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Kultur
04/22/2020

Künstlerin Marina Abramovic wehrt sich gegen Verschwörungstheorien

Stimmen, die die Performance-Pionierin für eine Satanistin halten, wurden so laut, dass Microsoft zuhörte. Nun reicht es der Künstlerin

von Michael Huber

Lange schwarze Haare, dunkle Gewänder, geheimnisvolle Aura: Wer will, kann die Selbstinszenierung der Performance-Künstlerin Marina Abramović durchaus mit jener einer Hexe vergleichen. Wenn schon, dann denkt der unbedarfte Kunstfreund aber eher an Gundel Gaukeley, die in den Donald-Duck-Comics beharrlich hinter Onkel Dagoberts Glückszehner her ist, und nicht an eine satanische Hohepriesterin und Strippenzieherin eines globalen Netzwerks, das die gesamte Film- und Unterhaltungsindustrie wie auch die US-amerikanische Politik unterwandert haben soll.

Letzteres glaubt allerdings eine große Zahl von Menschen insbesondere in den USA, die auch für Verschwörungstheorien wie die so genannte "Pizzagate"-Affäre (die behauptete, Hillary Clinton sei in einen Kinderpornoring involviert) offen sind. Die online entfesselte Protest-Wucht dieser Gruppe war so groß, dass der Microsoft-Konzern nun ein Promo-Video für ein Mixed-Reality-Projekt, dass er gemeinsam mit  Abramović geplant hatte, offline nahm. Im Kunstwerk "The Life" soll eine Performance der Künstlerin mithilfe von Datenbrillen in einem Galerieraum sichtbar werden.

Der Online-Widerstand gegen das Projekt bewegte wiederum die Künstlerin selbst, die bisher die Verschwörungstheorien ignoriert hatte, erstmals Stellung zu nehmen: "Ich möchte diese Leute wirklich fragen: Können Sie bitte damit aufhören, mich zu belästigen? Können Sie nicht sehen, dass das einfach die Kunst ist, die ich für die vergangenen 50 Jahre meines Lebens gemacht habe?" sagte Abramović in einem Interview mit der New York Times.

Der Hintergrund

Die Theorien, die Abramović als satanische Strippenzieherin sehen, haben ihren Ursprung ebenfalls in der "Pizzagate"-Affäre, die eine Reihe von e-Mails von Hillary Clintons Ex-Wahlkampfmanager John Podesta als ihr "Ausgangsmaterial" betrachtet. In diesen Mails, die u.a. Podestas Verbindungen zu einem Kinderpornoring belegen sollen, findet sich auch eines von Abramović: Sie besprach darin eine Einladung Podestas zu einem als "Spirit Cooking" bezeichneten Dinner-Event. Podestas Bruder hatte auch eine Spendenkampagne der Künstlerin unterstützt, die einst ein Performance-Institut nördlich von New York eröffnen wollte.

Das "Geisterkochen" wurde von der eifrigen Online-Gemeinde schließlich mit allerhand anderen Werken der Performance-Künstlerin in Verbindung gebracht, denen ein satanischer Zusammenhang unterstellt wurde. So polierte Abramović auf der Biennale von Venedig 1997 einen Haufen blutiger Rinderknochen: Dass die Performance namens "Balkan Baroque" auf den Krieg in Ex-Jugoslawien Bezug nahm und darauf anspielte, dass man Blut nicht mehr von den Händen bekommt, war da nicht so wichtig.

Tatsächlich nahm und nimmt Abramović immer wieder Anleihen bei spiritistischem Gedankengut, auch "missverständliche" Symbole wie ein Ziegenkopf tauchten in ihrem Werk auf. Allerdings bediente sich die Künstlerin bei Traditionen aus allen erdenklichen Quellen, ein satanistischer Zusammenhang ist wohl nur für jene zu sehen, die ihn wirklich sehen wollen - und für andere Erklärungen nicht zugänglich sind.

 

Dass Abramović immer wieder die Nähe zu Reichen und Berühmten suchte - so unterrichtete sie Popstar Lady Gaga in Performance-Kunst - und mit großen Firmen kooperierte, machte sie zur perfekten "Strippenzieherin" in den Augen der Verschwörungstheoretiker. Aufgekocht wurde der Mix, in dem eine gute Portion Kunst- und Elitenfeindlichkeit die Fermentation beschleunigt, schließlich von einer "Doku" namens "Out  of Shadows" ("Aus den Schatten"). Die englische Version wurde auf Youtube rund drei Millionen Mal gesehen.

"Es ist seltsam, dass Verschwörungstheoretiker, die behaupten, so klar durch die oberflächlichen Illusionen unserer Gesellschaft zu sehen, einen kleinen Aspekt eines hoch theatralischen künstlerischen Werks so ernst nehmen", schreibt der Kommentator Ben Davis im Branchendienst Artnet. Doch Humor und Doppeldeutigkeit, wie sie die Kunst ständig transportiert, war noch nie die Stärke jener, die alles ganz exakt zu wissen glauben. In einer Zeit, in der sicheres Wissen schwer zu bekommen ist, verwundert es also nicht, dass die Welt der Verschwörungen auch im künstlerischen Bereich frontal mit dem "Mainstream" kollidiert.