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Interview
01/23/2021

Kulturstaatssekretärin: "Keine Entlassungen im großen Stil!“

Andrea Mayer hofft, den Großteil der Branche durch die Corona-Krise zu bringen.

von Thomas Trenkler, Georg Leyrer

Andrea Mayer, die parteifreie Kulturstaatssekretärin, agiert im Lockdown wie eine Versicherung, die es wieder gut macht – mit Schmerzensgeld. Und wie die Kirche, die auf später vertröstet.

KURIER: Es herrscht weiterhin die Meinung vor, dass die Kultur in der Regierung zu wenig Stellenwert hat. Können Sie das nachvollziehen?

Andrea Mayer: Ich sehe das nicht so. Was die Regierung an konkreten Wirtschaftshilfen für den Bereich aufgestellt hat, lässt sich auch im internationalen Vergleich sehen. Wir haben für Kunst und Kultur zusätzlich 250 Millionen Euro in die Hand genommen. Allein für die freischaffenden Künstlerinnen und Künstler wurden bisher 80 Millionen Euro ausgeschüttet. Da sind die Zahlungen des Härtefallfonds noch gar nicht mitgerechnet. Daran sieht man, wie wichtig die Künstler genommen werden, wie wertgeschätzt ihre Arbeit wird.

Aber alle, Manager wie Künstler, haben immer wieder Grund zum Grummeln.

Ich verstehe die Kulturbranche. Es ist zermürbend, wenn man so viele Monate nur so wenig künstlerisch tätig sein kann. Und das lässt sich auch nicht mit Geld kompensieren. Ja, wir bemühen uns um Öffnungsschritte, wir bemühen uns, eine Perspektive zu geben, aber die Pandemie ist eben schwer vorhersehbar. Und daher mussten wir unsere Pläne verwerfen. Das ist ein Dilemma.

Wäre es nicht sinnvoller gewesen, gleich eine langfristige Perspektive zu geben? Also wenn man vor Weihnachten gesagt hätte, dass die Theater bis März zu bleiben.

Das ist nun ohnedies so: Die Museen dürfen ab. 8. Februar wieder offen sein, aber bis Ende Februar gibt es keine Kulturveranstaltungen. Manche Häuser würden gerne länger geschlossen bleiben, weil das Hochfahren kompliziert ist; andere – meist kleinere – Häuser wollen unter allen Umständen öffnen und auch nur für 50 oder 100 Besucher spielen. In einer solchen Situation eine Entscheidung zu treffen, die dem Infektionsgeschehen Rechnung trägt, ist schwierig. Denn es geht darum, nur ein kalkulierbares Risiko einzugehen. Und jetzt haben wir auch die Mutation zu berücksichtigen.

Einige Direktoren kritisieren, dass man sich in eine Gondel zwängen, aber nicht ins Theater gehen darf. Thomas Gratzer, der Leiter des Rabenhofs in Erdberg, lädt daher satirisch ins „Ski-Resort Erdberger Alpen“ ein.

Ich bin dagegen, dass man immer das eine gegen das andere aufrechnet. Dass Künstler mit kreativen Methoden auf nicht gerade beglückende Umstände reagieren, ist völlig okay. Aber Skifahren findet eben im Freien statt.

Zuletzt waren bis zu 500 Personen erlaubt. Die Direktoren haben nun gefordert, von der Zahl abzugehen und einen Prozentsatz festzulegen – zum Beispiel 65 Prozent der verfügbaren Plätze. Was meinen Sie?

Wir werden bis Mitte Februar festlegen, unter welchen Bedingungen eine Öffnung möglich ist. Aber schon jetzt ist klar: In einer derartigen Pandemie-Situation wird es nicht möglich sein, ein Haus zu 100 Prozent auszulasten. Nicht nur eine absolute Zahl, sondern auch eine Prozentzahl festzulegen, halte ich für einen guten Vorschlag. Denn das wird den unterschiedlichen Veranstaltern gerechter. Der Grund für die absolute Zahl ist ja, dass wir in der gesellschaftlichen Gesamtbetrachtung Kontakte und Mobilität niedrig halten müssen.

Wird das Eintrittstesten kommen? Und wenn ja: Wer testet? Auch der Billeteur im Theater in der Josefstadt?

