Catherine Deneuve als Schauspielerin, die ihre Memoiren schreibt und über ihre Vergangenheit lügt: „La Vérité  – Leben und lügen lassen“

© FILMladen/Laurent Champoussin

Kino
03/03/2020

Kore-eda Hirokazu im Interview: Ein Japaner in Paris

Der japanische Palme-Gewinner Kore-eda Hirokazu drehte erstmals in Frankreich – mit Deneuve und Binoche

von Alexandra Seibel

Kore-eda Hirokazu ist ein Meistererzähler des japanischen Kinos. Sein Schwerpunkt: Familie. Mit seinem Drama „Shoplifters“ gewann er die Goldene Palme in Cannes – und blieb dann gleich in Frankreich. Dort drehte er – erstmals außerhalb Japans – seinen nächsten Film: Für „La vérité – Leben und lügen lassen“ (ab Freitag im Kino) holte er Legenden des französischen Kinos wie Catherine Deneuve und Juliette Binoche vor die Kamera – und erzählte ein sehr intimes Mutter-Tochter-Drama.

Catherine Deneuve spielt Fabienne, eine große französische Schauspielerin, die gerade ihre Memoiren veröffentlicht hat und darin sehr freizügig mit der Wahrheit umgegangen ist. Ihre Tochter Lumir (Binoche) reist extra mit Mann und Kind aus New York an, um die Buchveröffentlichung zu feiern. Sie kann gar nicht fassen, mit welchen beschönigenden Lügen ihre Mutter das eigene Leben zurechtbiegt und stellt Fabienne zur Rede. Feinsinnig spinnt Kore-eda die familiären Beziehungen zu einem dichten, dramatischen Geflecht und zeigt seine Hauptdarstellerinnen in Höchstform.

KURIER: Herr Kore-eda, Sie haben erstmals nicht in Japan, sondern in Frankreich gedreht. Was empfanden Sie als die großen Unterschiede zu Ihrer Arbeit zu Hause?

Kore-eda Hirokazu: Wenn ich Geschichten über Japaner schreibe, dann vermeide ich direkte Auseinandersetzungen. In Frankreich ist mir aber aufgefallen, dass die Menschen sehr direkt mit Worten aufeinanderprallen. Zudem habe ich den französischen Mitarbeitern mein Drehbuch gegeben und sie gebeten, all jene Dinge anzumerken, die nicht ihrer Kultur entsprechen. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Juliette Binoche als Lumir besucht mit ihrem Mann und ihrem sechsjährigen Kind ihre Mutter und wohnt bei ihr im Haus. In einem japanischen Film hätte ich das Kind bei den Eltern im Zimmer schlafen lassen. Doch mir wurde gesagt, dass das in Frankreich undenkbar wäre, daher haben das Drehbuch geändert und das Kind in sein eigenes Zimmer übersiedelt.

Sonst gab es keine kulturellen Unterschiede zu Japan?

Oh doch, zum Beispiel die Tatsache, dass man in Frankreich nur acht Stunden am Stück arbeitet – das war sehr ungewohnt für mich. Oder dass zwei Tage in der Woche frei sind. Das ist natürlich toll, aber ein großer Unterschied zu Japan: Wenn man dort einmal mit dem Drehen begonnen hat, geht die Arbeit immer weiter und weiter. Wer haben keine Gewerkschaft.

Hatten Sie einen besonderen Bezug zu Catherine Deneuve, der Sie bewogen hat, sie in der Hauptrolle zu besetzen?

Ich habe Catherine Deneuve erstmals in dem Film „Die Regenschirme von Cherbourg“ (1964) gesehen – und von da ab war mir klar, was für eine unglaublich starke Präsenz sie im französischen Kino hat. Das konnte ich alles in meine Geschichte packen. In dem Moment, als ich mich dafür entschied, in Frankreich und nicht in Japan zu drehen, wollte ich die Rolle mit jemanden besetzen, der die Geschichte des französischen Kinos verkörpert. Sie war perfekt dafür.

Der Film handelt von einer französischen Star-Schauspielerin. Wie viel vom „echten“ Leben der Deneuve ist in die Geschichte eingeflossen?

Catherine Deneuve hat mir nie Vorschriften gemacht, was die Nähe zu ihrem eigenen Leben betrifft. Es gibt im Film zum Beispiel die Geschichte mit einer engen Freundin von Fabienne, die auch Schauspielerin war und früh gestorben ist. Deneuve sagte nie, ich müsse dieses Detail streichen, weil es sie an ihre Schwester, die ebenfalls früh gestorben ist (die Schauspielerin Françoise Dorléac, Anm.), erinnern würde. Gleichzeitig war für sie ganz klar, dass sie und Fabienne komplett unterschiedliche Persönlichkeiten sind. Im Gegensatz zu Ihrer Figur, hat Deneuve etwa ein sehr gutes Verhältnis zu ihrer eigenen Tochter. Ich hatte übrigens die Gelegenheit, zur Vorbereitung zwei lange Interviews mit Deneuve zu machen, und habe sie gefragt, ob es eine junge Schauspielerin gäbe, die ihre DNA in sich trage. Darauf hat sie mir freundlich geantwortet: „Nicht in Frankreich.“ Dieser Satz hat mir sehr gut gefallen, und ich habe ihn gleich zu Beginn des Films verwendet.

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