Sensationeller Fund: Klimts Geliebte spricht

Gustav Klimt. © Bild: © Klimt-Foundation, Wien

Maria Zimmermann war Muse, Modell und Mutter zweier Kinder des vor 100 Jahren verstorbenen Genies. Hier wird zum ersten Mal ein Tonband veröffentlicht, in dem sie Privates über den Maler verrät.

Dass er mit vielen seiner Modelle Affären hatte, ist bekannt. Doch Maria "Mizzi" Zimmermann genoss bei Gustav Klimt eine Sonderstellung. Sie war mehrere Jahre mit ihm liiert und schenkte ihm zwei Söhne. Maria Zimmermann starb 1975 im Alter von 96 Jahren. Ein halbes Jahr vor ihrem Tod erzählte sie ihrer Urenkelin über ihre Beziehung zu Klimt. Lucina Kunz geb. Zimmermann gab mir jetzt das Tonband, das sie damals mitlaufen ließ.

"Wie hast du ihn kennen gelernt?", lautet die erste Frage, die die 13-jährige Lucina mit kindlicher Stimme stellt.

Marias Traummann

"Ich habe mir als Mädel immer vorgestellt, wie mein Traummann aussieht", antwortet die Uroma. "Ich hab damals in der Lange Gasse eine Fortbildungsschule besucht. Eines Abends geh ich über die Josefstädter Straße, da kommt mir der Herr Klimt entgegen. Ich denke mir, mein Gott, der ist genauso, wie ich mir einen schönen Mann vorstelle.""Und wie ist es dann weitergegangen?", fragt Lucina."Ich hab ihn wahrscheinlich so auffallend angeschaut, dass er auf mich aufmerksam geworden ist. Bei der nächsten Begegnung hat er mich gegrüßt und dann angesprochen: ,Fräulein, wollen Sie sich von mir malen lassen?’"

Die große Liebe

Das Gespräch zwischen Maria Zimmermann und ihrer Urenkelin fand im Sommer 1974 in der kleinen Bassenawohnung der alten Dame in Wien-Fünfhaus statt. "Sie hat auch nach so vielen Jahren nur in den höchsten Tönen von Klimt gesprochen", erinnert sich der heute 78-jährige Gustav Zimmermann, der bei dem Interview seiner Tochter mit seiner Großmutter dabei war. "Klimt war die große Liebe ihres Lebens." Und das, obwohl sie wusste, dass sie nicht seine einzige Freundin war.

"Ich war nicht schön"

Mizzi war 18, Klimt 35, als sie sein Modell wurde. "Man muss nicht schön sein", erklärt sie auf dem Tonband, "man muss nur ein Typ sein, der den Künstler interessiert. Ich war ja nicht schön.""Oh ja", unterbricht Lucina, "du warst schön"."Nein, aber es war eine Mischung in mir, die er sofort erkannt hat. Mein Vater war russischer und meine Mutter böhmischer Abstammung, das hat ihn interessiert."Es sollte nicht sehr lange dauern, bis Mizzi in Klimts Armen lag, er mietete in der Tigergasse, gleich bei seinem Atelier, für sie eine Wohnung, in der sie dann mit seinen Söhnen Gustav und Otto lebte.

Die Familie ernährt

"Der Herr Klimt" erzählt Maria Zimmermann weiter, "ist selbst in kleinen Verhältnissen in Baumgarten aufgewachsen. Als er sieben war, sind seine Eltern mit ihm und seinen sechs Geschwistern nach Wien auf die Schmelz übersiedelt, damit er in die Schule gehen konnte. Seinem Vater musste er auf dessen Totenbett versprechen, dass er sich um die Familie kümmern wird."

Das hat der damals schon bekannte, aber meist unter Geldmangel leidende Maler auch getan. "Er hat sehr einfach mit seiner Mutter und zwei unversorgten Schwestern in einer Zweizimmerwohnung gelebt", sagt Mizzi. Bei aller Bescheidenheit habe Klimt jedoch wert auf elegante Kleidung gelegt. "Er hat sich die feinsten Stoffe ausgesucht und dem Schneider immer die Fasson vorgegeben, wie er den Anzug machen soll. Er hat Lackschuhe mit schwarzen Seidenbändern getragen. Meist hat er einen Hut in der Hand gehalten und so die Leute auf der Straße gegrüßt. Er war eine auffallende Erscheinung, dabei hat er sich gar nicht auffallend benommen."