Der negative Testnachweis wird kommen. Ich sehe das aber nicht als Hürde, sondern als Chance. Damit eben Veranstaltungen stattfinden können. Die Alternative wäre, dass die Häuser noch länger zu bleiben müssen. Wenn ich in den letzten 48 Stunden – die genaue Zeitspanne ist noch nicht ausverhandelt – negativ getestet worden bin, kann ich eine Veranstaltung besuchen. Ich bin überzeugt, dass wir diese Strategie sehr praxistauglich – mit einem einfachen Nachweisformular oder einer App – umsetzen können. Das Testen wird zu einer Selbstverständlichkeit im Alltag werden, bis es eine Durchimmunisierung gibt. Und die Kontrolle soll kein organisatorischer Aufwand für den Veranstalter sein.

Josefstadt-Direktor Herbert Föttinger muss also keine Teststraße einrichten?

Genau. Er muss sich nur vergewissern, dass die Menschen, die zu ihm ins Theater kommen, einen Nachweis über einen zeitnahen negativen Test haben. Ich bin mit Föttinger in einem sehr intensiven Austausch; ich glaube, ich konnte ihn beruhigen. Ich jedenfalls sitze entspannter im Theater, wenn ich weiß, dass alle anderen Besucher negativ getestet wurden.

Man könnte den derzeitigen Leerlauf dazu nutzen, an kulturpolitischen Hebeln zu drehen. Haben Sie dies vor?

Natürlich werden sich die Rahmenbedingungen ändern. Eben weil es nicht so viele Touristen geben wird. Es könnte daher vielleicht weniger kulturelle Angebote, aber längere Laufzeiten geben. Im Gegenzug aber werden die Künstler besser bezahlt.

„Fair pay“ also?

Ja, dieses Thema ist mir wichtig: Wie schaut es mit den Arbeitsbedingungen, mit der Bezahlung aus? Aber darüber möchte ich zunächst mit der Szene diskutieren. Im Frühjahr werden wir konkrete Ziele präsentieren.

Überbrückungsfinanzierung 
Kürzlich wurde bekannt gegeben, dass der Bund die Maßnahmen  für freischaffende Künstlerinnen und Künstler verlängert. Konkret wird die Überbrückungsfinanzierung bei der Sozialversicherung der Selbstständigen von 110  auf 120 Millionen Euro angehoben

Covid-19-Fonds
Und der Covid-19-Fonds des Künstler-Sozialversicherungsfonds (KSVF) wird von 20 auf 40 Millionen Euro verdoppelt

Kunststipendien
Die Dotierung der Kunststipendien  wird heuer um mehr als ein Drittel angehoben – um 1,1 Millionen Euro auf 4,3 Millionen

Erst 2021 werden die Probleme richtig massiv: Es drohen generell viele Pleiten und hohen Arbeitslosenzahlen. Wie wird die Kultur aus dieser Krise kommen? Hunderte Künstler wissen bereits jetzt, dass sie sich umorientieren müssen.

Wir können natürlich nicht garantieren, dass jeder aus der Krise so herauskommen wird, wie er vor knapp einem Jahr in sie gekommen ist. Aber wir versuchen alles, um den Großteil der Kulturbranche durchzubringen. Und ich bin überzeugt, dass das Kulturleben in seiner Breite wie Vielfalt wieder erblühen wird.

Wenn es weniger Touristen gibt, haben die publikumsstarken Museen geringere Einnahmen und es braucht weniger Personal – in der Vermittlung. Wird es Kündigungen geben müssen?

Zunächst war es wichtig, dass die Museen ihre Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken konnten. Wir werden sehen, wie lange diese Möglichkeit bestehen wird. Und der Bund hat Vorbildfunktion. Sollte sich in den Museen, bei denen der Staat der Eigentümer ist, ein Personalabbau überhaupt nicht vermeiden lassen, dann muss man das klug machen. Also keine Entlassungen im großen Stil!

Die kaufmännischen Direktoren müssen nach dem Gebot der Sparsamkeit agieren.

Aber die Aufgabe von Führungskräften ist es, solche Herausforderungen zu meistern. Wahrscheinlich werden sich die Museen heuer und auch 2022 keine teuren Ausstellungen leisten können. Statt mit Leihgaben zu operieren, wird man vermehrt auf den Fundus zurückgreifen müssen. Aber alle Häuser haben wunderbare Sammlungen. Man kann also tolle Ausstellungen konzipieren – ohne dass die Qualität leidet.

Dennoch wird es eklatante Finanzierungslücken geben.

Ja, das nächste Budget ist immer das schwierigste. 2020 haben die Bundestheater und Bundesmuseen 33 Millionen Euro zusätzlich bekommen. Und wir werden auch 2021 für die Liquidität sorgen: Es gibt ein politisches Übereinkommen, dass die Bundeseinrichtungen weiterhin zusätzliche Gelder bekommen, wenn es notwendig ist.

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