Im Karussell von Schund und Luxus: Kunststar KAWS in der Albertina
Als die aufblasbare Skulptur „Holiday“, eine 37 Meter lange Figur mit Ähnlichkeiten zur Micky Maus, im März 2019 im Hafen von Hongkong vertäut wurde, stand der US-Künstler KAWS am Höhepunkt seines Erfolgs. Am 1. April 2019 erzielte sein Gemälde „The KAWS Album“ dann ebenfalls in Hongkong den bis heute gültigen Auktionsrekord von 115,9 Millionen Hongkong-Dollar (14,7 US-$, rund 13 Mio. €).
Aus dem Markt-Hype um den 1974 geborenen New Yorker, bürgerlich Brian Donnelly, ist inzwischen die Luft draußen: Laut dem Branchendienst Artnet setzten Auktionen 2025 nur noch 7,72 Millionen US-$ mit Werken des Kunstpopstars um, 2019 waren es noch 112,9 Millionen US-$ (!) gewesen.
Es würde aber zu kurz greifen, die Schau „KAWS – Art & Comix“ in der Albertina Modern (bis 27. 9.) nur als Maßnahme zur Marktstabilisierung zu deuten (obwohl man diesen Aspekt auch nicht so offensiv ausklammern müsste).
Weite Kreise
Tatsächlich schickt sich das kuratorische Duo Angela Stief und Florian Waldvogel an, breite kulturhistorische Kreise um das publikumsträchtige Phänomen KAWS (4,3 Millionen Follower auf Instagram!) zu ziehen. Dabei mischt die Ausstellung Underground und Mainstream, Pop Art und Neoexpressionismus, Gegenwart und Vergangenheit zu einem bunten Parcours, dem aber ein wenig der Fokus verloren geht: Am Ende ist es in jedem Raum KAWS, der die Comic-Kunst-Pop-Zitatkultur der vergangenen Dekaden bündelt.
Unklar bleibt, an welchen Punkt des Diskurses über Kunst und Comics die Albertina Modern ihre Besucherinnen und Besucher hinführen will. Die Schau liefert Blicke in die Vorgeschichte, in der sich E und U als Pole gegenüberstanden und Comics das Stigma von „Schundheften“ trugen, wogegen Pop-Artists wie Roy Lichtenstein oder Andy Warhol zu Felde zogen.
Nobel und abgründig
Andere versuchten gar nicht erst, das Genre zu nobilitieren, sondern richteten es sich im Abseitigen gemütlich ein: Underground-Comix (daher das x!) bildeten eine eigene, wilde Ästhetik aus, Outsider-Künstler bedienten sich am populären Repertoire, ohne an Statusfragen zu denken. Dazwischen standen Grenzgänger wie Red Grooms: Sein begehbarer, mit grotesken Figuren bestückter Nachbau eines New Yorker U-Bahn-Waggons von 1975, nach Jahrzehnten im Depot in der Albertina Modern wieder aufgebaut, ist gewiss ein Highlight der Schau.
Brian Donnelly alias KAWS ist zweifellos ein großer Kenner dieser Quellen und Geschichten – und als Sammler abseitiger Artefakte auch ein wichtiger Leihgeber der Schau (die Werke von Peter Saul und H. C. Westermann sind eine Entdeckung). Wie es KAWS gelang, den alten Gegensatz von Ernst und Unterhaltung bzw. „High versus Low“ zu überwinden und seine Bildproduktion dabei auf ein hypermodernes Level zu heben, bleibt in der Schau aber lückenhaft erzählt.
Kommerziell und Digital
Ja: Der „Pop Shop“ von Keith Haring, dessen Version aus Tokio in einer tristen Version, nämlich stillgelegt und ohne käufliche T-Shirts, Buttons und Posters, in der Schau aufgebaut wurde, war ein Modell dafür, dass ein Künstler neben teuren Werken auch günstigere Spin-offs anbietet. Doch tut das heute nicht auch jeder Louis-Vuitton-Flagship-Store?
Das Spiel mit limitierten Auflagen und künstlicher Rarität (tatsächlich startete KAWS’ Karriere mit dem Spielzeug eines japanischen Herstellers und nicht mit Kunst) hat sich – hallo, Labubu! – enorm aufgefächert, ebenso die Ausweitung auf digitale Medien (KAWS partizipierte auch am Markt für sogenannte NFT-Zertifikate fleißig mit).
Demgegenüber bleibt die Albertina-Schau überraschend undigital und ungegenwärtig: Saaltexte und Katalog referieren lieber die Anleihen bei kunsthistorischen Bildformeln (eine KAWS-Figur hält eine andere wie Maria den toten Christus in der „Pietà“) und die vielfach geschichteten Popkultur-Referenzen (Simpsons, Beatles, Disney ...).
Kunstdemokratisierung für Insider
Das ebenfalls ins Treffen geführte Bemühen des Künstlers um eine „universelle Sprache“ steht dazu in zartem Widerspruch: Denn bei aller Wiedererkennbarkeit und Markenidentität belohnt KAWS ebenso das Insiderwissen seines Publikums wie andere Künstler auch. Nur dass die Elite heute eben Streetwear trägt. Ob sie überhaupt Comics liest?
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