© Belvedere/Johannes Stoll

Belvedere
02/14/2020

Künstlerclubs im Belvedere: Wo wenig Licht ist, ist viel Schatten

Eine Schau über „Die Avantgarde im Nachtcafé“ widmet sich einem spannenden Thema, bleibt aber in der Umsetzung unentschlossen

Es hat sich schon herumgesprochen: Die eingelernten Muster, Kunst zu betrachten – mit Respektabstand zur Wand, in einem möglichst neutralen Raum – haben sich aufgelöst. Das liegt zum einen an technischen Neuerungen – vom Blick durchs Smartphone bis zur Virtual-Reality-Brille –, zum anderen an der Erkenntnis, dass Kunsträume historisch gesehen nur selten neutral waren: Kirchen, Schlösser oder Wunderkammern bilden ebenso ein sinnliches Biotop für einzelne Kunstwerke wie Privaträume, Restaurants oder Cafés. Sie alle ermöglichen das Eintauchen in ein ästhetisches Erlebnis. Der neudeutsche Begriff dafür, „Immersion“, erlebt derzeit einen Höhenflug im Kunstdiskurs.

Insofern liegt die Ausstellung „Into the Night – die Avantgarde im Nachtcafé“, die bis zum 1. Juni im Unteren Belvedere zu sehen ist, voll im Trend: Verspricht sie doch einen Blick auf jene Räume, die vom späten 19. bis zum mittleren 20. Jahrhundert ein Verschwimmen ästhetischer Grenzen ermöglichten und kreative Köpfe zu neuartigen Gesamtkunstwerken – mit Malerei, Kunsthandwerk, Theater, Musik, Performance – inspirierten.

Atmosphäre ausstellen?

Ein Museum kann diese Räume – viele waren nur kurz in Betrieb, ihre Einrichtungen wurden zerstört oder in alle Richtungen zerstreut – allerdings nicht wirklich zeigen.

Was zeigt man also stattdessen? Die Schau, die zuvor im Londoner Barbican Centre zu sehen war (der KURIER berichtete), sucht Lösungen in verschiedensten Ecken des Ausstellungsbetriebes – und bleibt damit letztlich unentschlossen.Ohne strenge Chronologie führt „Into the Night“ zu Clubs und Varietés, die Brennpunkte künstlerischer Szenen waren: Das Pariser „Chat Noir“ mit seinem berühmten Schattentheater (ab 1881) macht den Anfang, es geht weiter zum „Cabaret Voltaire“, der Keimzelle des Dadaismus in Zürich (ab 1916), und zu den „Mbari Clubs“ in Osogbo/Nigeria, in denen sich in den 1960ern die Intellektuellen des jungen afrikanischen Staates trafen. In der Darstellung vermischen sich dabei Archivmaterialien und Kunstwerke mit dem Versuch, zumindest Aspekte dieser Orte mit einer Rauminstallation zu rekonstruieren.

Das gelingt beim „Cabaret Fledermaus“ (1907–1913), dem Gesamtkunstwerk der Wiener Werkstätte, dem ein Stück des Orangerie-Saals gewidmet ist: Dank eines groß angelegten Forschungsprojekts der Uni für Angewandte Kunst versuchte man hier, die Fliesen von Bertold Löffler und Michael Powolny auch farblich originalgetreu nachzubilden.

Der klinische Geruch der Kulissenhaftigkeit lässt sich aber auch hier nicht ganz vertreiben, zumal in der Inszenierung die Clubgäste fehlen (bei Veranstaltungen wird die Bar aktiviert, immerhin).

In den Haupträumen tritt dann die Inszenierung in direkten Wettstreit mit dem barocken Ambiente des Belvedere-Palais, was insbesondere beim Wellblech-Dach des nachgebildeten nigerianischen Mbari-Clubs für einige Dissonanz sorgt.

Museale Programmzettel

Doch die Schau geht auch in die entgegengesetzte Richtung – hin zu Originalen. Einladungen, Programmzettel, Publikationen, Skizzen, Möbel oder Kunstobjekte verraten bei genauerem Studium einiges über das geistige Terrain der jeweiligen Clubs. Doch vieles von dem, was die Barbican-Kuratorin Florence Ostende hier als museal präsentiert, ist es nicht.

Kunstwerke aus dem Skizzenfundus römischer Futuristen und britischer Kubisten mögen dokumentarischen Wert haben, tragen aber keine Ausstellung. Malerische Glanzstücke wie Rudolf Schlichters „Damenkneipe“ (aus dem Berlin der 1920er) sind rar. Entgegen der viel beschworenen Interdisziplinarität der Clubkultur hängt insbesondere in den hinteren Bereichen der Schau zu viel flache Ware an der Wand, und nicht immer ist die kulturelle Relevanz der porträtierten Clubs klar ersichtlich.

Zwischen Kulissen- und Archivstaub fasst man schließlich den Entschluss, dass es an der Zeit wäre, wieder mal auszugehen. So richtig eintauchen, in die Nacht.

INFO: Ausstellung und Programm

„Into the Night – die Avantgarde im Nachtcafé“ ist bis 1. Juni 2020 im Unteren Belvedere (Palais und Orangerie) zu sehen. Gezeigt werden rund 300 Exponate und räumliche Inszenierungen zu Clubs und Varietés aus aller Welt. Der Katalog kostet 45 €. Ein umfassendes Event-Programm aktiviert die Ausstellung regelmäßig. So lädt man an jedem letzten Freitag im Monat zu Musik und Sekt (18 – 21 Uhr). Weiters gibt es Tanz-Workshops, Lesungen, Konzerte  und thematische Führungen, für 30.5. ist eine Abschluss-Party angesetzt.