Rainer Voss, Ex-Top-Investment-Banker in der Doku „Master of the Universe“, verrät keine Unternehmensgeheimnisse, sondern legt die Psychologie offen: „Bei einer Bank ist es letzten Endes wie bei der Armee“

© Polyfilm

Master of the Universe

Kein Kontakt zur Außenwelt

Regisseur Marc Bauder im Interview zu seiner Doku über den ehemaligen deutschen Top-Investmentbanker Rainer Voss.

von Alexandra Seibel

12/14/2013, 09:12 AM

In seinem früheren Leben hat der deutsche Regisseur Marc Bauder Betriebswissenschaften studiert. Das traf sich gut, denn mit diesem Wissen konnte er bei seinen Gesprächspartnern „Kompetenz suggerieren.“

Die Gesprächspartner – das waren hochrangige Investmentbanker, von denen sich einer vor Bauders Kamera stellte: Rainer Voss, mächtiger Ex-Banker Mitte fünfzig, steht Bauder zum Thema entfesselte Hochfinanz Rede und Antwort. In „Master of the Universe“, Bauders sorgfältig inszenierter Doku über die Finanzkrise (derzeit im Kino), ist Voss die zentrale Auskunftsperson. Er erzählt, wie er per Mausklick mit Millionen jonglierte und wie abgekoppelten das Leben in der Finanzwirtschaft verlief.

Ein Gespräch mit Marc Bauder über Glasfassaden, leere Hochhausbüros und Raumschiff Enterprise.

KURIER: Herr Bauder, die Finanzwelt ist notorisch verschwiegen. Wie haben Sie einen Ex-Top-Banker wie Rainer Voss zum Sprechen gebracht?

Marc Bauder:Den Beruf, den Rainer Voss gemacht hat, gab es 15-mal in Deutschland und 50-mal in Europa. Da kennt man einander. Einen aktiven Banker für so einen Film zu bekommen, ist schwer. Als ich Rainer Voss kennenlernte, war er zwei Jahre aus seinem Beruf heraus und hatte begonnen, sich mit seinem Handeln kritisch auseinanderzusetzen.

Das Thema Finanzkrise gilt vielen Menschen als nur schwer verständlich ...
Jeder von uns hat das Bauchgefühl, dass etwas nicht stimmt, aber keiner kann es benennen. Jeder hält sich für inkompetent, weil er die Begrifflichkeiten nicht kennt. Aber der Film zeigt ganz klar, dass weniger Theorie da ist, als man am Anfang denkt.

Wo genau filmen Sie während Ihres Gesprächs?
In einer leer stehenden Bank mitten in Frankfurt. Was man meist nicht weiß: 30 Prozent der Büros in Frankfurt stehen leer. Das sieht man nicht, weil sie von außen so schön verspiegelt sind. Deswegen ist das ausgeräumte Gebäude eine so wunderbare Parabel dafür, wie sinn- und inhaltslos das ist, was gerade mit uns passiert.

Voss erzählt, wie er sich vor seinem Bildschirm manchmal wie der „Master of the Universe“ auf der Kommandozentrale der Enterprise fühlte. Das sind doch recht verblüffende Sätze von einem Banker, oder?
Ja, da sitzt man im hohen Turm und hat keinen Kontakt mehr zur Außenwelt. Die Informationen kommen, man bewertet sie, man klickt, und plötzlich passiert etwas. Da geht es darum, schneller als die anderen zu sein. Voss sagte mir einmal – dieser Satz ist nicht im Film – das sei ein Adrenalinausstoß wie beim Sex.

Er sagt aber auch, dass keiner die Rechnungslegung der Deutschen Bank verstehe.
Die Finanztransaktionen sind auch so komplex, dass sie keiner mehr versteht. Man trifft Entscheidungen unter Risiko. Das ist äußerst beängstigend. Und die Finanzindustrie fungiert als Berater der Politik, um Probleme zu lösen, die sie verursacht hat – das ist ein absurdes Spiel.

Voss bricht das Gespräch mit Ihnen auch immer wieder ab.
Er steht natürlich unter Druck. Aber ich finde die Abbrüche wichtig: Man merkt, dass es auch noch andere Geschichten gibt, wenn die Kamera ausgemacht wird.

Er ist seiner Biografie gegenüber recht nachsichtig – etwa, wenn er erklärt, warum er nicht Babyurlaub nehmen wollte.
Frauen reiben sich meist mehr an seiner Figur als Männer. Manchmal tritt im Film die persönliche Komponente in den Hintergrund, aber ich glaube, ich habe genug Spuren gelegt, die darauf verweisen. Voss hat ja seine eigene Familie behalten, aber ich schätze, dass ungefähr 80 Prozent seiner Kollegen im Zuge ihrer Karrieren neue Familien gründen.

Wie viele Geheimnisse hat Ihnen Rainer Voss tatsächlich verraten?
Alles, was er erzählt, könne man nach längerer Recherche auch im Internet finden. Aber er legt die Psychologie offen. Er macht uns verständlich, was für ein Typus da in der Hochfinanz agiert. Er erzählt, wie die Organisation aufgebaut ist, was für ein unglaublicher Konkurrenzdruck herrscht, wie sich die Banker gegenseitig aufschaukeln ... Ich glaube, der Film hilft uns, die Einzelteile, die wir bis jetzt über die Finanzkrise gehört haben, wie ein Puzzle zusammenzusetzen. Und zu merken: Hinter jeder Krise sind Menschen. Um Krisen einzudämmen, müssen wir uns mit den Menschen beschäftigen und verstehen, was sie antreibt.

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