© Wiener Staatsoper/Michael Pöhn

Kritik
12/16/2021

"Parsifal“ ist immer: Eine Demonstration der anderen Art am Ring

Die Neuproduktion von Richard Wagners Bühnenweihfestspiel erstmals vor Publikum in der Wiener Staatsoper.

von Gert Korentschnig

Ostern fiel diesmal in die vierte Adventwoche, der Gründonnerstag auf einen Mittwoch, aber das ist in Corona-Zeiten auch schon egal.

Richard Wagners „Parsifal“, alljährlich ein Fixpunkt am Tag vor dem „allerheiligsten Karfreitag“, wie es im Bühnenweihfestspiel heißt, wurde von der Wiener Staatsoper ins vorweihnachtliche Programm gehievt, und das ist gut so. Denn „Parsifal“ ist, was die Genialität der Musik und die Größe des Werkes betrifft, immer. Also her damit, gerne auch zu Silvester oder zu Halloween.

Am Tag der Aufführung wird es also nicht liegen, dass diese nicht sonderlich gut besucht war – Wagnerianer gibt es ja genügend. An der Impfquote wohl auch nicht, ohne dass es diesbezügliche Untersuchungen gäbe, denn zielgruppenmäßig sind Wagner-Hörer tendenziell über 14. Vielleicht hat es mit Angst vor Menschenansammlungen zu tun, noch vielleichter mit einer gewissen Entwöhnung vom Genre, was besonders schlecht wäre.

Daher ein dringender Appell: Gehen Sie doch wieder in die Oper oder ein Theater Ihrer Wahl, Sie (und dieses) haben es verdient.

Leere Reihen

Ein halbvoller „Parsifal“ – daran kann sich der Autor dieser Zeilen nirgendwo in einem Opernhaus seines Vertrauens erinnern. Einer besonderen Emotionalität taten die zahlreichen leeren Reihen allerdings keinen Abbruch. Einige wenige lehnen die Neuproduktion des „Parsifal“ offenbar derart heftig ab, dass sie nicht einmal vor manchen Zwischenrufen zurückschreckten. Erfreulicherweise applaudierte der andere Teil des Publikums aber zurück, beides zusammen ergab eine schon länger nicht mehr beobachtete Art der Opern-Demo.

Dieser „Parsifal“, inszeniert von Kirill Serebrennikov, angesiedelt im Gefängnis, ist auch tatsächlich ungewöhnlich – auch wenn er dadurch noch mehr zur Lockdown-Oper wird.

Wenn man sich jedoch darauf einlässt, erkennt man, wie präzise die Regie ist, wie perfekt gearbeitet, wie sehr sich religiöse Symbolik in den Tattoos der Häftlinge wiederfindet. Der heilige Speer ist ein Schlagstock, der Schwan ein Insasse mit Feder-Zeichnung am Rücken, der vom jungen Parsifal mit Rasierklinge gekillt wird. Die Tristesse des Männerbündnisses, das Warten auf den Erlöser, die Monotonie, auch die immer wiederkehrenden musikalischen Wellen finden in dieser Inszenierung ein grandioses Fundament.

Der Regieeinfall, dem gealterten Protagonisten einen jungen Toren als zentrale Figur auf die Bühne zu stellen und in Videos durch Schneelandschaften, verfallene Häuser und Innenhöfe von Gefängnissen spazieren zu lassen, funktioniert auch bei der Publikumspremiere sehr gut. Besonders beeindruckend ist die erste Verwandlung, bei der die beiden Parsifäler einander noch nicht zu erkennen imstande sind.

Aus dem Fernsehen waren diese Bilder auch den Gralsrittern der Tradition (He! Ho! Waldhüter ihr, Schlafhüter mitsammen) theoretisch bekannt, offenbar hat der eine oder andere nur darauf gewartet, seine Ablehnung auch öffentlich artikulieren zu können.

Volle Kanne

Musikalisch ist die Aufführung dank Musikdirektor Philippe Jordan und des Orchesters erstklassig. Jordan schafft eine tolle Balance zwischen Zelebrierung des Werkes, kraftvoller Aufladung, dramatischen Spannungsbögen und kontemplativen Momenten. Dieser Abend war so viel besser als „Don Giovanni“ nach dem Wiederaufsperren zwei Tage zuvor.

Sängerisch begeistert Wolfgang Koch als berührender, innig leidender, seine Auftritte intensiv wie ein Liedsänger anlegender Amfortas sowie als mächtiger, zynischer Klingsor. Diese Doppelrolle, also die Opfer-Täter-Überlagerung, hatte er bereits 2013 in Salzburg für sich kreiert, und es funktioniert auch diesmal wunderbar. Georg Zeppenfeld ist ein wortdeutlicher, geradezu idealer Gurnemanz, Wolfgang Bankl ein markanter Titurel aus dem Off.

Hinreißend gestaltet Anja Kampe die Kundry, mit hochdramatischen Ausbrüchen und großer Verführungskraft im Zaubergarten. Brandon Jovanovich hat den Nachteil, den Premieren-Parsifal Jonas Kaufmann ersetzen zu müssen, teilt sich die Kraft gut ein und hält bis zum Ende durch, eine solide Darbietung. Blumenmädchen und Chor wurden am Ende applausiv bedankt – da hatten sich die paar Rebellen zum Glück beruhigt.

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