Kultur
22.12.2017

Kommentar: Ein Theater an der Wien

Vieles bleibt beim Alten, ein Neuer - ist das genug?

Wissen Sie schon, was Sie 2027 machen? Nein? Stefan Herheim weiß es.

Gerade einmal ein bisschen mehr als zehn Jahre ist es her, dass das Theater an der Wien wieder Opernhaus wurde. Seitdem ist viel geschehen: Die ersten Jahre führte Roland Geyer eine neue Sicht auf Oper in Wien ein; die weiteren Jahre wurde diese Sicht einzementiert. Abenteuerlich ist, dass die Stadt Wien nun festschreibt, wie es fast genauso lange – zehn Jahre – in der Zukunft mit der Oper im Theater an der Wien weitergehen soll.

Denn die Branche steht, auch wenn die Fans das nicht so gerne hören, vor großen Herausforderungen. Nicht umsonst soll in der Staatsoper das (bisher recht leere) Schlagwort Oper 4.0 die Amtszeit von Bogdan Roščić (2020–2025) bestimmen. Im derzeit noch innovativeren Haus an der Wien zielt man von vornherein nur auf Oper 2.5 ab: Halb innovativ.

Denn Herheim ist zwar ein toller Regisseur, der Aufsehen erregende Inszenierungen geliefert hat. Aber kein Revoluzzer: Er ist innovativ im Rahmen dessen, was der Betrieb zulässt. Und bis Herheim überhaupt antritt, gibt es quasi noch eine volle Amtszeit Roland Geyer. Der ist seit 2006 und, dank Vertragsverlängerungen, noch fünf Jahre im Amt. Sein Opernhaus muss aufpassen, dass man die ersten zwei Jahre nicht Roščić von der Ersatzbank aus zuschaut: Hier Weiterschreibung eines ursprünglich innovativen, nun festgefahrenen Ansatzes; dort frischer Wind (wenn auch in engen Grenzen).

Insofern ist das Timing unglücklich: Die Stadt wäre wohlberaten gewesen, 2020 auch mit einem opernpersonellen Paukenschlag aufwarten zu können. So viel Mut hat man nicht aufgebracht. Ach ja: Der bleibt im Musical vollends aus. Christian Struppeck hat von der zähen Entscheidungsfindung seit 31. Mai voll profitiert: Gerade noch rechtzeitig landete er den Riesenhit I Am From Austria. Das gab Politikern und VBW-Leitung die Möglichkeit, über vergangene Misserfolge – Schikaneder war nur zu 66 Prozent ausgelastet – hinwegzugehen und den Blick starr auf die aktuell guten Zahlen zu richten. Struppeck wird sich bis 2020 nicht überanstrengen: Bis 2019 spielt das Raimund Theater "I Am From Austria", dann wird es renoviert – und ist 14 Monate zu. Die andere Bühne spielt Tanz der Vampire. Musicalchef müsste man sein.

Da lässt sich die Empörung der Opposition gut ertragen. "Einmal mehr ist jede Zukunftsentwicklung bei den Vereinigten Bühnen Wiens abgeblasen", sagt Neos-Klubobfrau Beate Meinl-Reisinger. Hat wer etwas anderes erwartet?