Kultur
19.07.2018

Kritik "Beatrice Cenci": Schutzbedürftige, im Stich gelassen

Berthold Goldschmidts Oper „Beatrice Cenci“ als österreichische Erstaufführung bei den Bregenzer Festspielen.

Am Schluss war sie dann schon ordentlich voll, die Glaskiste mit den Toten darin. Zwei fehlten noch: Beatrice Cenci und ihre Stiefmutter.

Sie hatten Beatrices Vater, einen Mörder und Vergewaltiger, einen amoralischen Grausamkeitshedonisten, ermordet. Und harrten nun, „schuldig, aber wohl schuldlos“, ihrer Hinrichtung – die, in der stärksten Szene der Bregenzer Eröffnungsoper, aus unerwarteter Hand vollzogen wurde.

Allerlei moralische Falltüren und Schlupflöcher tun sich in der historisch verbürgten Geschichte Cencis auf. Man könnte trefflich und selbstgerecht sinnieren über Schuld, Moral, Rache. Die spät uraufgeführte und selten gespielte Oper des deutschen Komponisten Berthold Goldschmidt (1903-1996) hält jedoch Distanz zu voreiliger Identifizierung mit den Opfern, zum Schwelgen in Schuld und Sühne.

Die unmittelbar nach dem Zweiten WeltkriegGoldschmidt musste nach England fliehen – komponierte Oper weist vielmehr auf eine andere Opfer-Erfahrung hin, die sich im 20. Jahrhundert zuspitzte: Täter sind Täter, Opfer sind Opfer – aber es ist die Überheblichkeit und Herzlosigkeit der Noch-Mächtigeren, die Schicksale erst besiegelt. Hier ist es die Kirche, die – im Rom des 16. Jahrhunderts – der vergewaltigten Tochter die Hilfe verweigert, den brutalen Vater schützt und letztlich das Todesurteil ausspricht. Es geht wohl den Schutzbedürftigen von gestern, den Schutzbedürftigen von heute nicht anders.

Weiter Weg

Neben der publikumsträchtigen Oper am See – heuer wieder „Carmen“ – sorgen die Festspiele im Festspielhaus für Wiederentdeckungen von, für Fingerzeige auf unverdient selten gespielte Opern. Für fast alle Wieder- und Neuentdeckungen ist der Weg ins Repertoire dann aber ein weiter.

Auch „Beatrice Cenci“ ist als musikalische Sezierung einer Machtkonstellation einen Wiederbesuch durchaus wert: Die Musik wirft allerlei Fangstricke in die Vergangenheit und die Zukunft aus. Und sie bietet auch einen Moment, der in früheren Opernzeiten als empörend, wenn nicht skandalös empfunden worden wäre: In einem Augenblick ungebrochenen Wohlklangs lässt die Musik Graf Francesco die Vergewaltigung seiner Tochter ankündigen.

 

Mit viel Inszenierungs- und Gestaltungswillen wurde das Werk auf die Bühne gebracht: Johannes Erath (Regie), Katrin Connan (Bühne) und Katharina Tasch (Kostüme) suggerieren eine Art postutopisches Mittelalter, mit orangen Perücken, kühlen Bildern und goldglänzendem Schutz für das gräfliche Gemächt. Graf Francesco (Christoph Pohl) singt wie der bitterböse Zwilling von Frank Sinatra seine Schlechtigkeit im Glitzersakko in ein Crooner-Mikrofon. Beatrice (stark: Gal James) hält beim Todesurteil nicht sich selbst, sondern einer Puppe die Ohren zu – und macht so umso betroffener. Was überraschend ist, da die Emotion sonst der Konstellation geopfert wird: Warum Francesco so ein Widerling ist, warum die Kirche so korrupt – das wird nicht nachfühlbar gemacht, sondern als gegeben vorausgesetzt, vielleicht als Fingerzeig auf die solches gemeinhin übererklärende Operntradition.

Die Wiener Symphoniker unter Dirigent Johannes Debus leisten Verdienstvolles, lassen den Sängern Raum und der Musik ihr Eigenleben. Am Schluss dann, als Beatrice und Lucrezia (Dshamilia Kaiser) aus Kirchenmannhand den Giftbecher erhalten, gibt es gleißendes Licht in die Publikumsaugen – und verdienten Applaus.