Kultur
07.09.2018

Josefstadt: Gelungene Kehlmann-Uraufführung

Ein Flüchtlingsschiff irrt durch den Ozean (1939, nicht 2018): „Die Reise der Verlorenen“.

Den stärksten Moment hat diese Aufführung ganz am Schluss: Die Darsteller treten an die Rampe und jede Figur berichtet, was aus ihr geworden ist: Im KZ ermordet, im Versteck überlebt, im Krieg gefallen, mit den Nazis kooperiert... eine jüdische Frau sagt: „Ich hatte Glück. Ich bin gestorben.“

Da wird es ganz still im Zuschauerraum.

Kehlmann-Werk

Daniel Kehlmann hat in seinem dritten Auftragswerk für das Theater in der Josefstadt ein Stück über die wahre Geschichte von 937 jüdischen Flüchtlingen geschrieben, die 1939 auf dem Schiff St. Louis den Nazis zu entkommen versuchten – die aber niemand aufnehmen wollte. Das Stück heißt „Die Reise der Verlorenen“, Basis war das Sachbuch „Reise der Verdammten“.

Kehlmann ist es merkbar wichtig, dass er reale Ereignisse schildert, immer wieder lässt er Figuren betonen, dass das, was sie gleich erzählen werden, wirklich so passiert ist, auch wenn es übertrieben erscheint.

Kehlmann und Regisseur Janusz Kica setzen auf einer fast leeren, eine Schiffswand andeutenden Bühne (Walter Vogelweider) auf „Dokumentartheater“. Szenen werden meist nur angedeutet, immer wieder steigen die Schauspieler aus der Handlung aus und wenden sich, erklärend und erzählend, direkt ans Publikum. Dieser Stil ist dem Thema des Abends angemessen, er macht die Aufführung aber auch ein wenig statisch und, über knapp zu Stunden, manchmal etwas zäh.

32 Schauspieler (und jede Menge Statisten) werden eingesetzt, um die verschiedenen Schicksale anzureißen.

Aus dem wirklich großartigen Ensemble ragen zwei Personen heraus (sie haben aber auch die besten Rollen). Hausherr Herbert Föttinger spielt den Kapitän des Flüchtlingsschiffes, den es zwischen Pflichtbewusstsein und Hilfsbereitschaft schier zerreißt (und der nach dem Krieg nie wieder zur See fahren wollte). Und Raphael von Bargen ist als wirklich ganz besonders grauslicher, bösartiger Nazi großartig.

Macht und Geld

Es ist Kehlmann hoch anzurechnen, dass er nicht auf Schwarzweiß-Bilder setzt: Es findet keine Trennung in Engel und Teufel statt, jeder ist sich selbst der Nächste, es geht um Macht, denn Macht sichert das Überleben.

Dass diese Inszenierung auf „Aktualisierungen“ verzichtet, war eine richtige Entscheidung. Man kann ohnehin nicht anders, als an die Gegenwart zu denken, wenn etwa im Stück Politiker erklären, warum man keine Flüchtlinge aufnehmen könne. Die Argumente haben sich nicht geändert.

Im Hintergrund steht immer das Geld. Alle wollen an den Flüchtlingen verdienen, sie selbst bleiben dabei über.

Am Ende, als der verzweifelte Kapitän bereits erwägt, das Schiff vor England auf Grund zu setzen, kommt die Nachricht: England, Frankreich, Belgien und Holland sind bereit, die Juden aufzunehmen. Eine letzte Lotterie ums Überleben: Wer nach Belgien, Holland oder Belgien kam, hatte kaum eine Chance. Der deutsche Blitzkrieg holte ihn schon bald ein.

Fazit: Ein beeindruckendes Stück mit ein paar Längen, das sich sicher bald geschmeidig einspielen wird. Sehenswert. Großer Jubel vom Publikum, vor allem für Daniel Kehlmann.