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Kultur
08/03/2019

Juliette Binoche: "Wer will denn schon sterben?"

Der französische Filmstar über den neuen Film „So wie du mich willst“, Vergänglichkeit und die „Unsichtbarkeit“ älterer Frauen.

von Alexandra Seibel

Im wirklichen Leben ist Claire fünfzig, doch online gibt sie sich als 24-jährige Clara aus. Auf Facebook trifft sie einen jungen Mann, mit dem sie einen innigen Austausch beginnt – bis hin zum Telefonsex. Die beiden verlieben sich. Doch als er sie persönlich kennenlernen will, gerät Claire in die Bredouille.

Juliette Binoche, 55, spielt die liebeshungrige Literaturprofessorin Claire mit Hang zum Melodrama, aber einem Bein in der Komödie: In dem Psycho-Drama „So wie du mich willst“ (Kinostart: Freitag, 9. August) präsentiert die französische Star-Schauspielerin erneut das weite Spektrum ihrer großen Darstellungskunst – zwischen tief empfundenen Gefühlen und befreiender Komik.

Ein Gespräch mit Juliette Binoche über die Angst vor der Wiederholung und den Humor, den man zum Älterwerden braucht.

KURIER: Frau Binoche, Sie spielen eine Frau, die sich auf Facebook als sehr viel jünger ausgibt, als sie ist. Geht es in diesem Film um die Midlife-Krise?

Juliette Binoche: Oh ja. Und bei allen Geschichten, die man darüber hört, wirkt sich die Midlife-Krise auf Männer anders aus als auf Frauen. Im Alter von 50 verlassen die Männer oft ihre Frauen für eine Jüngere und starten eine neue Familie, als wäre nichts geschehen. Vielleicht liegt es daran, dass sie sich davor fürchten, eine neue Lebensphase zu durchlaufen, die etwas mit dem Älterwerden zu tun hat. Mit einer jüngeren Frau kann man sich davon ablenken: Das Begehren kehrt zurück, es gibt eine neue Familie, neue Kinder. Das Ego wird bestätigt und die Illusion von Jugend lebt auf – zumindest für eine bestimmte Zeit. Das ist der Klassiker. Natürlich ist dieser Re-Start-Versuch eine Panik-Reaktion, aber irgendwie auch verständlich. Wer will schon sterben? (lacht erdig)

Aber macht Ihre Figur Claire nicht genau das gleiche? Sie versucht ja auch, einen viel jüngeren Mann kennen zu lernen.

Ja, aber es ist eine Online-Illusion, die nicht tatsächlich stattfindet. Claire selbst wurde erst von ihrem Mann, dann von ihrem jüngeren Liebhaber verlassen. Mit ihrem Fake-Profil auf Facebook versucht sie nun, den Schmerz und die Depression zu vergessen.

Was war es eigentlich, was Sie an der Rolle der Claire gereizt hat?

Ich hatte den Eindruck, dass sie eine Reise antritt. Am Anfang weiß man gar nicht, wo die Geschichte hinführen wird, und erst nach und nach eröffnen sich verschiedene Dimensionen. Claire ist jemand, der gerade eine sehr schlimme Zeit durchmacht. Sie wird mehrfach verlassen und fragt sich nun, wie sie diese Situation durchstehen soll. Facebook ist für sie nur ein Werkzeug, um ihre Würde zurück zu gewinnen. In Wirklichkeit aber ist sie auf der Suche nach echter Liebe – nach Beweisen für echte Liebe.

Claire sagt einmal den Satz: „Der schlimmste Feind ist der, den es eigentlich gar nicht gibt.“ Können Sie das erklären?