Klimt war kein Raucher

"Hat er geraucht?", will Lucina wissen."Nein, das wär ja gar nicht gegangen. Stell dir vor, er hätte im Atelier geraucht. In einer Hand hatte er die Palette, in der anderen den Pinsel. Da hätte er doch a Zigarette gar nicht halten können. Außerdem war er ein Naturmensch, er hat die gute Luft geliebt."Mizzi erzählt noch, dass sie eine Vorstellung des weltberühmten Tenors Caruso in der Hofoper besucht hätte – auf Anraten Klimts, der sich sehr für Musik begeisterte. Aber gemeinsam gingen sie offensichtlich nie aus – sie waren ja kein "offizielles Paar".

Ein bissl ein Verhältnis

Doch darüber spricht sie nicht. Mizzi erwähnt auf dem Tonband nur kurz Klimts langjährige Vertraute Emilie Flöge, "mit der muss er ein bissl ein Verhältnis gehabt haben". Andere Frauen werden nicht genannt.Die heute 56-jährige Lucina Kunz bedauert, dass sie damals, mit 13 Jahren, nicht in der Lage war, gezieltere Fragen zu stellen. "Ich hatte kein Konzept, habe einfach gefragt, was mir einfiel. Später haben sich Fragen aufgedrängt, aber da war’s zu spät."Glücklicherweise spricht Maria Zimmermann auch von sich aus Themen an, etwa eine Episode, die auf Klimts Tierliebe hinweist: "Er ist jeden Tag von seiner Wohnung in der Westbahnstraße 36 in sein Atelier in der Josefstädter Straße 21 gegangen. Eines Tages – er trug Frack und Zylinder, weil er am Abend eine Einladung hatte – begegnet ihm am Spittelberg eine Kutsche. Das Pferd hat sich angestrengt, ist den Berg aber nicht hinaufgekommen. Da hat der Kutscher die Peitsche genommen und das Pferd geschlagen. Wie der Klimt das sieht, ist er hin zu dem Kutscher, hat ihm die Peitsche entrissen und eine herunter gehaut. Dann hat er, obwohl er so elegant angezogen war, am Fuhrwerk angetaucht, um dem Pferd zu helfen. So kam die Kutsche über den Spittelberg. Er war halt ein herzensguter Mensch."

Der zweite Sohn

Wann die Beziehung auseinanderging, wissen wir nicht. Jedenfalls brachte Maria im Jahr 1902 noch den zweiten gemeinsamen Sohn Otto zur Welt (der im Kindesalter starb). Der Kontakt blieb weiterhin aufrecht, da der Maler sich um seine Kinder kümmerte. Mizzi spricht auch über Klimts Tod: "Er ist am 11. Jänner im letzten Kriegsjahr in der Früh aufgestanden, will sich anziehen, fällt hin. Wie seine Schwester ins Zimmer kommt, lag er regungslos am Boden, es war ein Schlaganfall. Gestorben ist er am 6. Februar 1918 um 6 Uhr in der Früh im Allgemeinen Krankenhaus."Klimt hinterließ Mizzi laut Testament 4000 Kronen, das war nicht sehr viel. "Die vielen Bilder, die er meiner Großmutter zu seinen Lebzeiten schenken wollte", weiß Gustav Zimmermann, "hat sie nicht genommen, sie sagte: ,Ich bitt dich, verkauf die Bilder, ich brauch das Geld zum Überleben’."

Marias großer Fehler

Das war wohl ein Fehler. Klimts Bilder zählen heute zu den teuersten Kunstwerken der Welt, seine "Goldene Adele" erzielte 2006 in den USA 135 Millionen Dollar. Maria Zimmermann lebte bis zuletzt in sehr bescheidenen Verhältnissen.

( kurier.at ) Erstellt am 21.01.2018