln. So versandete etwa das Projekt „NockArt“, das der einstige mumok-Chef Edelbert Köb in Bad Kleinkirchheim/Kärnten etablieren wollte – übrig blieben bloß mit Logo markierte Ausruhebänke an Wanderrouten. Andere Kunstprojekte hatten just mit dem Vorwurf der „Eventisierung“ zu kämpfen – etwa Ai Weiweis Transfer eines Felsens aus China an die Dachsteinspitze 2010 oder der nie realisierte Vorschlag des Wiener Malers Rudi Holdhaus, die Glockner-Spitze zu vergolden (1997).

Zinganel setzt daher auf subtile Eingriffe, um dem touristischen Erleben vielleicht doch eine Ebene der Reflexion einzuziehen. „Sollten diese vermeintlichen Gegenbilder auf Akzeptanz treffen, können sie in den touristischen Kreislauf integriert werden – und ihn produktiv verändern“, erklärt er.

Infos & Tipps: Aktuelle Kunst aus dem alpinen Zwiespalt

Die Großglockner-Hochalpenstraße ist bis Anfang November befahrbar, das Projekt Serpentine läuft bis 2022 und wird sukzessive erweitert. 

Fotografisch denkwürdig verewigt wurde der nicht-unberührte  alpine   Raum u. a. von Margherita Spiluttini und von Michael Goldgruber: Letzterer  ist derzeit mit einer Schau in der Landesgalerie Niederösterreich präsent (bis 18. 10.).  
Als alpine  Destination für zeitgenössische Kunst eröffnete 2019  das Museum Susch im Schweizer Engadin, finanziert von der polnischen Sammlerin Grażyna Kulczyk.

Ebenfalls in der Schweiz entstand  2017 ein hölzerner Turm für Oper und Theater – dokumentiert ist er im Buch La Tor Cotschna des österreichischen Fotografen Christian Brandstätter.  An der Tourismusindustrie arbeitet sich wiederum der Tiroler Lois Hechenblaikner seit Jahrzehnten ab. Sein heuer erschienenes Buch Ischgl erfuhr durch Corona ein unerwartetes Medienecho.

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