Ja, das ist interessant. Ich glaube, dass wir uns oft von Kindheit an Überzeugungen zurecht legen, die unser ganzes Dasein bestimmen. Dabei handelt es sich um eine Art von Trugschluss, der uns unser ganzes Leben gefangen hält. Ich gebe ein Beispiel: Viele Leute glauben von sich, dass sie eigentlich nicht liebenswert sind. Irgendetwas ist in ihrer Kindheit schiefgelaufen, und nun verfolgt sie dieser Gedanke und macht es schwierig, Beziehungen zu führen. Jedes Scheitern einer Beziehung bestätigt ihre fälschliche Annahme: Sie sind nicht liebenswert. Erst, wenn sie sich von dieser Idee befreien, ist eine Veränderung möglich. Ich will hier jetzt nicht allzu psychologisch werden, aber ich glaube, das ist es, was Claire mit ihrem Satz meint.

Claire nimmt die Identität einer anderen Frau an. Im Grunde  agiert sie ähnlich wie eine Schauspielerin, oder?

Das stimmt, als Schauspielerin schlüpft man in andere Identitäten.  Aber ich selbst versuche immer, eine Erfahrung, die ich selbst gemacht habe,  mit einer Rolle zu verbinden. Denn die Erfahrung des Lebens vermittelt sich über den Körper. Das ist ja auch das Problem, das Claire mit dem jungen Lover auf Facebook hat: Sie fühlen zwar ihre Zuneigung, aber sie erleben sie  nicht körperlich.

Es gibt eine Szene, in der der junge Mann direkt an Claire vorbei geht, sie aber übersieht, weil er nach einer Jüngeren Ausschau hält. Man sagt ja auch, dass Frauen ab einem „gewissen Alter“ für Männer unsichtbar werden. Ist diese Begegnung ein Kommentar dazu?

Ja, auf jeden Fall. So funktioniert eben unsere Gesellschaft. Ich habe das Gefühl, das Leben lehrt uns ab einem gewissen Punkt eine neue Form von Demut: Man muss eine große Menge des eigenen Egos abbauen. So läuft es eben (lacht ein wenig beklommen). Wenn man 50 wird, ist das ein Schritt in diese Richtung. Dann kommt 60, dann 70... Die Ego-Schalen werden immer weniger, wie bei einer Zwiebel. Das ist notwendig, um am Ende friedlich aus dem Leben  scheiden zu können. Es ist ein schmerzvoller Prozess, weil wir uns von vielen Dingen einfach nicht verabschieden wollen. Als junger Mensch fühlt man sich stark, voller Lebenslust und eigener Wichtigkeit, doch mit zunehmendem Alter nimmt das ab. Das ist unfair, aber man muss es akzeptieren.   Humor hilft dabei.

Gibt es auch etwas, was man mit dem Älterwerden gewinnt?

Tja. Man bekommt mehr Humor. Und man erlangt eine bestimmte Freiheit, weil sich das Wertesystem ändert.   Man nimmt die Dinge weniger  in ihren Oberflächen wahr, sondern mehr von innen. Man wird toleranter. Es ist einfach eine Reise, die man mit dem Älterwerden antritt. Das wissen wir alle.

Können Sie sich an Rollen erinnern, die Sie, nachdem die Dreharbeiten vorbei sind, beschäftigen und beeinflussen?

Manchmal, wenn ich eine neue Rolle einstudiere, die mich an frühere erinnert,  dann vergleiche ich bei der Vorbereitung die beiden Figuren bewusst miteinander. Ich arbeite dann für mich die Unterschiede heraus. Denn ich hasse es, mich zu wiederholen. Das ist etwas, das ich wirklich nicht ausstehen kann. Viele Leute fragen mich beispielsweise oft danach, wie es für mich war, die Rolle der trauernden Witwe und Mutter in „Drei Farben: Blau“ (von Krzysztof Kieslowski, 1993, Anm.)  zu spielen. Wenn ich daran zurückdenke, dann kann ich mich an den Gefühlszustand erinnern, in dem ich mich damals befand. Aber das ist auch schon alles. Ich möchte nicht an Dingen  festhalten, die ich in der Vergangenheit gemacht habe. Ich lebe sehr in der Gegenwart. Und ich verändere mich.

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